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Die Chance auf ein neues Leben geben

Stammzellenspende Die Chance auf ein neues Leben geben

Als Sharon Brunke Ende 2015 zwei angefeuchtete Wattestäbchen zurück zur DKMS schickt, ahnt sie noch nicht, dass sie damit wenige Monate später einer völlig Fremden das Leben retten wird.

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Jedes Jahr erkranken allein in Deutschland etwa 11 000 Menschen an bösartigen Blutkrankheiten wie zum Beispiel Leukämie. Für viele ist die Transplantation von Knochenmark oder Blutstammzellen die einzige Chance, die Krankheit zu überwinden.

Quelle: dpa

Marburg. Alles fing mit zwei Wattestäbchen an: Mund auf, Stäbchen rein und alles gut verpackt zurückschicken. „Es gibt keine leichtere Möglichkeit,
jemandem die Chance auf ein neues Leben zu geben“, sagt Sharon Brunke.

Es ist kurz vor Weihnachten 2015, als sich die Marburger Jura­studentin (Foto: Ruth Korte), die von ihren Eltern nach einer amerikanischen Schauspielerin benannt wurde, als Stammzellenspenderin bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) registriert. Viel Hoffnung macht sie sich allerdings nicht. „Dass man am Ende wirklich als genetischer Zwilling für jemanden in Frage kommt, grenzt ja an einen Lottogewinn.“
Doch bereits vier Monate später findet sie einen Brief von der DKMS in ihrem Briefkasten.

Ihre Gewebemerkmale passen zu denen eines Patienten, heißt es darin. Eine Blutprobe und weitere Untersuchungen sollen ergeben, ob sie tatsächlich die passende Spenderin ist. „Ich hab mir erst mal keine großen Hoffnungen gemacht. Das ist ja das übliche Vorgehen.“

„Angst hatte ich eigentlich nur vor den Nadeln“

Doch im Mai ist dann klar: Sie ist die perfekte Spenderin. Für passende Stammzellenspender gibt es ab diesem Zeitpunkt zwei Verfahren.

Bei 80 Prozent der Spenden wird eine periphere Stammzell­entnahme durchgeführt, die etwa so läuft wie bei einer Blutplasmaspende. Bei 20 Prozent aller Spenden wird unter Vollnarkose Knochenmark aus dem Beckenkamm entnommen. Brunke entscheidet sich für die erste Variante.

„Angst hatte ich eigentlich nur vor den Nadeln“, sagt die Jura­studentin. Zwei Mal täglich muss sie sich vor der Stammzellspende ein Mittel namens „Granocyte“ spritzen. Es hilft dem Körper, mehr Blutstammzellen zu bilden und sie in voll funktionsfähige Blutkörperchen umzuwandeln. „Bei dem ein oder anderen können grippeähnliche Symptome auftreten. Ich hatte aber so gut wie keine“, berichtet Brunke.

Stammzellenspender werden
  • Warum?

Jedes Jahr erkranken allein in Deutschland etwa 11 000 Menschen an bösartigen Blutkrankheiten wie zum Beispiel Leukämie (Quelle: Zentrales Knochenmarkspender Register Deutschland). Nur einem Teil dieser Patienten kann alleine durch Medikamente geholfen werden. Für viele ist die Transplantation von Knochenmark oder Blutstammzellen gesunder Spender die einzige Chance, die Krankheit zu überwinden. Nur ein Drittel der Patienten findet innerhalb der Familie einen geeigneten Spender. Der Großteil benötigt einen nicht verwandten Spender.

  • Wie?

Um Stammzellspender zu werden, kann bei der DKMS online unter www.dkms.de ein Registrierungs-Set angefordert werden. Sie erhalten dann per Post ein Set mit Wattestäbchen. Mit diesen Wattestäbchen machen Sie einen Wangenabstrich. Die Wattestäbchen schicken Sie dann zusammen mit den von Ihnen unterschriebenen Unter­lagen an die DKMS zurück. Jetzt ist deren Labor dran und bestimmt Ihre Gewebemerkmale. Denn anhand der Gewebemerkmale kann ermittelt werden, ob Sie der passende
Spender für einen Blutkrebs­patienten sind.

  • Wer?

Spender werden kann prinzipiell jede gesunde und mindestens 50 kg schwere Person
im Alter von 18 bis 55 Jahren. Gewisse Erkrankungen schließen jedoch eine Spende aus, wie zum Beispiel schwere Nierenerkrankungen, Herz- und Gefäßerkrankungen, erbliche Blutkrankheiten, Suchterkrankungen wie Medikamenten-, Rauschgift- oder Alkoholsucht oder schwere Infektionskrankheiten (Hepatitis B und C, HIV1- oder HIV2-Infektion). Dadurch wird sichergestellt, dass für Spender und Patient durch eine Spende kein erhöhtes Risiko besteht.

Am 9. Juni ist es dann so weit. Mit ihrer Mutter und ihrem Freund fährt sie ins DRK-Blutspendezentrum nach Frankfurt. Fünf Stunden liegt sie ruhig im Bett und schaut DVDs. Währenddessen fließt ihr Blut rot in eine Maschine, wo es zentrifugiert wird und blass wieder hinaus in einen Beutel fließt. 4,25 Millionen Stammzellen werden aus ihrem Blut gefiltert. „Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wenn man weiß, dass man das Blut konkret für eine Person spendet““, erinnert sich die 24-Jährige an ihre Gefühle im Blutspendezentrum.

Sharon Brunke kurz nach ihrer Stammzellenspende im Juni 2016 in Frankfurt (Foto: privat).

Viel weiß sie über die Patientin, die ihre Spende bekommt, nicht, nur, dass sie weiblich ist und aus Deutschland kommt. Erst zwei Jahre nach der Transplantation dürfen sich Patient und Spender kennen lernen. Ihr werden nun die Stammzellen wie bei einer Bluttransfusion transplantiert. Nach und nach sollen sie sich in den Knochenhohlräumen einnisten und dort neue, gesunde Blutzellen bilden. Dies kann mehrere Monate dauern.

Im Dezember, ein Jahr nachdem sie die angefeuchteten Wattestäbchen abgeschickt hat, erfährt Sharon Brunke, dass die Patientin die Transplantation gut vertragen hat – so gut, dass sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde und Weihnachten mit ihrer Familie feiern kann. „Das war unglaublich, wie ein Geschenk“, erzählt sie mit strahlenden Augen.

von Ruth Korte

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