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Prozessbeoachtung in Kambodscha

„Die Vergangenheit ist überall spürbar“

Seit 2010 bildet die Uni Marburg Studierende zu Prozessberichterstattern aus. Einer von ihnen ist Alexander Benz. Er verfolgte den Prozess gegen die Roten Khmer in Kambodscha.

Marburg. Die kambodschanischen „Killing Fields“ wurden in den 1970er-Jahren zum Schauplatz unzähliger Massenhinrichtungen. Der Genozid, welcher zwischen einer und zwei Millionen Opfer forderte, gilt als der traurige Höhepunkt der vierjährigen Diktatur der Roten Khmer in dem südostasiatischen Land. Die gerichtliche Aufarbeitung des Völkermords begann bereits 1979 mit dem Sturz des Diktators Pol Pot durch den Einmarsch vietnamesischer Truppen.

Schnell wurden die Anführer Ieng Sary und Pol Pot zum Tode verurteilt, wobei letzterer bereits vor der Vollstreckung des Urteils starb. Die Errichtung eines weiteren Strafgerichtshofs sah ein UN-Urteil aus dem Jahr 2003 vor. An dem seitdem andauernden Prozess nahmen zuletzt auch Marburger Studierende teil - als Prozessbeobachter. Die Ausbildung zum Prozessberichterstatter wird vom „Forschungs- und Dokumentationszentrum für Kriegsverbrecherprozesse“ seit dem Wintersemester 2010/11 angeboten. Hier lernen zurzeit 54 Studierende, vornehmlich der Rechtswissenschaft und der Friedens- und Konfliktforschung, wie man als Beisitzer bei einem Völkerrechtsprozess neutral und umfassend berichtet. Fünf Verfahren wurden und werden bereits von den Marburger Studierenden betreut, begonnen hatte alles mit dem Prozess gegen Onespore R.

Der Ruander wurde 2015 für drei von ihm angeordnete Massaker verurteilt, bei denen in Ruanda 1994 rund 4000 Menschen starben.

Ein besonderes Projekt des Marburger Monitoring-Programms ist die Entsendung von Studierenden zur Beobachtung der Verhandlungen zum Völkermord in Kambodscha. Alexander Benz lebte dafür fünf Monate in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh. In einem mehrköpfigen Team berichtete er jeden Tag von den Verhandlungen des sogenannten „Case 002“. Derzeit angeklagt sind Khieu Samphan und Nuon Chea, welche wegen Genozids sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit wie Zwangsheirat, ethnische Säuberungen oder Verfolgung von Buddhisten angeklagt wurden.

Twitter- und Facebookposts aus dem Gerichtssaal

Benz lebte während seiner Zeit in Phnom Phen nur fünf Häuserblocks von dem früheren Foltergefängnis S21 entfernt - heute ist es ein Museum. „Die Vergangenheit ist in Kambodscha überall spürbar“, erzählt Benz. „Es fällt schon auf, wenn man nur über die Straße geht: Es fehlt einfach eine ganze Generation.“ Die Hauptaufgabe des Marburger Studenten ist die Anfertigungen der wöchentlichen Berichte, welche von Fachleuten für Menschenrechte und an dem Prozess beteiligten Richtern oder Anwälten gelesen werden. Weiterhin wird aus dem Gerichtssaal getwittert und auf Facebook gepostet. Vor allem junge Kambodschaner verfolgen den Prozess über die sozialen Netzwerke. Für dem Jurastudenten war die Zeit in Kambodscha eine sehr prägende Erfahrung, erzählt er.

„Die Dinge, über die wir Deutschen meckern, erscheinen einem plötzlich sehr unbedeutend, wenn man eine Zeit lang in einem Land gelebt hat, in dem so schlimme Dinge passiert sind.“

von Muriel Kalisch


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