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Das pralle Leben Den Werken großer Meister nacheifern
UNIversum Das pralle Leben Den Werken großer Meister nacheifern
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13:48 25.11.2011
Qitan Huang zeichnet an einem Bild zum Thema "Maske", das die Rückansicht eines weiblichen Oberkörpers zeigt. Quelle: Thorsten Richter

„Ich wollte die Werke großer Meister mit eigenen Augen sehen“, sagt Qitan Huang. Das Studium der Ölmalerei ist in China vergleichsweise modern, sind die europäischen Alten Meister doch deutlich jünger als etwa die Kunst der Kalligraphie. Anders als in Europa konzentriert sich das Kunststudium in China auf eine einzelne Technik. Um den Zugang zur Hochschule zu schaffen, besuchte Huang neben der sechsjährigen Mittelschule abends und am Wochenende eine Kunstschule.
„Die Hürde zur Universität ist in China sehr hoch“, erklärt der 27-Jährige, der Anfang 2010 nach Deutschland kam. Auch die materielle Hürde ist hoch. Leinwände und Ölfarben, also die Grundmaterialien, sind in China gemessen am Einkommen wesentlich teurer als in Europa.
In Marburg fühlt sich Qitan Huang sehr wohl. „Es ist hier sehr schön ruhig und die Stadt ist sehr schön“, sagt er. Er selbst kommt aus einer 4-Millionen-Stadt in der Nähe von Peking. Dass er ausgerechnet nach Marburg kam, hat auch etwas mit seinem Professor zu tun. Eckhard Kremers lebte mehrere Jahre in Japan, deshalb bewerben sich viele Studierende aus Japan, China und Korea bei ihm. „Er versteht die chinesische und japanische Kultur gut“, sagt Qitan Huang. Von den aktuell 28 Master-Studenten kommen neun aus dem Ausland, vier davon aus China. „Der Studiengang ist sehr international. Und gerade die Leute aus China und Japan fühlen sich hier gut aufgehoben“, ergänzt Kremers.
Das Verhältnis von Professor zu Studierenden beschreibt Qitan Huang in Deutschland als sehr ausgeglichen. „Die Hierarchie ist hier nicht so stark. In China ist das Verhältnis mehr so wie zwischen Lehrern und Schülern“, erklärt der Wahl-Marburger in ziemlich fließendem Deutsch. In einem Intensiv-Kurs lernte er die fremde Sprache sechs Monate lang in Bonn, danach sprang er ins kalte Wasser des echten Studiums in Marburg. „Die Mitstudierenden sind aber sehr nett und verständnisvoll – und sprechen manchmal extra für mich ein bisschen langsamer“, sagt Huang. Den Unterschied zwischen Deutsch und Chinesisch fasst er prägnant in einem Satz zusammen: „Im Deutschen ist die Grammatik sehr schwierig, im Chinesischen die Schrift.“ Chinesische Kalligraphie gehört zu Huangs Hobbys. Momentan hat er dafür aber wenig Zeit. Er arbeitet an Zeichnungen zum Semesterthema „Maske“. Eine fast fotorealistische Bleistiftzeichnung zeigt die Rückansicht eines weiblichen Oberkörpers mit erhobenen Armen. In Planung hat Qitan Huang auch noch ein Triptychon in Mischtechnik aus Öl, Zeichnung und Tiefdruck. Im Atelier in der ehemaligen Wäscherei der Uni neben der Waggonhalle hängen einige Ölgemälde Huangs an der Wand. Das Atelier teilt er sich mit fünf anderen Studierenden. „Hier kann man sehr gut arbeiten“, erklärt er und erläutert die Bilder zum Thema „Tier“. Da wirbelt etwa ein stilisierter Drache über unruhige See. „Den Drachen habe ich gewählt, weil er in China als Symbol für Glück und das Gute sehr oft vorkommt, während er in Europa eher als bedrohlich empfunden wird“, erklärt er den Brückenschlag zwischen zwei Kulturen in seinem Bild. Diesen Brückenschlag erlebt Huang auch im Alltag. Er trifft sich mit Kommilitonen, aber auch mit anderen Chinesen in Marburg. An Weihnachten etwa wollen einige chinesische Studierende ein festliches Essen zusammen gestalten. Sein Ziel, große Meister im Original zu sehen, hat er auch schon erreicht. In Hamburg, Berlin und Bonn hat er Ölmalerei in Museen besichtigt. Und in Frankfurt natürlich. Dort kann er mit dem Semesterticket so oft hinfahren wie er will.

von Gabriele Neumann