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Leichenpredigten „Magenweh“ führte zu frühem Tod
UNIversum Leichenpredigten „Magenweh“ führte zu frühem Tod
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12:03 13.09.2011
Dieser Kupferstich aus dem 17. Jahrhundert zeigt die Obduktion einer Frauenleiche durch mehrere Mediziner.
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Marburg. Neben sozial- und wirtschaftsgeschichtlich relevanten Predigten stießen die Mitarbeiter der Marburger Forschungsstelle für Personalschriften im Bestand der Historischen Bibliothek der Stadt Rudolstadt auch auf Trauerschriften, die interessante Einblicke in das Verständnis von Krankheit und die Behandlung körperlicher Leiden in der Frühen Neuzeit zulassen. Dabei sind den Personalia umfangreiche Berichte über den Krankheitsverlauf beigegeben, die von den behandelnden Ärzten selbst verfasst wurden. Diese Krankengeschichten wiederum liefern dem modernen Medizinhistoriker wertvolle Materialien: Sie umreißen mit der Präzision moderner Verlaufsbeschreibungen Krankheit und Sterben, so dass sich die pathologische Terminologie des 17. und 18. Jahrhunderts in zahlreichen Fällen korrekter fassen lässt.

Beispielhaft hierfür steht die Predigt auf Anna Maria Schorer, geborene See (1637-1668) aus Regensburg. In ihr findet sich, für die damalige Zeit ungewöhnlich, eine ausführliche Beschreibung der Obduktion ihres Leichnams. Noch ungewöhnlicher aber sind die Gründe, die den Anlass zu dieser Untersuchung gaben. Das hat Avraham Siluk, Mitarbeiter der Marburger Forschungsstelle für Personalschriften, herausgefunden.

Schorer hatte an einer unnatürlichen Vergrößerung der Bauchhöhle gelitten und wollte anderen Frauen ein solches Leiden ersparen. Schon seit Jahren, vor allem aber bei den beiden letzten ihrer fünf Schwangerschaften, hatte sie mit „Magenweh, Leibsblähungen und schweren Athem, wie auch bald mit Leber und Miltzbeschwerungen“ zu kämpfen. Nach der Geburt des jüngsten Kindes wurden die Symptome immer stärker und ließen sich auch mit den üblichen Medikamenten nicht lindern. Sie konsultierte sogar einen zweiten Arzt, der ihr aber auch nicht helfen konnte. Ein halbes Jahr vor ihrem Tod meinte sie zuerst, sie sei wieder schwanger, weil ihr Bauch anwuchs. Als sich das nicht bestätigte, gingen die Mediziner von einem „Muttergewächs“ aus, aber auch die Behandlung gegen dieses Leiden schlug nicht an. Statt dessen senkte sich der Bauch ab und wurde immer schwerer. Schmerzen hatte die junge Frau dabei kaum. Sie litt dafür aber sehr unter der Last, die ihr jegliche Bewegung schwer machte. Erst wenige Tage vor ihrem Tod verschlimmerte sich ihr Zustand: Sie bekam Schwierigkeiten beim Wasserlassen, außerdem heftige Darmbeschwerden. Schließlich setzte ihr Herz aus. Sie war gerade einmal 31 Jahre alt geworden.

Um die Ursachen ihrer Erkrankung zu klären und mögliche Heilmethoden zu finden, bat sie die behandelnden Ärzte vor ihrem Tod ausdrücklich um die Autopsie. Nach der Zustimmung ihres Ehemanns Rupprecht wurde die Obduktion durchgeführt. Im Lebenslauf sind deren Befunde nachzulesen. Die beteiligten Mediziner standen aber offensichtlich vor einem Rätsel und hielten dies für einen „raren, und selten zu handen kommenden“ Fall – es bleibt heutigen Ärzten vorbehalten, dank der präzisen Angaben das Leiden von Anna Maria Schorer nachträglich aufzuklären. Ein Bekannter legt der Verstorbenen in einem beigefügten Gedicht die folgenden, traurigen Zeilen in den Mund: „Wer sonst im trucknen sitzt, kan nicht ins Wasser sincken; Ich, leider! aber muß auf trocknem Land ertrincken.“

von Manfred Hitzeroth

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