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Kein Raum für Gebete

Religion an der Uni Kein Raum für Gebete

An mehreren deutschen Universitäten kam es in den vergangenen Monaten zur Schließung von Gebetsräumen. Grund sollen Konflikte gewesen sein, die von Muslimen ausgingen.

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Muslime beten in einer Moschee.

Quelle: Marcus Brandt

Marburg. Es geht lediglich um einen kleinen Raum, doch vielerorts hat der für große Aufregung gesorgt. Um den Gebetsraum, oder auch „Raum der Stille“, hat sich an mehreren Unis eine Diskussion entfacht. Unter anderem an den Hochschulen in Dortmund, Essen und Berlin wurden die entsprechenden Räume geschlossen. Grund dafür soll eine Vereinnahmung der neutralen Räumlichkeiten durch Muslime gewesen sein.

So spricht die Zeitung „Die Welt“ beispielsweise in einem Bericht über einen „Kulturkampf“ an der TU Dortmund. Studentinnen hatten sich dort bei der Unileitung beschwert, dass sie vor dem Raum von muslimischen Männern ab­gefangen worden seien - als Frauen stünde ihnen nur der kleinere Teil des Raumes zur Verfügung, so die Aussage der Männer. Der größere Teil des Raumes wurde durch Decken abgetrennt. Bereits seit 2012 soll es Probleme gegeben haben. In Flyern, die damals verteilt wurden, soll Frauen vorgeschrieben worden sein, sich zu verschleiern und auf Parfüm zu verzichten. „Der Versuch, einen überreligiösen Meditiationsraum zu schaffen, ist gescheitert“, erklärte nun die Pressesprecherin der Universität.

Ebenfalls 2012 kam es in Bochum sogar zu einer Razzia. Der dortige Gebetsraum wurde von einem ehemaligen Leibwächter Osama bin Ladens dazu genutzt, einen geheimen Sala­fisten-Treffpunkt einzurichten. Wie an den meisten Unis wurde der Raum, der für Angehörige aller Religionen gedacht war, kaum von Christen genutzt. Schnell war er fest in muslimischer Hand.

Gebete auf der Treppe, Waschen auf Toilette

„Ein solches Fehlverhalten tolerieren wir natürlich nicht - wir kritisieren es, wenn sich die Muslime nicht an Vereinbarungen gehalten haben“, sagt Asma Abdelmoula vom Islamischen Studentenverein Marburg (ISV). Auch der Rat muslimischer Studierender und Akademiker (Ramsa), der deutschlandweit muslimische Studenten vertritt, habe das bereits verurteilt. Dennoch sollte es „keine Kollektivstrafen“ - sprich Schließung der Räume für alle - geben, so Abdelmoula. Grundsätzlich würde der ISV es begrüßen, wenn es eine entsprechende Möglichkeit zum Gebet an der Uni Marburg geben würde.

„Wir wären natürlich froh und haben auch schon einmal angefragt“, sagt Nesrin AlNaqlah. Fünf Mal am Tag beten gläubige Muslime innerhalb eines festgelegten Zeitkorridors. Oft geschehe das „zwischen den Bücherregalen in der Bibliothek oder auf der Treppe“. Das Waschen, das zum Ritual gehört, werde dann auf den Toiletten erledigt, erklärt AlNaqlah. An diesen Anblick seien andere Studenten zwar inzwischen gewöhnt, dennoch hätte ein interreligiöser „Raum der Stille“ aus Sicht der ISV-Studentinnen einige Vorteile. Dass ähnliche Probleme auftreten wie an den anderen Universitäten, glauben sie nicht.

„Das ist ein innerislamisches Problem“, sagt Abdelmoula - in Marburg jedoch gebe es keine Konflikte in der Auslegung des Islam. Abtrennungen innerhalb des Raumes würden nicht benötigt, auch die Anwesenheit von Christen im selben Raum stelle kein Problem dar. Ohnehin gebe es einen guten Kontakt zwischen ISV und der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG).

"Haben nicht die Aufgabe, Räume zur Verfügung zu stellen"

Studierendenpfarrerin Dorothée Schubert bestätigt das. Ein „Raum der Stille“, findet sie, wäre „ein guter Kompromiss“ anstelle eines rein muslimischen Gebetsraumes. Zwar bestehe „auf muslimischer Seite mehr Bedarf“, da es die festen Gebetszeiten gibt, sie wisse aber „auch von christlichen Studenten“, die zwischen Lernen und Vorlesungen beten. Einen Raum, der für alle zugänglich wäre, „würden wir mit unterstützen“, sagt Schubert.

Vonseiten der Universitätsleitung ist die Einrichtung eines solchen Raumes aber nicht vorgesehen. „Auch wir haben uns eingehend mit der Frage der Einrichtung eines Gebetsraumes an der Philipps-Universität befasst“, erklärt Matthias Fejes von der Pressestelle. „Wir sind allerdings zu der Ansicht gelangt, dass die Universität als staatliche und säkulare Einrichtung nicht die Aufgabe hat, Räume zur dauerhaften Religionsausübung zur Verfügung zu stellen. Diese sind aus unserer Sicht von den jeweiligen Religionsgemeinschaften zur Verfügung zu stellen.“

Dieser Argumentation können auch die islamischen Studentinnen folgen. Allerdings wäre ein „Raum der Stille“ aus ihrer Sicht kein Gegensatz zur überkonfessionellen Positionierung der Universität, könne statt­dessen zur Verständigung beitragen und religiöse Konflikte vermeiden. „Man begegnet sich ja dort“, sagt Abdelmoula.

So lange es einen solchen Raum nicht gibt, wissen sich die Muslime aber auch ohne zu behelfen. „Man kann eigentlich überall beten - eine saubere Ecke findet man immer“, sagt AlNaqlah. „So wie andere zwischen den Vorlesungen eine Raucherpause machen, gehen wie eben schnell mal beten.“

von Peter Gassner

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