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Das pralle Leben Wenn Mama und Papa mitkommen
UNIversum Das pralle Leben Wenn Mama und Papa mitkommen
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11:53 25.06.2012
An Mamas Hand in die Uni? Nicht ganz – aber die Eltern heutiger Studenten treten deutlich mehr auf dem Campus in Erscheinung als jene vor 20 Jahren. Quelle: Fotomontage: Thorsten Richter
Marburg

Was vor 20 Jahren noch undenkbar gewesen wäre und jedem jungen Menschen die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte, ist mittlerweile beinahe normal: Eltern begleiten ihre Kinder bei deren ersten Erfahrungen als Studenten, schauen sich mit ihnen die Uni an und sind sogar bei der Studienberatung und in der Einführungswoche dabei.

Dieser Entwicklung tragen einige Hochschulen mittlerweile Rechnung: Sie bieten spezielle „Familientage“ oder Eltern-Aktionen an, bei denen die neuen Studenten mitsamt ihrer Familie willkommen sind.

Der deutschlandweite Trend zu mehr elterlicher Anteilnahme am Studium ist auch in der Zentralen Allgemeinen Studienberatung (ZAS) der Philipps-Universität spürbar: „Es ist zwar längst nicht die Regel, aber es kommt doch immer häufiger vor, dass zukünftige Studenten in Begleitung ihrer Eltern zu uns kommen“, sagt Wenzel Peters von der ZAS. „Offensichtlich hat sich da ein Generationenkonflikt entkrampft“, sagt Rudolf-Werner Dreier, Pressesprecher der Uni Freiburg. Seine Hochschule ist eine der Vorreiterinnen in Deutschland in Punkto Elternbeteiligung: Bereits seit 1996 lädt sie einmal im Jahr ihre neuen Studenten mitsamt ihrer Eltern ein. „Erstsemester-Familiennachmittag“ heißt die Veranstaltung, die den Eltern die Möglichkeit geben soll, an der neuen Lebenswelt ihrer Sprösslinge teilzuhaben.

Im vergangenen Jahr kamen knapp 4.000 neue Studenten und Familienangehörige. Bedarf an mehr Elterneinbindung scheint es also zu geben. Fünf Hörsäle gleichzeitig wurden zuletzt mit Ersti-Familien gefüllt. „Vielleicht weichen wir in Zukunft in eine Messehalle aus“, sagt Dreier.

Für ihn ist der Familientag auch eine Möglichkeit, um ehemalige Studenten, die so genannten Alumni, stärker an ihre alte Hochschule zu binden. „Wir haben festgestellt, dass viele Eltern der heutigen Studenten selbst hier studiert haben“, sagt Dreier. Kontakte zu den Alumni sind an vielen Hochschulen heiß begehrt, nicht zuletzt weil sie oft auch wertvolle Kontakte zur Wirtschaft mit sich bringen.

Auch an anderen deutschen Hochschulen gibt es Bemühungen, die Eltern stärker ins Boot zu holen: So bieten, um nur einige zu nennen, die Unis in Münster, Würzburg, Essen und Osnabrück Eltern-Aktionen an. In Marburg gibt es kein spezielles Angebot, aber Eltern sind in der Beratung der ZAS willkommen.

Die Gründe für das gestiegene Interesse heutiger Studenten-Mamas und -Papas am Studium der Kinder dürften vielschichtig sein. „Die Studienlandschaft ist – auch durch Bologna – unübersichtlicher geworden“, sagt Wenzel Peters. „Es gibt mittlerweile 16.000 verschiedene Studiengänge. In so einer verwirrenden Situation sucht man sich als junger Mensch Hilfe“. Peters‘ Kollegin Andrea Heinz hat die Erfahrung gemacht, dass sich viele Eltern stärker engagieren, weil sie angesichts der Aussichten auf dem Arbeitsmarkt die Frage umtreibt: „Was wird man mit diesem Studium?“ Und nicht zuletzt ist das Studium der Kinder auch eine Investition für viele Eltern. Die Frage „Was finanziere ich da eigentlich?“ sei durchaus legitim, sagt Peters.

Dennoch sehen die Marburger Studienberater die Entwicklung mit gemischten Gefühlen. „Wenn man diesem Trend zu stark nachgibt, läuft man Gefahr, die jungen Leute unselbstständig zu machen“, sagen die Marburger Berater. An der Philipps-Uni setze man daher auf verbesserte Unterstützungsangebote an die Studieninteressierten und Studienanfänger selbst, um ihnen eine angemessene Studienwahl und einen problemlosen Einstieg ins Studium zu ermöglichen.

Denn selbst in Freiburg ist man sich der „Gratwanderung“ bewusst, wie Pressesprecher Dreier es nennt: „zwischen notwendiger Selbstständigkeit der Studenten und erwünschter Beteiligung ihrer Eltern“.

von Sabine Nagel-Horn