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Leichenpredigten Fünf Schüsse führten zum Tod
UNIversum Leichenpredigten Fünf Schüsse führten zum Tod
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09:56 27.09.2011
Daniel Geißler ist Mitarbeiter der Marburger Forschungsstelle für Personalschriften. Er entdeckte die grausige Geschichte des tödlichen Freundesstreits in einer historischen Bibliothek. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg. Der blutige Vorfall, der in der Leichenpredigt für Breitenbauch vom Prediger – dem Pfarrer Samuel Aufdiener – beschrieben wird, ereignete sich, nachdem Breitenbauch der Herr von Burg Ranis und kurfürstliche Kammerjunker am Hof in Dresden nach dem sonntäglichen Besuch des Gottesdienstes zwei gute Bekannte besucht hatte. Es waren die beiden Söhne der Familie von Thüna, die in der Nachbarschaft wohnten. Zunächst waren die drei Männer laut dem Pfarrer „in guter Freundschafft und Vertrauligkeit“ zusammengewesen und „biß gegen Mitternacht verblieben“.

Dann aber muss es wohl auch aufgrund des starken Alkoholgenusses zu einem schweren Streit gekommen sein. Pfarrer Aufdiener beschreibt jedenfalls in seiner Predigt, dass „das starcke Trinke“ eine Charakterschwäche des Herrn von Breitenbauch gewesen sei, die wohl auch eine Ursache für die Auseinandersetzung gewesen sei. Zudem sei es so, „daß seine martialische Geister leichtlich dadurch erwecket, ihn zu Streit-Händeln verleiteten“.

Auf dem Nachhauseweg, auf dem Breitenbauch von seinen beiden Gastgebern begleitet wurde, eskalierte dann die Situation. Was genau dazu führte, blieb auch in der Schilderung des Pfarrers unklar. „Jedoch hätten sie sich „unterwegen aber zusammen veruneiniget“, so der Prediger, und daraufhin sei es zu der „Thätlichen feindlichen action“ gekommen.

Breitenbauch erstach einen seiner beiden Kontrahenten, der andere wurde durch „zween Stiche in den Leib“ schwer verletzt und überlebte jedoch. Mit „fünf Kugeln uf einmal, tödlich geschossen“ wurde Wolff Christian von Breitenbauch schwer verwundet. Er erholte sich nicht mehr und verstarb fünf Tage später an den Folgen der Schüsse.

In seiner Beichte auf dem Totenbett gab Breitenbauch mehrfach an, er sei beleidigt worden. „Offenbar hatte sich der Streit an Ehrverletzungen entzündet“, erläutert Daniel Geißler, Mitarbeiter der Marburger Forschungsstelle für Personalschriften, der die Geschichte dieses ständischen Ehrkonfliktes in der Leichenpredigt aus dem Bestand der Historischen Bibliothek der Stadt Rudolstadt entdeckte.

Wer war schuld an dem Streit? Pfarrer Aufdiener wollte im Nachhinein keine Partei ergreifen. Nach „Gottes Wort und theologischem Urtheil“ gebe es keinen Hauptverdächtigen, sagte der Pfarrer. Denn „beyde Theile“ hätten in diesem Konflikt unrecht. „Denn daß Christen ein ander also tractiren, und rachgierig sich untereinander entleiben sollen, das hat Gott ernstlich verbotten“, so sein Fazit.

„Welche Rolle die Kirche in Form der Leichenpredigt für die Sozialdisziplinierung der Gesellschaftsschichten übernehmen konnte, zeigt dieses Beispiel eindrücklich“, resümiert der Marburger Historiker Daniel Geißler.

von Manfred Hitzeroth

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