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Berufe an der Uni Mit Gold und Fingerspitzengefühl
UNIversum Berufe an der Uni Mit Gold und Fingerspitzengefühl
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16:03 16.02.2012
Karin Wiegand ist Zahntechnikerin an der Philipps-Universität. Mit viel handwerklichem Geschick und Liebe zum Detail verhilft sie Patienten zu einem strahlenden Lächeln. Quelle: Nadja Schwarzwäller
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Der Geruch im Labor ist gewöhnungsbedürftig. Gips? Kunststoff? Die ortsfremde Nase rätselt. Die Mitarbeiter finden nichts Ungewöhnliches daran.

An den Arbeitsplätzen vor der großen Fensterfront an Ortenberg steigt Staub vom Fräsen und Schleifen in die Luft und auf einer Herdplatte erwärmt sich eine undefinierbare Masse in einem Topf – ein bisschen fühlt man sich wie in einer „Hexenküche“.

Die Zahntechnik ist allerdings keine Hexerei, sondern ein ordentlicher Ausbildungsberuf. Ein toller Ausbildungsberuf sogar, erklärt Karin Wiegand. Sie ist bereits seit 35 Jahren Zahntechnikerin und vor allem von der Vielseitigkeit ihres Jobs begeistert: „Das Spektrum ist sehr groß“, sagt sie und meint sowohl die Vielfalt an Materialien, mit denen gearbeitet wird, wie auch die Anforderungen, die diese Arbeit mit sich bringt.

Das Ergebnis ist dabei gewissermaßen immer vorgegeben – man hat eine Krone zu fertigen oder eine Brücke oder eine komplette Prothese. Aber auf dem Weg dorthin könne man viel selbst gestalten.

Karin Wiegand sieht gute Zukunftsperspektiven für Zahntechniker – auch wenn der Verdienst nicht gerade spektakulär ist.

Die Ausbildungszeit beträgt dreieinhalb Jahre. Was Bewerber unbedingt mitbringen müssen, sind Geduld und viel handwerkliches Geschick sowie die Liebe zum Detail. Wenn mit filigranen Instrumenten am Zahnersatz gefeilt wird, dann geht es um die Bruchteile von Millimetern, um die perfekte Passform, mit der später der perfekte Sitz und Biss erreicht wird.

Zum Handwerk kommt inzwischen aber auch immer mehr Technik und Elektronik. Mit Hilfe so genannter CAD- und CAM-Techniken (die Abkürzungen stehen für „Computer Aided Design“ und „Computer Aided Manufacturing“) kann zum Beispiel ein virtuelles Modell des Zahnersatzes im Computer erstellt werden. Nach diesem Modell wird das Werkstück dann automatisiert aus dem gewünschten Material gefräst.

Bevor es an die Fertigung geht, ist aber auch ein ganz anderer Punkt entscheidend: die Kommunikation. Man muss sich mit dem Arzt absprechen, der den Zahnersatz im Labor in Auftrag gibt; insbesondere, wenn es sich um komplizierte Fälle und umfangreiche Prothesen handelt, wie sie eben gerade in einer Universitätsklinik häufig vorkommen, sagt Karin Wiegand. Gleichzeitig bietet die dann aber auch den „Standortvorteil“ der kurzen Wege zwischen den Beteiligten.

Mit den Patienten haben die Zahntechniker in vielen Fällen ebenfalls Kontakt; wenn sie zum Beispiel zu einer technischen Beratung direkt am Stuhl mit dabei sind oder für einen Patienten die perfekte Farbe für den Zahnersatz aussuchen. Dann ist durchaus neben dem handwerklichen auch psychologisches Fingerspitzengefühl gefragt.

Reizvoll für Karin Wiegand ist außerdem, dass das Labor in den lebendigen Betrieb der Universität und die Ausbildung der Studenten eingebunden ist. Veränderungen hat es in den letzten Jahrzehnten übrigens nicht nur innerhalb des Berufsbildes gegeben, sondern auch hinsichtlich der Präferenzen der Patienten. Während früher häufig Gold das Material der Wahl gewesen sei, ist das teure Edelmetall heute längst „out“. Da wären wir wieder bei der Vielseitigkeit: Man muss sowohl Metalle wie auch Keramik bearbeiten können, mit Gips umgehen, mit Computern und mit Menschen. „Zahnersatz fertigen“ ist gar nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint. Und deshalb für die, die ihn machen, eben der tollste Beruf der Welt.

von Nadja Schwarzwäller

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