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21:41 29.10.2012
Einmal in der Woche treffen sich die beiden Chemiestudenten Oliver Hauenstein und Amanda Pareda. Sie sind ein fachsprachliches Tandem. Quelle: Julia Krekel
Marburg

Als kleine Einzelinitiative einer Lehrkraft fing alles vor fast zehn Jahren an: Ursula Kreuder sah den Bedarf an Sprachaustausch. „Irgendwann wurde das immer größer und größer“, erzählt Susanne Duxa vom Sprachzentrum der Universität Marburg.

Allein im letzten Wintersemester wurden 211 Tandem-Paare - also 422 Personen - vermittelt; im Sommersemester waren es 165 Paare. Eines davon besteht aus dem 25-jährigen Deutschen Oliver Hauenstein und der 27-jährigen Amanda Pareda aus Venezuela. Sie sind seit Dezember ein „Tandem“ und unterstützen sich im Erlernen der jeweils fremden Sprache.

„Man muss den anderen mögen und mit ihm klarkommen“, weiß Amanda. Es müsse auch von der Persönlichkeit her passen. Die beiden Chemiestudenten sind ein fachsprachliches Tandem und ein gutes Beispiel von hohem Sprachniveau. Beide gingen bereits mit guten Vorkenntnissen der anderen Sprache in das Tandem-Projekt und versuchen nun, diese gezielt auszubauen.

Je nachdem, wie viel Zeit ist, proben sie einmal in der Woche. Eine Stunde Spanisch, eine Stunde Deutsch - es wird abgewechselt, damit jeder von dem Tandem profitiert. „Ich will unbedingt mein Schreiben verbessern“, erklärt Amanda Pareda. Oliver liest Korrektur, auch über fachliche Texte. Er wiederum hat Probleme beim Hörverstehen, und so üben sie das speziell. „Amanda hat mir dann beispielsweise aus einem Kinderbuch vorgelesen und ich habe versucht, so viel wie möglich zu verstehen.“ Sie spreche ein sehr deutliches Spanisch.

Doch auch über Alltagsthemen unterhalten sich die beiden „so gut es geht“. Mittels Karteikarten und einem spanisch-deutschen Wörterbuch mit Bildern aus verschiedenen Bereichen trainieren sie ihren Wortschatz. „Man merkt auf jeden Fall eine Verbesserung“, so Oliver. Ihm sei es wichtig, sein Sprachlevel zu halten, denn im spanischsprachigen Ausland war er noch nicht.

Das Tandem sei „eine super Sache“, denn so könne er mit einer Muttersprachlerin auf Spanisch sprechen. Er findet es gut, dass das Tandem so flexibel sei. Auch Amanda hat eine Verbesserung ihrer Deutschkenntnisse festgestellt: „Ich merke, dass mir das Schreiben leichter fällt, denn bestimmte Redewendungen habe ich inzwischen im Kopf.“

Vor ihren Treffen bereitet sich jeder ein wenig vor. Amanda schreibt beispielsweise Texte und macht Grammatikübungen. „Für mich war es wichtig, dass mein Tandempartner vom gleichen Fach ist“, sagt Chemiestudentin Amanda, aber das müsse nicht ausschlaggebend dafür sein, dass ein Tandem erfolgreich sei. Abwechslung sei das A und O, „damit das Tandem nicht so langweilig wird“. Neben Grammatik- und Hörverständnisübungen haben sie auch schon mal einen Film gemeinsam geschaut.

„In erster Linie ist das Projekt an Studenten gerichtet“, erklärt Susanne Duxa. Doch auch Berufstätige seien unter den laufenden Tandems. Die Idee hinter dem Ganzen ist, so Duxa, dass der Tandempartner kein Lehrer, sondern eher ein „Feedbackgeber“ ist, der den anderen unterstützt. Für ein Tandem sollte man so weit in der Sprache sein, dass man einfachste Gespräche führen könne.

Derzeit gibt es 320 offene Anfragen. Lange Wartezeiten gibt es bei den exotischen Sprachen. Dringend gesucht sind französische, spanische, italienische und englische Muttersprachler. Auf der anderen Seite fehlen Deutsche, die Chinesisch, Arabisch, Finnisch oder Griechisch lernen wollen.

„Das Tandemlernen stößt auf großes Interessen und bei den Beratungsgesprächen erlebe ich immer wieder, welch schöne und ergiebige Begegnungen die Tandempartnerschaften sein können“, erzählt Susanne Duxa. Neben ihr kümmert sich Ursula Kreuder um die Beratung und die studentische Hilfskraft Mirjam Reich um die Vermittlung.

Mit einem Tandem können Studenten auch ECTS-Punkte erwerben. Auch bei Amanda und Oliver ist das der Fall: Sie werden intensiver betreut, führen ein Lerntagebuch und dokumentieren sowie reflektieren ihre Treffen. Eine bestimmte Anzahl von Tandemstunden muss nachweisbar sein. Doch selbst wenn der Druck nicht da ist: „Regelmäßige Treffen sind immer ein Gewinn!“

von Julia Krekel