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"Es ist keine Schande"

Studien-Abbruch "Es ist keine Schande"

Jeder Dritte, der ein Studium beginnt, beendet es laut einer Erhebung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) ohne Abschluss. Einer von ihnen ist Robin Dersch.

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Robin Dersch nimmt einen Laborkittel aus einem Schrank für die Azubis.

Quelle: Peter Gassner

Marburg. Naturwissenschaften waren schon immer das Ding von Robin Dersch. Drei Semester lang studierte er daher Chemie in Marburg, das Studium machte ihm Spaß. Doch rundum zufrieden war Dersch nicht, denn für andere Dinge neben der Uni hatte er kaum noch Zeit. „Ich habe nur noch für das Studium gelebt“, sagt der 23-Jährige. „Sehr zeitaufwendig und schwierig“ sei es gewesen, hinzu kamen private Angelegenheiten, die ihn belasteten. Schließlich zog er einen Schlussstrich, nahm sich zunächst ein Urlaubssemester. Ein halbes Jahr plagte er sich mit der Frage, wie es weitergeht. „Das war für mich eine große Last. Man fragt sich, ob man drei Semester einfach weggeschmissen hat.“ Bei der Agentur für Arbeit ließ er sich beraten und eine Stelle in der Region vermitteln. Erst als er eine Zusage von der Marburger Firma CSL Behring erhielt, sei ihm innerlich ein Stein vom Herzen gefallen, erinnert er sich.

Studienabbrecher bei Unternehmen begehrt

Für die Wirtschaft, die seit Jahren den wachsenden Fachkräftemangel beklagt, sind Studienabbrecher willkommene Bewerber. „Das ist ein großes Reservoir an geeigneten Nachwuchskräften“, sagt Walter Ruß von der IHK Kassel-Marburg. Gemeinsam mit den Arbeitsagenturen, Studienberatungen und einigen Unternehmen hat die IHK einen Arbeitskreis gebildet, der Studenten, die an ihrem Studium zweifeln, berät und gegebenenfalls vermittelt.

„Wir versuchen sicherzustellen, dass die Studenten bei einem Abbruch informiert sind“, erläutert Ruß. Es gehe darum „sie an die Hand zu nehmen und alternative Perspektiven aufzuzeigen“. So gebe es in Marburg unter anderem eine Infoveranstaltung am 4. Juli und im Oktober sei ein „Speed-Dating“ mit Unternehmen geplant. Als einstiger Student gebe es in einigen Firmen eine Perspektive, später zu einer Führungskraft heranzureifen, da man möglicherweise über einen etwas breiteren Horizont verfüge. Manchmal gebe es außerdem die Gelegenheit, die Ausbildung zu verkürzen. Allerdings müsse es trotz aller Möglichkeiten „natürlich auch passen“. Der Azubi sollte hinter seiner Entscheidung stehen „und auch eigenes Engagement zeigen“, so Ruß.

Sofern dies gegeben ist, stehen die Türen offen, bestätigt Doris Nake, Auszubildenenbetreuerin bei CSL Behring. „Wir haben überhaupt kein Problem mit Leuten, die 3 oder 4 Semester studiert haben und dann merken, dass es doch nichts ist.“ Kritisch wäre es erst, „wenn einer 9, 10 oder 11 Semester studiert hat. Da würden wir uns dann schon fragen, warum es erst so spät auffällt“.

"Eine Ausbildung ist immer etwas wert."

Bei Robin Dersch jedenfalls hat es funktioniert. Bei CSL Behring arbeitet er nun als Biologielaborant und ist damit glücklich. „Weil es mir einfach liegt und Spaß macht“, sagt er. Manchmal, gesteht er, seien zwar noch die Gedanken da: „Hätte ich mal weiter gemacht, wenn es mir wieder besser gegangen wäre“, oder „Was wäre, wenn ich noch studieren würde“ – letztendlich sei die Entscheidung für die Ausbildung aber richtig gewesen. „Es ist keine Schande“, meint er. „Allen die überlegen, kann ich auf jeden Fall sagen, es ist nicht schlimm, diesen Schritt zu machen. Eine Ausbildung ist immer etwas wert.“

Selbstverständlich habe er studiert, weil er das Bestmögliche in seinem Bereich erreichen wollte. „Aber wenn man merkt, dass man es nicht schafft, muss man sich ja auch selbst realistisch einschätzen. Man sollte sich immer fragen, ob es das wert ist – selbst wenn man es mit Ach und Krach schafft.“ Wer nachher noch einmal weiterstudieren wolle, habe nach der Ausbildung ja zudem noch immer die Möglichkeit dazu. „Aber Praxis ist nie verkehrt“, sagt Dersch.

von Peter Gassner

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