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Leichenpredigten Pfarrerssohn sprang vom Schuldach in den Tod
UNIversum Leichenpredigten Pfarrerssohn sprang vom Schuldach in den Tod
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15:47 25.08.2011
Das Thema Selbstmord beschäftigte vor mehra als 300 Jahren auch die Künstler: Diese zeitgenössische Darstellung eines Künstleres zeigt einen toten jungen Mann. Quelle: Bild: Birmingham Museums and Art Gallery

Marburg. „Diese Trauerschrift zeigt beeindruckend die Strategie der Verarbeitung eines vermutlichen Suizids bei Familienangehörigen“, erläutert Helga Petzoldt, Dresdener Mitarbeiterin der Marburger Forschungsstelle für Personalschriften. Zudem werde in der Leichenpredigt ein interessantes Licht auf die ärztlichen Versuche zur Lebensrettung geworfen.

Petzoldt arbeitete das Schicksal des Pfarrerssohns Christian Gottfried Heidenreich auf, der am 27. Mai 1687 vermutlich bei einem Selbstmord ums Leben kam. In der Trauerschrift aus dem Bestand der Universitätsbibliothek Leipzig versuchte der Vater David Heidenreich – damals Pfarrer in dem Dorf Großkmehlen –, den tragischen Tod seines Sohnes zu bewältigen.

Dieser besuchte zum Zeitpunkt seines Todes wie zuvor auch sein Vater die Fürstenschule Sankt Afra in der sächsischen Stadt Meißen. Der junge Mann galt als fleißig und angenehm im Umgang. Doch mit einem Brief erhielt der Pfarrer von seinem Sohn am 24. Mai 1687 ein erstes Warnsignal. „Darinnen“ habe es „Klage Ach und Wehe“ gegeben, so der Vater in seiner Trauerschrift.

Drei Tage später, am Abend des 27. Mai 1687 geschah die Tragödie. Es werde glaubhaft berichtet, dass Christian Gottfried Heinrich Sterbegedanken gehabt habe. So habe der 16-Jährige auf dem Klavier das Lied „Nun lasst uns den Leib begraben“ gespielt und sei daraufhin „dem erbärmlichen Tode entgegen gestiegen“, so der Vater in seiner Trauerschrift.

Mehrere Mitschüler sahen den jungen Mann bei seiner Klettertour und riefen ihm zu, dass er nicht höher steigen solle, weil er sonst fallen werde. Doch die Warnungen verhallten ungehört, und so passierte dann das Unglück. Christian Gottfried Heidenreich stieg auf das Schuldach und stürzte vom Dach hinunter auf die Straße. Doch in seiner Trauerschrift ließ der Vater im Unklaren, ob der Schüler absichtlich in die Tiefe sprang. Er starb am 28. Mai 1687 gegen zwei Uhr morgens, nachdem auch die ärztliche Kunst nichts mehr ausrichten konnte. Nach dem Leichenbegängnis am 12. Juni 1687 setzte der Vater des Verstorbenen einige „Klageblätter“ auf. Darin fragte er: „Allzu kühner Wagehals, was wolltest Du auf dem Dache? Liegen die Ursachen für dieses Tun bei dir selbst oder außer dir?“.

Ob Selbstmord oder nicht: Der Pfarrer legte auf jeden Fall äußersten Wert auf die Feststellung, dass sein Kind „selig gestorben“ sein. Als Mahnmal für das Geschehen regte David Heidenreich am Ende seiner Schrift noch den Bau einer Statue an.

von Manfred Hitzeroth

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