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Nur beim Studieren hilft Otto nicht

Studenten in Marburg Nur beim Studieren hilft Otto nicht

Wenn Marburgs Studenten morgens die Zeitung lesen, hört Christian Moeller Radio. Der Jura-Student aus dem Stadtteil Wehrda ist blind. Auf den Wetterbericht verlässt er sich trotzdem nicht. Ein kurzer Gang auf den Balkon sagt ihm, wie er sich kleiden soll.

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Christian Moeller und sein Führhund, der Golden Labrador Otto, sind ein eingespieltes Team.

Quelle: Nora Goldschmidt

Verantwortlich ist Moeller allerdings nicht nur für sich, sondern auch für seinen dreijährigen Hund Otto. Seit eineinhalb Jahren sind die beiden bereits ein Team. „Wenn ich ohne Hund unterwegs bin, dann fehlt mir was", beteuert der 23-Jährige.

Nach einem kurzen Waldspaziergang macht sich Moeller per Bus auf den Weg zur Uni. Sein Hund braucht kein Busticket, denn Führhunde sind im gesamten Öffentlichen Personennahverkehr frei. Auch auf Messen oder im Zoo haben sie freien Eintritt.

Während der Vorlesungen liegt der Golden Labrador meist mit im Hörsaal und schläft. Oder er spielt mit den Kommilitonen seines Herrchens, die er mittlerweile recht gut kennt. In den sieben Semestern, die der von Geburt an Blinde bereits Jura studiert, hat er auch einen anderen blinden Studenten mit Hund kennengelernt. Der hat ihn auch dazu inspiriert, einen Führhund zu beantragen - obwohl Moeller schon vorher von Hunden fasziniert war. Er schätzt vor allem die Fähigkeit dieser Tiere, sich zu sozialisieren und zu integrieren.

Die offizielle Schulungszeit als Blindenhundführer beträgt zwei Wochen, die Eingewöhnungszeit dauert jedoch viel länger. „Es treffen zwei Lebewesen aufeinander, zwei vollkommen unterschiedliche Charaktere", so Moeller. Doch das haben die beiden bereits hinter sich: „Der Hund wird irgendwann dein Partner." Da ist es nicht verwunderlich, dass der Student seine Vorlesungen ausfallen lässt, wenn der Hund mal krank ist. Hierbei kommt ihm zu Gute, dass keine Anwesenheitspflicht herrscht. Denn ein Hund in der Entschuldigung macht sich nicht gut.

Mittags trifft man Moeller, wie viele andere Studenten, in der Mensa an. Über das Speisenangebot informiert er sich vorher übers Internet, ansonsten helfen ihm die Mitarbeiter. Mit Hund in die Mensa: Das ist "so gar kein Problem". Auch im Alltag hilft Otto ihm, neue Bekanntschaften zu machen. Wer den Hund jedoch streicheln will, sollte das zuerst bei dessen Halter anfragen, da die beiden sonst unnötig irritiert werden. In dem Punkt sieht sich der Student sogar in der Pflicht gerade kleinen Kindern diese Problematik zu erklären.

Geht Moeller nachmittags noch Einkaufen, so geht sein Hund selbstverständlich mit. Ob Bäcker, Metzger oder Supermarkt, Otto darf mit. Nur ein Süßwaren-Geschäft in Marburg erlaubt es dem Blinden nicht, seinen Hund mitzunehmen. Ansonsten führt Otto ihn zielsicher zur Kasse oder Frischetheke, an der sich hilfsbereite Angestellte finden lassen.

Wieder zu Hause „wird erst einmal gelaufen". Mindestens eine Stunde Auslauf sollte auch ein Führhund täglich bekommen, am Wochenende können es auch zwei bis drei Stunden sein. Denn die Führarbeit ersetzt den Auslauf nicht. In seiner Freizeit macht Moeller gerne Musik. Er spielt Gitarre in einer Band, die gelegentlich in Pubs auftritt.

Im Grunde unterscheidet sich sein Leben nicht allzu sehr von dem eines gewöhnlichen Studenten. Informationen für das Studium scannt er ein oder bekommt sie direkt über das Internet, um sie sich später von einem Sprachsystem vorlesen zu lassen. Hier kommt ihm Jura als Textstudium entgegen.

Als optimistischer Mensch bezeichnet Christian Moeller sein Leben im Vergleich mit dem anderer nicht als schwerer. Für ihn ist nur der Aufwand größer.

von Nora Goldschmidt

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Marburg

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