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Folter und Gewalttaten gehörten zum Alltag

Serie Leichenpredigten, Teil 8 Folter und Gewalttaten gehörten zum Alltag

Um Gewalterfahrungen im Dreißigjährigen Krieg geht es in der Leichenpredigt auf Johann Bonifacius Reuter (1624 bis 1690).

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Dieses von Rudolf Meyer (1605 bis 1638) stammende Bild aus dem Dreißigjährigen Krieg zeigt einen Bauern und einen Offizier. Im Hintergrund sieht man plündernde Soldaten.

Quelle: Archivfoto

Marburg. „Ein eindrucksvolles Beispiel für Gewalt- und Leidenserfahrungen, die schon ein junger Mensch machen konnte, bietet der Lebenslauf Johann Bonifacius Reuters, der später Diakon in Orlamünde war“, erläutert Birthe zur Nieden, Mitarbeiterin der Marburger Forschungsstelle für Personalschriften. Der Lebenslauf ist Bestandteil der Leichenpredigt auf den Verstorbenen.

Geboren wurde Reuter als Sohn eines Kantors sechs Jahre nach dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges. Seine Eltern hatten „wegen eingefallener Kriegsunruhe, Plünderungen und schweren Läuffte“ Schwierigkeiten, den jungen Mann und seine Geschwister zu ernähren.

Eines Tages sollte er für seine Familie „ihrem eintzig übergebliebenen Stücklein Vieh etwas Futter holen“, heißt es in dem Lebensbericht. Dabei geriet er jedoch in die Fänge von mehreren Soldaten, die den Zwölfjährigen folterten, weil sie von ihm „eines und das andre“ erfahren wollten.

Nachdem sie ihn bereits gewürgt und geschlagen hatten, musste der Junge sich auf eine Bank stellen. Dabei legten sie ihm einen Strick um den Hals und hängten ihn an einem in die Wand geschlagenen Spitzhammer auf. Jedoch hielten ihn die Soldaten so fest, dass er nicht sofort erdrosselt wurde. Zum Glück für Reuter kam in diesem Moment der Offizier der Truppe, der den Übergriff beendete. Die sinnlose Folterung des Jungen war kein Einzelfall. „In der kollektiven Überlieferung wird der Dreißigjährige Krieg als eine Zeit der zügellosen Willkür von marodierenden Söldnerhorden gerade auch gegenüber der Zivilbevölkerung empfunden“, macht Birthe zur Nieden deutlich.

von Manfred Hitzeroth

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