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Das pralle Leben Partnerschaften auf Augenhöhe
UNIversum Das pralle Leben Partnerschaften auf Augenhöhe
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03:59 01.07.2012
Marburg

Wenn sie „Rock your Life!“ hören, denken viele Menschen zunächst einmal an Musik. Doch E-Gitarren sucht man bei Simon Schmidt und Caspar von Allwörden, die sich bei „Rock your Life!“ engagieren, vergebens. Die beiden Marburger Studenten wollen mit ihrem Verein Schülern mit „bildungsfernem“ Hintergrund zur Seite stehen und sie unterstützen: Die Acht- und Neuntklässler sollen ermutigt werden, ihre eigenen Stärken und Interessen zu entdecken, um es so auf dem Weg in Ausbildung und Beruf einfacher zu haben.

„Es geht nicht um kostenlose Nachhilfe“, sagt Caspar von Allwörden. Vielmehr soll den Schülern Selbstvertrauen geschenkt werden – dadurch, dass ein fester Ansprechpartner sie in zwei entscheidenden Jahren begleitet, unterstützt und an sie glaubt.

„Unsere 51 Mitglieder kommen von fast allen Fachbereichen der Uni“, erzählt Simon Schmidt. Der 23-Jährige war vor einem Jahr eines der Gründungsmitglieder, als „Rock your Life! Marburg“ aus der Taufe gehoben wurde. Auch in anderen Unistädten gibt es den Verein – 26 Standorte bundesweit, Tendenz steigend.

Über „das mit den Studenten und den Hauptschülern“ hatte Simon Schmidt bereits vor geraumer Zeit etwas in der Presse gelesen. Als er jedoch feststellte, dass es in Marburg keine „Rock your Life!“-Gruppe gab, hatte er das Projekt wieder aus den Augen verloren, bis die Freundin einer Mitbewohnerin ihn mit ihrem Engagement ansteckte und es schließlich zur Vereinsgründung kam.

Inzwischen ist der Marburger Verein vom AStA als studentische Initiative anerkannt und hat rund 30 „Coaches“ ausbilden lassen, also Studenten, die sich jeweils in einer „Zweierbeziehung“ um einen Schüler kümmern und sich mit ihm während der letzten beiden Schuljahre mindestens alle zwei Wochen treffen. „Was man da macht, ist nicht vorgeschrieben“, erzählt Caspar von Allwörden, der zurzeit selbst einen Achtklässler von der Richtsberg-Gesamtschule „coacht“. Einmal waren die beiden schon zusammen im Kino, „Der Diktator“ hatte sich der Schüler ausgesucht, einmal stand gemeinsames Eisessen auf dem Programm, und einmal trafen sich die beiden „einfach so“. Dabei steht zunächst das gegenseitige Kennenlernen im Vordergrund. Auf lange Sicht arbeiten die beiden Partner daran, gemeinsam eine „Coachingvereinbarung“ zu erfüllen, die zu Beginn aus den Wünschen des Schülers entwickelt wurde. Im Mittelpunkt steht dabei immer der Einstieg in die Ausbildung und den Beruf oder aber der Übergang auf eine weiterführende Schule. Damit das auch praktisch gelingt, hilft der Verein den Schülern auch bei der Suche nach Praktikumsplätzen und sucht deshalb den Kontakt zu lokalen und überregionalen Firmen.

Für Reinhard Berger, Lehrer an der Richtsberg-Gesamtschule, ist „Rock your Life!“ eine wertvolle Ergänzung zu dem, was Schule und Eltern in Punkto Berufsorientierung tun können: „Der Kontakt zu diesen relativ jungen Erwachsenen bietet den Schülern noch einmal einen ganz anderen Einstieg ins Leben“, sagt er. Lehrer hätten für die Schüler eine feste Rolle, ebenso wie die Eltern, und erreichten die Jugendlichen deshalb in Sachen Lebensplanung oft nicht so gut. „Ein anderer, unbelasteter Ansprechpartner, der noch dazu gar nicht so viel älter ist als der Schüler, ist da eine wertvolle Ergänzung“, sagt Berger, der an der Gesamtschule für die Berufsorientierung zuständig ist.

Doch nicht nur der Schüler – oder „Coachee“, wie der Verein ihn nennt – soll von der Beziehung profitieren, sondern auch der coachende Student: Es geht darum, voneinander zu lernen und Einblicke in die zunächst vielleicht fremde Welt des jeweils anderen zu erhalten.

von Sabine Nagel-Horn