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"Es nicht zu tun, wäre unethisch"

Freiwilligendienst "Es nicht zu tun, wäre unethisch"

"Seenotrettung ist nicht die Lösung - aber es muss gemacht werden", sagt Ruby Hartbrich. Die Marburger Medizinstudentin liest mit dem privaten Boot "Sea-Watch" Flüchtlinge im Mittelmeer auf.

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Ruby Hartbrich während ihres Einsatzes auf der „Sea Watch 2“.

Quelle: Privatfoto

Marburg. Es sind die Bilder, die in Europa niemand sehen will - und die inzwischen kaum noch jemand wahrnimmt. Die meisten Menschen kennen sie nur aus dem Fernsehen. Ruby Hartbrich aber erlebt hautnah, was sie bedeuten. „Teilweise nur schwer zu ertragen“ sei das, was sie in ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit bei „Sea-Watch“ zu Gesicht bekommt. „Humanitärer Einsatz ist nie einfach“, sagt Hartbrich. „Doch es gibt auch schöne, sehr dankbare Momente.“

Seit September 2015 ist Hartbrich inzwischen fünfmal auf See gewesen. Jeweils für zwei Wochen vor der libyschen Küste beziehungsweise in der Ägäis. Darüber hinaus macht die Studentin auch die Pressearbeit für Sea-Watch, sei damit teils beschäftigter als in einem Vollzeitjob - alles, ohne dafür auch nur einen Cent zu nehmen. Ihr Antrieb ist es, den Menschen in Not zu helfen und auf die immer noch sehr angespannte Lage auf dem Mittelmeer aufmerksam zu machen.

„Mix aus Salzwasser, Urin, Benzin und Erbrochenem“

Ein Praktikum in einem Krankenhaus in Uganda schärfte ihr Bewusstsein für die teils mise­rablen Lebensbedingungen in Afrika. „Man sieht dort die Perspektivlosigkeit der Menschen“, sagt sie. Als sich dann im vergangenen Jahr die Meldungen über Schiffsunglücke häuften, wollte sie selbst etwas tun. Sie stieß im Internet auf das Sea-Watch-Projekt und bewarb sich als medizinische Hilfskraft auf dem privaten Rettungsboot. Mit wechselnden Crews von je 15 Leuten fährt die Hilfsorganisation alle zwei Wochen von Malta (früher von Lampedusa)aus los. Inzwischen gibt es neben der kleineren „Sea-Watch 1“ auch ein etwas größeres Boot mit dem Namen „Sea-Watch 2“. Die Organisation finanziert sich komplett aus Spenden.

„Wir sind relativ blauäugig losgefahren“, sagt Hartbrich. „Ich war überhaupt nicht darauf vorbereitet, was mich an Bord erwartet“, erinnert sie sich an ihren ersten Einsatz. Was sie dann sah, konnte sie sich trotz der Bilder aus dem Fernsehen nicht richtig vorstellen. „Schon allein ein solches Boot zu entdecken, ist ein sehr krasser Anblick“, berichtet die 26-Jährige. Bei näherem Hinsehen zeigt sich meist aber noch viel Schrecklicheres. „Auf den Schlauchbooten sitzen 130 Leute auf engstem Raum, bei Holzbooten sind es sogar um die 600. In den Booten befindet sich außerdem ein Mix aus Salzwasser, Urin, Benzin und Erbrochenem.“ Einige der Menschen haben Verbrennungen, andere „sind einfach völlig fertig“. Auf den langen Fluchtrouten seien sie häufig gefoltert oder vergewaltigt worden. „Am schlimmsten aber ist es, wenn wir uns einem Boot nähern und absolute Stille herrscht. Das ist meistens ein Zeichen dafür, dass Leichen an Bord sind“, sagt Hartbrich.

Das einprägsamste Erlebnis hatte sie kurz vor Weihnachten 2015 in der Ägäis. „Wir haben ein Schlauchboot gefunden, das mit der einen Seite schon unten war. Als wir kamen, haben die Menschen ihre Babys zu uns rüber geworfen, um sie in Sicherheit zu bringen. Wir hatten gar nicht genug Erwachsene an Bord, um sie alle halten zu können.“ Noch am selben Tag seien sie mit dem Schiff „in ein Massengrab gefahren“. Dort habe sie unter anderem Babyfläschchen im Wasser treiben sehen.

„Die Flüchtlinge wissen alle, dass sie ihr Leben bei der Überfahrt verlieren können, trotzdem riskieren sie es.“ Zurück könnten die meisten ohnehin nicht mehr, wenn sie einmal das Land verlassen haben. „Wenn sie bei uns sind, werden sie oft zum ersten Mal menschenwürdig behandelt“, so Hartbrich.

Normalerweise nimmt Sea-Watch die Menschen gar nicht selbst an Bord, sondern benachrichtigt EU-Schiffe oder andere Hilfsorganisation, die gerade in der Nähe sind. Doch nicht selten bleibt dafür keine Zeit.

Sobald die Flüchtlinge sich in Sicherheit befinden, „merkt man, wie die Anspannung abfällt“, erzählt die Marburgerin. „Manche sind sehr verschlossen und nicht in Redelaune, andere brechen zusammen, weinen und umarmen sich und erzählen gleich, was los ist.“ So seien viele misshandelt worden und „von einem Menschenhändler zum anderen gekommen“. Sie zeigten daher aber auch viel Dankbarkeit für die Rettung. „Das sind dann die schönen Momente, wenn sie einen zum Beispiel umarmen.“

„Teil eines ziemlich abgekarteten Spiels“

Trotz allem Idealismus, in Zukunft muss Hartbrich ihr Engagement aufgeben - oder zumindest reduzieren. Im April steht das Examen an. Für ihr praktisches Jahr will die angehende Ärztin wahrscheinlich ins Ausland gehen. Neue Freiwillige für die Einsätze bei Sea-Watch werden daher ständig gesucht, auch wenn derzeit nicht jeder angenommen werden kann. „Man muss die physische Fitness haben, psychisch stabil sein und am besten humanitäre Erfahrung mitbringen“, beschreibt sie das Anforderungsprofil.

Bei Sea-Watch mitzumachen, bedeute zwar, „Teil eines ziemlich abgekarteten Spiels zu sein“, weil eigentlich die EU für die Seenotrettung zuständig sein sollte. Doch es deshalb nicht zu tun, „wäre unethisch“, sagt sie. Die Arbeit der Organisation sei auch als „kleine Provokation“ an die Regierungen Europas zu verstehen. „Schließlich zeigen wir ihnen: Selbst wir kriegen das hin.“ Lieber aber wäre ihnen, dass ihr Einsatz überflüssig würde. „Es braucht legale und sichere Einreisewege nach Europa“, sagt Hartbrich. „Ich bin ein wenig frustriert, dass sich daran nichts ändert, denn es wäre so einfach.“

Allgemein wünscht sie sich in der öffentlichen Wahrnehmung mehr Empathie für die Schicksale der Menschen auf den Booten. „Ich habe das Gefühl, dass die Stimmung in der Gesellschaft so langsam kippt“, sagt sie. „Ich würde mir wünschen, dass die Leute toleranter sind und erkennen, welcher Leidensdruck dahinter steckt.“

von Peter Gassner

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