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Lernen, lernen, Tabletten schlucken

Gehirndoping Lernen, lernen, Tabletten schlucken

Doping, das kennt man vor allem aus dem Sport. Doch auch an der Uni wird gedopt nicht die Muskulatur, sondern das Gehirn.

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Themenfoto Universum. Gestellte Situation: Eine Studentin mit Koffein-Tablette Foto: Nadine Weigel (nw).

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Viele Studenten fühlen sich besonders in Prüfungsphasen einem enormen Druck ausgesetzt. Manch einer greift da zu verlockenden Wunderpillen, die seine Probleme lösen sollen.

In Amerika, wo der Trend zum „Gehirndoping“ entstand, liegt laut einer repräsentativen Studie der Anteil der „Dopingsünder“ bei 6,9 Prozent der Studenten.

Über die Benutzung von „Smart Pills“ an der Marburger Uni gibt es keine Untersuchungen. Die einzige bisher vorliegende Befragung deutscher Studenten wurde im vergangenen Jahr in Mainz veröffentlicht. Von 512 befragten Studenten der Uni Mainz in den Fachbereichen Medizin, Pharmazie und Wirtschaftswissenschaften gaben 0,78 Prozent an, schon einmal verschreibungspflichtige Medikamente genutzt zu haben, um ihre Hirnleistung zu steigern. Deutlich größer war der Anteil derer, die diesen Effekt mit gänzlich illegalen Mitteln gesucht hatten: 2,93 Prozent gaben an, schon einmal Amphetamine, Kokain oder Ecstasy eingenommen zu haben – wohlgemerkt nicht als Partydroge, sondern als Hirn­stimulans. Summa Summarum ist das eine Doping-Quote von knapp 4 Prozent.

Hochgerechnet auf die Uni Marburg wären das rund 740 Studenten, die schon einmal versucht haben, mit verschreibungspflichtigen Mitteln oder illegalen Drogen ihre Leistungen aufzubessern. Hinzu kommt eine unbekannte Zahl von Studenten, die ebenfalls meinen, ihre natürliche Leistungsfähigkeit reiche nicht aus, und die ihr mit Mitteln aus der Natur auf die Beine helfen wollen. So wie die Marburger Uni-Absolventin Nicole, die während ihrer Diplomarbeit zur Apotheken-Stammkundin wurde: „Ich habe Unmengen von Koffeintabletten geschluckt, um wach zu bleiben“, erinnert sie sich. Mit dem Erinnern hat sie ansonsten aber Schwierigkeiten, wenn es um die letzte Phase ihres Studiums geht: „Es gibt halbe Tage, von denen ich gar nichts mehr weiß“, sagt sie. „Angeblich habe ich da Kommilitonen getroffen und mit ihnen gesprochen ich kann mich nicht erinnern.“ Diese Lücken führt sie auf das viele Koffein zurück, das sie so fahrig und aufgedreht machte, dass vieles offenbar an ihr vorüberging.

Gehirndoping hat viele Facetten. Die „Geheimtipps“ gehen von Koffein oder Gingko bis hin zu verschreibungspflichtigen Medikamenten aus dem psychiatrischen und neurologischen Bereich: Ritalin zum Beispiel, ein Medikament, mit dem eigentlich das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) behandelt wird. Oder Mittel mit dem Wirkstoff Modafinil, der eigentlich Patienten mit Narkolepsie (Schlafkrankheit) verschrieben wird. Der erhoffte Effekt: Die Mittel sollen das Schlafbedürfnis senken und demjenigen, der sie einnimmt, damit mehr Zeit zum Lernen schenken.

In Internetforen tauschen sich Studenten und auch Arbeitnehmer über ihre Erfahrungen mit diesen Mitteln aus. „Ich nehme Modafinil höchstens ein Mal pro Woche, überwiegend wenn ich übermüdet bin und viel lernen muss“, schreibt zum Beispiel der Student „ickih“. Die Vorteile schildert er so: „Ich werde davon fleißig, habe einen rigorosen Tatendrang und auch mehr Lust, etwas Schwieriges anzupacken.“ Allerdings erwähnt er auch gleich einen gefährlichen Nachteil des Mittels: „Die psychische Abhängigkeit bleibt.“

Auch der Internetnutzer „toni-4u“ berichtet in einem Forum von seinen Doping-Erfahrungen mit Modafinil. Er schildert Probleme, „mich mit anderen Leuten zu unterhalten. Es ist schlecht zu beschreiben, aber ich musste mich sehr konzentrieren, um vernünftige Sätze herauszubringen“, ist seine Erfahrung. Denn auch wenn das Mittel wach macht, die Konzentrationsfähigkeit leidet darunter.

Viele Mediziner sehen den Trend zur Zweckentfremdung solcher Medikamente mit Sorge. „Das ist ein gefährliches Selbstexperiment, die Langzeitfolgen sind kaum abzuschätzen“, sagt die Medizin-Ethikerin Davinia Talbot von der Uni Münster. Denn die Medikamente sind nur an Kranken getestet, ihre langfristige Wirkung auf Gesunde könnte eine ganz andere sein.

Eine stichprobenartige Umfrage unter Marburger Apothekern ergab, dass es zwar eine studentische Nachfrage nach frei verkäuflichen Wach- und Schlaumachern Koffeintabletten, Gingko-Extrakt gebe. Allerdings habe es in den vergangenen Jahren keine merkliche Steigerung gegeben. Bei den verschreibungspflichtigen Pillen ist der Nachweis schon schwieriger, denn sie gibt es entweder gegen Rezept oder illegal aus dem Ausland. In der Mainzer Studie gaben die meisten Befragten als Quelle „Freunde oder Verwandte“ an.

von Sabine Nagel-Horn

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