Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 5 ° wolkig

Navigation:
Ein Wohnheim, das Hürden überwindet

Konrad-Biesalski-Haus Ein Wohnheim, das Hürden überwindet

Studentenwohnheime gibt es viele. Das Konrad-Biesalski-Haus in der Oberstadt ist eines der kleinsten Wohnheime in Marburg. Und doch ist es bundesweit einmalig. Denn hier wohnen körperbehinderte Studierende gemeinsam mit Nichtbehinderten.

Voriger Artikel
Per Sofa lässt sich die Welt entdecken
Nächster Artikel
Die mit dem Stock fechten

Sarah Meß (links) besucht Anna Sieber in ihrem Wohnheim-Appartement.

Quelle: Gabriele Neumann

Marburg . "Es gibt hier kaum einen Weg ohne Berg", fasst Maria Holz die Problematik für Rollstuhlfahrer in Marburg treffend zusammen. Die Geographie-Studentin ist gehbehindert und wohnt seit dem Wintersemester im Konrad-Biesalski-Haus. Das wichtigste am Wohnheim ist für sie deshalb auch der Fahrdienst. Der bringt sie zu Vorlesungen, aber auch ins Kino oder zu Verabredungen. "Wir versuchen für die Behinderten alle Defizite abzudecken, die das Studentenleben angehen, vom Aufstehen bis zur Tür der Hochschule", erklärt Hans-Peter Hardt. Er ist beim Studentenwerk fürs studentische Wohnen verantwortlich und betont den integrativen Ansatz des Wohnheims, der die Studierenden auch auf die Selbstständigkeit im späteren Leben vorbereiten soll. Das bedeutet auch, dass die behinderten Bewohner vieles genauso selbst organisieren müssen wie die nichtbehinderten, zum Beispiel Essen oder Einkaufen. Und genau wie bei Nichtbehinderten gibt es da sehr unterschiedliche Herangehensweisen. Während Maria Holz zum Beispiel lieber selbst kocht, zieht es Anna Sieber vor, in der Mensa zu essen oder die Essensfahrt des Wohnheims zu bestimmten Restaurants zu nutzen.

Die 22-jährige Anna Sieber studiert Erziehungs- und Bildungswissenschaften und leidet an einer spastischen Tetraplegie, das heißt, sie kann alle vier Gliedmaßen nur sehr bedingt bewegen. Sie stieß mit den Suchbegriffen "Studium + Behinderung" im Internet auf das Konrad-Biesalski-Haus und wohnt ebenfalls seit dem Wintersemester hier. Insgesamt gibt es 78 Wohnheimplätze. 25 davon sind derzeit an behinderte Studierende vergeben, die Mehrzahl von ihnen sind Rollstuhlfahrer. "Unser Ziel ist es, nicht mehr als die Hälfte der Plätze an behinderte Bewerber zu vergeben, um den integrativen Gedanken nicht zu verlieren", sagt der Geschäftsführer des Studentenwerks, Dr. Uwe Grebe.

Dass gerade Marburg mit seiner rollstuhlfeindlichen Topographie das bundesweit einzige Studentenwohnheim mit "Rundum-Sorglos-Paket" für behinderte Studierende beherbergt, hat historische Gründe. Der damalige Leiter der Orthopädie an der Uni-Klinik, Professor Gerhard Exner, setzte sich in den 60er Jahren für den Bau des integrativen Wohnheims ein. 1969 wurde es eröffnet. Benannt ist das Haus nach dem Orthopäden Konrad Biesalski, der um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert die moderne Behindertenfürsorge gründete. Barrierefreie Wohnungen gibt es natürlich auch in anderen Wohnheimen. Einmalig in Marburg ist die Kombination mit Pflege- und Fahrdienst, Physiotherapie und allen Dingen, die Behinderten dieselbe Teilhabe am studentischen Leben ermöglichen wie anderen Studierenden. Anna Sieber formuliert das so: "Man hat den Kopf frei fürs Studium, denn alles, was nichts mit dem Studium zu tun hat, wird einem abgenommen". In anderen Wohnheimen müssen Behinderte all diese Dinge selbst organisieren.

Zwölf fest angestellte Kräfte, von Krankenpflegern über Physiotherapeuten bis zu Fahrern, sorgen dafür, dass der Alltag für die behinderten Studierenden reibungslos abläuft. Dazu kommen (noch) Zivildienstleistende und studentische Aushilfen. In Zukunft hofft das Studentenwerk auch auf Bewerber aus dem Freiwilligendienst. Kürzlich wurden außerdem zwei Stellen fest ausgeschrieben, um den Wegfall der Zivis zu kompensieren, erklärt Hardt. Mindestens 20 Wohnheimplätze müssen an Behinderte vergeben sein, damit das Studentenwerk diesen personellen Standard aufrechterhalten kann, zu dem auch die Abrechnung der Leistungen mit den Kostenträgern gehört. Die Logistik verlangt allen Beteiligten einiges ab, nicht zuletzt der Pflegedienstleitung Joy Madubuko. Denn der Pflegedienst richtet sich nach den Bedürfnissen der Studierenden, nicht umgekehrt. "Die Individualität der Studierenden ist für uns sehr wichtig", sagt Joy Madubuko. Konkret bedeutet das, dass die Studierenden zum Beispiel am Abend anmelden, wann sie am nächsten Tag aufstehen oder duschen wollen und ob und wann sie dazu Hilfe benötigen. Fahrten in die Stadt müssen eine halbe Stunde vorher angemeldet werden - was auch den beiden Fahrern einiges an Flexibilität abverlangt. Aber ohne diese Möglichkeiten könnten viele der Bewohner nicht studieren. So wie Sarah Meß. Die gebürtige Lübeckerin studiert Erziehungs- und Bildungswissenschaften im vierten Semester und ist Rollstuhlfahrerin. "Ich habe zwei Veranstaltungen mit Treppen. Die könnte ich ohne Hilfe nicht überwinden", sagt sie.

Ob das Haus und das Studium zum Bewerber passen, ist für Behinderte eine noch wichtigere Frage als für Nichtbehinderte. Denn sie können nicht so eben mal schnell umziehen. Deshalb gibt es für alle Bewerber vor dem Einzug ein intensives Beratungsgespräch. "Das dauert meist einen ganzen Tag", erklärt Hardt. In der Regel reisen die Bewerber gemeinsam mit den Eltern an, sehen sich das Haus und die Appartements an - und werden bei Bedarf von der Studienberatung über das Fach informiert. "Jeder Bewerber kann eine Woche kostenlos probewohnen, um herauszufinden, ob das Haus für ihn passt", sagt Hardt.

Für Maria Holz, Sarah Meß und Anna Sieber passt es. Zwei von ihnen erfuhren über Freundinnen von dem Wohnheim. "Mundpropaganda ist immer noch die beste Werbung", sagt Geschäftsführer Grebe dazu. Und die gibt es seit vier Jahrzehnten. Seit 1969 haben mehr als 300 Menschen mit Behinderung im Konrad-Biesalski-Haus gewohnt und an der Philipps-Universität ihren Abschluss gemacht.

von Gabriele Neumann

Mehr zum Konrad-Biesalski-Haus erfahren Sie hier.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Instagram