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Das pralle Leben Suchst du noch oder wohnst du schon?
UNIversum Das pralle Leben Suchst du noch oder wohnst du schon?
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15:14 09.11.2010
Kathrin und Christian wohnen zurzeit auf dem Marburger Campingplatz "Lahnaue". Die beiden Studierenden der Abenteuer- und Erlebnispädagogik nehmen die angespannte Wohnsituation in Marburg sportlich. Quelle: Gabriele Neumann

Marburg. 5000 Erstsemester fluteten in den vergangenen Wochen nicht nur die Seminare der Philipps-Universität, sondern auch den Wohnungsmarkt im beschaulichen Marburg. Inzwischen haben die meisten eine Bleibe gefunden - wenn auch nur vorübergehend. Kathrin aus Köln zum Beispiel wohnt derzeit auf dem Campingplatz. Dass der November so mild angefangen hat, ist für die 29-Jährige ein Segen. Denn ihr geliehener Wohnwagen gehört nicht zur Luxusklasse mit Zentralheizung. Kuschelig wird es neben Etagenbett und Minitisch eher wegen der räumlichen Enge. Aber die hat bald ein Ende. Zum 1. Dezember hat Kathrin eine bezahlbare Wohnung in Marburg gefunden. Das war nicht einfach. "Das Mietniveau ist hier zum Teil höher als in Köln", sagt sie kurz bevor sie sich auf den Weg nach Köln macht. Dort arbeitet die gelernte Erzieherin am Wochenende in Nachtdiensten in einem Kinderheim, um sich das Studium zu finanzieren.

Vor und nach den Seminaren kann die angehende Abenteuer- und Erlebnispädagogin auf dem Campingplatz "Lahnaue" sozusagen im Selbstversuch schon ein paar Erfahrungen zum Outdoor-Leben sammeln. Das Leben im Wohnwagen bereitet ihr keine Probleme. "Wir sind sowieso Unterwegs-Menschen. Und Campen ist weniger Aufwand als ein Umzug", scherzt sie. Genauso sieht es ihr Platznachbar Christian - ebenfalls Abenteuer- und Erlebnispädagoge. Die Ausstattung auf dem Campingplatz ist gut - inklusive WLan-Anschluss. "Nur da hinten hinter dem großen Wohnmobil hat man keinen Empfang", zeigt Kathrin auf die inzwischen fast leere Wiese.

Laub liegt unter den Bäumen, die Sonne scheint schüchtern durch die Schleierwolken, die Lahn fließt ruhig dahin, im Hintergrund rauscht sanft die Stadtautobahn. Ein Idyll, könnte man meinen. Als Dauerlösung ist der Campingplatz aber für die meisten nicht erstrebenswert. Denn bei Nachtfrost und Dauernebel werden nur noch die ganz harten Camper den WLan-Anschluss mehr zu schätzen wissen als eine Zentralheizung. Campingplatzbetreiber Herbert Gaube sieht die Situation entspannt: "In den 90er Jahren war der Platz im Winter fast voll, da war es dramatisch mit den Wohnungen. Jetzt sind gerade noch vier Studenten da, die anderen haben schon was gefunden", sagt er.

Auch beim Studentenwerk sieht man die Zeit der großen Wohnungsnot längst entschwunden. Die 2109 Wohnplätze des Studentenwerks sind zwar zu 100 Prozent belegt, aber große Notunterkunftslager gibt es nicht, sagt Hans-Peter Hardt auf Anfrage. "Es stehen ungefähr 300 Leute auf der Warteliste", erklärt der Leiter Studentisches Wohnen des Studentenwerks. Für 56 Studierende wurden Anfang des Semesters Notquartiere in Gemeinschaftsräumen des Studentendorfs eingerichtet. So langsam leeren sich diese Quartiere aber schon. "Bis Weihnachten kommen alle unter", ist sich Hardt sicher. Die Wartezeit liegt beim Studentenwerk bei zwei bis drei Monaten. Ungefärh 300 Studierende stehen noch auf der Warteliste. Nur wer einen speziellen Wohnheimplatz sucht, etwa weil er eine Körperbehinderung hat und auch Betreuung braucht, der wartet schon mal länger.

Den Betroffenen nutzt die entspannte Gesamtsituation allerdings wenig. Von den 30 angehenden Abenteuer- und Erlebnispädagogen hätten vergangene Woche noch fünf nach einer Wohnung gesucht, erzählt Kathrin. Sie selbst hat an einem Tag sechs Wohnungen angeschaut: "Davon kam eine preislich in Frage, und die haben wir genommen", erklärt sie. Einer ihrer Kommilitonen hat sich auf eine exotische Wohn-Variante verlegt. Er ist Couch-Surfer geworden. Auf einer Internetseite können sich Couch-Surfer anmelden und kostenlose Übernachtungsmöglichkeiten anbieten oder suchen. In Deutschland gibt es derzeit gut 220.000 Couch-Surfer, davon allein 1.500 in Marburg. Aber auch diese Strategie ist für ein viersemestriges Aufbaustudium keine befriedigende Lösung.

"Wer 300 Euro und mehr im Monat für Miete ausgeben kann, hat sicher weniger Probleme, in Marburg eine Wohnung zu finden", ist sich Kathrin sicher. Das stimmt. In den vergangenen Jahren wurde viel studentischer Wohnraum geschaffen. Ein Blick in die lokalen Immobilienanzeigen zeigt allerdings, dass fürs schmale Portemonnaie auch das Angebot eher schmal ist. Das bemängelt auch der Verein zur Förderung studentischen Wohnens, ein Verein, in dem sich Mitglieder des selbstverwalteten Wohnprojekts im Bettenhaus, einem ehemaligen Klinikgebäude im Marburger Nordviertel, organisieren. Anfang Oktober bot der Verein ebenfalls Notunterkünfte für Studierende an und kritisierte in der OP, dass es zuwenig bezahlbaren Wohnraum in Marburg gebe.

Gebaut wird in Marburg weiter. So soll in der Nähe des Bahnhofs ein weiterer studentischer Wohnkomplex entstehen. Aber wie teuer die Wohnungen dort sein werden ist ebenso offen wie die mittelfristige Entwicklung der Wohnsituation. Doppeljahrgänge der G8-Schulabgänger sind dabei nur ein Stichwort. Für Kathrin ist das auch unwichtig. In zwei Jahren ist sie mit ihrem Studium in Marburg wahrscheinlich fertig.

von Gabriele Neumann

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