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Eine Stadt mit vielen weißen Stöcken

Marburg Eine Stadt mit vielen weißen Stöcken

Wer neu in Marburg ist, dem fällt bald auf: Hier gibt es außergewöhnlich viele Blinde. Der Grund dafür ist die Blindenstudienanstalt, kurz „Blista".

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Schulleiter Jochen Lembke (links) und Michael Büchner.

Quelle: Verena Kauzleben

Marburg. Michael Büchner (30) studiert Politik, ist Stadtverordneter in Marburgs Parlament und fährt gerne Ski. Ein Gerät, das Wellenlängen registriert, sagt ihm die Farben seiner Kleidung an, seine Uhr gibt akustisch die Zeit wieder, und gleichfarbige Socken paart er mit Sicherheitsnadeln: Büchner ist stark sehbehindert. Dass er trotzdem ein eigenständiges Leben führen kann und nur geringfügig auf fremde Hilfe angewiesen ist, verdankt er der Blindenstudienanstalt in Marburg.

Eigentlich würde man in der Universitätsstadt angesichts der Hügel und verwinkelten Oberstadt kein Sehbehindertenzentrum erwarten. Tatsächlich wurde die Blindenstudienanstalt, kurz Blista, nicht wegen der Stadt an sich, sondern wegen des Klinikums hier angesiedelt. Während des ersten Weltkrieges behandelten die Augenärzte viele erblindete Heimkehrer. Den meist noch jungen Männern blieb der Zugang zur Berufswelt versperrt. Alfred Bielschowsky, damals Direktor der Augenklinik, und Carl Strehl, selbst erblindet, wollten ihnen ein eigenständiges Leben und eine Anbindung an den Arbeitsmarkt ermöglichen. Daher gründeten sie den "Verein der blinden Akademiker", der sich zur Blista entwickelte. Sie bietet ein vielseitiges Ausbildungs- und Survivalangebot für Betroffene: Neben dem Abitur ist das Fachabitur und später eine Berufsausbildung möglich, z um Beispiel als Informatikfachmann/frau.

Europaweit ist die Blista das einzige Gymnasium, das sehgestörte Kinder ab der 5. Klasse unterrichtet. Das Leitprinzip der Schule ist, die Heranwachsenden zur Selbstständigkeit zu erziehen. Fernab von der Familie lernen sie, sich im Alltag zurecht zu finden. Daher wohnen sie in Wohngruppen und sind für viele Aufgaben im Haushalt von Beginn an verantwortlich. Dazu zählt beispielsweise auch das Organisieren des Frühstücks. Selbstvertrauen sollen die Kinder auch durch sportliche Betätigungen finden. Denn dies sind meist ungekannte Herausforderungen. So fährt beim Skifahren zwar ein Betreuer vor und gibt Richtung und Steigung an, trotzdem sind Mut und Zuversicht in die eigenen Fähigkeiten nötig. Außerdem haben die Schüler die Chance zu rudern, Kajak zu fahren, zu reiten oder Fußball zu spielen, wobei eine Rassel in den Ball eingebaut ist. „Sport ist mit Abstand das beliebteste Fach. Die neuen Erfahrungen stärken das Selbstbewusstsein“, verrät Büchner.

Auffallend ist die familiäre Atmosphäre in der Schule. Die Schüler verbindet ein engeres Verhältnis mit den Lehrkräften als an regulären Bildungshäusern, denn die Betreuung geht über den normalen Unterricht hinaus. Im Alltag benötigen die Heranwachsenden ein Mehr an Aufmerksamkeit und Hilfe. „Es ist ein besonderer Job, der die richtige Einstellung erfordert. Man muss mit dem Herzen dabei sein.“ sagt Schuleiter Jochen Lembke. Er ist ein schwungvoller Mann, der offen und tatkräftig auftritt. Seit 30 Jahren arbeitet er bereits an der Blista.

Der Erfolg der Schulstrategie ist groß: 85 Prozent der Schulabgänger sind eigenständig genug, um alleine zu leben und in eine fremde Stadt ziehen. Einige entscheiden sich auch für ein Studium an der Philipps-Universität. 170 Betroffenen Sehbehinderte studieren dort zurzeit, so viele wie an keiner anderen Hochschule in Deutschland. Sie erhalten viel Unterstützung, unter anderem durch Vorlesestunden. Im Wintersemester 2010/11 startet in Marburg der berufsbegleitende Masterstudiengang „Blindenpädagogik“, den es nur an fünf deutschen Universitäten gibt. Der Bedarf an Fachkräften wird damit bisher bei Weitem nicht gedeckt, so der Blista-Direktor Claus Duncker.

Die Stadt Marburg hat sich trotz Hügeln und Winkeln zu einer optimalen Umgebung entwickelt, in vielen Bereichen ist sie an die eingeschränkten Mitbürger angepasst: Baustellen sind speziell abgesichert, Straßenübergänge durch Noppenpflaster gekennzeichnet, akustische oder Vibrationssignale begleiten Ampelübergänge. Es gibt Stadtführungen für Blinde, Fahrdienste und in 22 der Marburger Gaststätten Speisekarten in Brailleschrift. Auch die Bewohner Marburgs sind an den Umgang mit Sehbehinderten gewöhnt. „Sie sind aufgeschlossener als in anderen Städten, das ist sehr angenehm“ sagt Büchner.

von Verena Kautzleben

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