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Leichenpredigten Verzweifelte Witwe tötet ihre Kinder
UNIversum Leichenpredigten Verzweifelte Witwe tötet ihre Kinder
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17:28 07.09.2011
Die auf diesem Gemälde aus dem Jahr 1620 von Domenico Fetti verbildlichte Melancholie war im 17. Jahrhundert eine Volkskrankheit.
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Marburg. Die tragische Geschichte hätte es heutzutage wahrscheinlich auf die Titelseiten der Boulevardzeitschriften geschafft. Doch der Kindsmord aus Melancholie, der über eine in der Historischen Bibliothek in Rudolstadt erhaltene Leichenpredigt der Nachwelt überliefert wurde, ereignete sich im 17. Jahrhundert.

Anlass für die Darstellung der Ereignisse war eine ähnliche Tat, die sich sechs Jahre später in Bautzen (Sachsen) ereignete. „Zusammen mit dem angefügten Bericht über den Mord in Bautzen liefern die Schilderungen Einblicke in Tathergang und zeitgenössische Wahrnehmung eines solchen Verbrechens“, erläutert Birthe zur Nieden. Die Mitarbeiterin der Marburger Forschungsstelle für Personalschriften hat die Geschichte im Archiv entdeckt.

Für Margaretha Richter war es der zweite Schicksalsschlag innerhalb kurzer Zeit: Erst war ihr Mann gestorben, dann wurde die Tochter schwer krank. Die Mutter verbrachte mehrere Tage am Bett der Tochter und vernachlässigte dabei völlig das zweite Kind im Säuglingsalter, das sie nicht mehr stillte. Was dann am 20. November geschah, liest sich in der von Pfarrer Petrus Scheele verfassten Trauerschrift folgendermaßen: „Der Teufel verblendet sie so sehr, daß sie die Dienstdirne aussendet, und unterdeß zu erst das kleinste, darnach das gröste Kind in die Küchen führet, und schneidet einem nach dem andern die Gurgel ab.“

Die Witwe habe sich eigentlich zunächst aus lauter Verzweiflung selbst töten wollen, berichtet Pfarrer Scheele. Doch nach diesem ersten Plan habe sie sich gedacht, sie könne sich nicht selbst umbringen und ihre Kinder leben lassen. Denn dann müssten die Kinder immer mit der Schande leben, „dass ihre Mutter eine Mörderin sei“.

Den Selbstmord, den sie auf die Ermordung der Kinder folgen lassen wolte, verhinderten die durch die Schreie der sterbenden Kinder und die zurückgekehrte Dienstmagd herbeigerufenen Nachbarn. Im Gefängnis bereute die Kindsmörderin ihre Tat. Mehrere Prediger überzeugten die Frau aber, dass die Gnade Gottes ihr trotz des schrecklichen Vergehens auch weiterhin gelte.

Zwar wurde die Frau trotzdem hingerichtet. Und auch Pfarrer Scheele verurteilte die Kindsmörderin in seiner Trauerschrift aufs Schärfste. Dennoch attestierte er ihr wegen ihrer „Melancholie“ gewissermaßen mildernde Umstände. So habe die Täterin bereits in ihrer Jugend „fast ein Delirium erlitten" – also einen akuten Fall von Wahnsinn, wozu damals die Melancholie zählte. „Wenn sie ein Messer gesehen, hat sie Gedancken von eigenem Mord auffsteigend gefühlet“, berichtet der Pfarrer. Als Hauptgrund für den Selbstmordversuch nannte Pfarrer Scheele die Melancholie der Frau als eine körperliche und seelische Störung. „Diese wurde schon von Zeitgenossen im 17. Jahrhundert als Volkskrankheit wahrgenommen, und ihre Zunahme beschäftigte Philosophen, Ärzte und Geistliche“, erläutert zur Nieden.

von Manfred Hitzeroth

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