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„Der Traum lohnt sich immer noch“

Bologna-Reform „Der Traum lohnt sich immer noch“

Vor 15 Jahren wurde das Hochschulsystem mit der „Bologna-Reform“ umgekrempelt. Nun gibt es aus der Wirtschaft kritische Stimmen am Bachelor, auf den man einst drängte.

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Eine junge Frau protestiert gegen die auf Effizienz ausgerichteten Bachelor-Studiengänge. Aus der Wirtschaft kommen nun Stimmen, dass Absolventen zu unerfahren seien.

Quelle: Marius Becker

Marburg. Nach einer jüngst erhobenen Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) sind nur noch 47 Prozent der Unternehmen mit der Praxistauglichkeit von Bachelor-Absolventen zufrieden. Einige Wirtschaftsvertreter kritisierten daher in der vergangenen Woche, dass die Fertigstudierten mit zu wenig Praxis- und Lebenserfahrung in das Berufsleben starteten. Auch das Sozialverhalten sei häufig nicht gut ausgeprägt. Dabei war die Einführung des Bachelor-/Mastersystems unter anderem auf den Wunsch vieler Firmen entstanden, Studenten schneller und zielgerichteter auszubilden, um sie jünger auf den Arbeitsmarkt zu bekommen.

Marburger Unternehmen konnten gegenüber der OP kurzfristig keine Aussagen über eigene Erfahrungen mit Bachelor-Berufseinsteigern machen. Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause erklärt hingegen, dass keine Reform das deutsche Hochschulsystem so stark verändert habe wie die Bologna-Reform und es „wie bei jeder sehr großen Reform Licht und Schatten“ gebe. „Am Anfang standen ein Traum, unübersehbare Mängel, vor allem in den Magister- aber auch den Diplomstudiengängen, und klare wirtschaftliche Interessen“, so Krause.

"Der Traum war und ist der Europäische Hochschulraum"

„Der Traum war und ist der Europäische Hochschulraum – und diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen, lohnt sich immer noch“, hebt sie einen anderen Punkt hervor. „Die Mängel bestanden in gar keinen oder falschen Strukturen, sehr langen Studienzeiten und sehr hohen Abbrecherquoten. Studiengänge gab es auch in Marburg manchmal unverändert jahrzehntelang, sie wurden kaum einmal grundlegend inhaltlich oder strukturell erneuert.

Die wirtschaftlichen Interessen bestanden auf Seiten der Öffentlichen Hand darin, möglichst viele Studierende möglichst schnell durch die Universitäten zu schleusen, auf Seiten der Wirtschaft darin, junge, gut qualifizierte berufsfertige Absolventen zu erhalten“, führt Krause weiter aus. In „regelmäßigen Abständen“ wundere sich die Wirtschaft nun, dass dies nicht funktioniere.

„BA-Absolventen können nicht können, was Diplomanden konnten, und sie können nicht die Lebenserfahrung mitbringen, die Magister hatten. Das richtige Verhältnis von Kompetenzen aus dem Studium und von Dauer des Studiums, die Notwendigkeit von Teilzeitstudium und den Masterplätzen werden uns in Marburg in den nächsten Jahren immer wieder beschäftigen“, sagt Krause.

Bachelorstudium ist "fokussierter als das Diplomstudium"

Professor Bernd Hayo, Dekan des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften, stimmt Krause zu, dass „durch die Verkürzung der Studienzeit nicht zu erwarten war, dass die Bachelorabsolventen dieselben Fähigkeiten wie die Diplomabsolventen haben werden“. Andererseits sei das Bachelorstudium „fokussierter als das Diplomstudium, und man kann erwarten, dass Bachelorabsolventen den Kernbereich eines Faches in den drei Jahren durchaus kennenlernen“, meint Hayo. Er sieht zudem den Anstieg der Studentenzahlen als eine weitere Entwicklung, die zu der Absenkung von Standards geführt habe.

Hayo rät außerdem dazu, „die Aussagen ‚der‘ Wirtschaft nicht zu ernst zu nehmen“. Es sei „sicherlich fraglich, ob man ein Bachelorstudium an der Uni als Berufsausbildung ansehen kann, wie es den Bolognaplanern anscheinend vorgeschwebt hat“. Der Vorteil beim Bachelor-/Mastersystem sei, „dass akademisch weniger interessierte Studierende die Uni mit einem Abschluss verlassen können“.

Für Tätigkeiten in der Wirtschaft reiche der Inhalt des Bachelorstudiums aus, für einen stärkeren wissenschaftlicheren Fokus gebe es das Masterstudium, so Hayo.

So oder so: „Nie zuvor wurde in der Philipps-Universität so oft und so intensiv über die Qualität von Studium und Lehre diskutiert – und dies wird weitergehen. Den Europäischen Hochschulraum, der heute schon über die EU hinausreicht und 47 Nationen umfasst, wird es irgendwann in weiter Zukunft geben – ohne die bürokratischen Hindernisse, die unter anderem von deutscher Seite aufgebaut worden sind“, wünscht sich Krause.

von Peter Gassner

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