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Berufe an der Uni Im Reich der Späne und Mini-Schrauben
UNIversum Berufe an der Uni Im Reich der Späne und Mini-Schrauben
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11:05 25.11.2010
Feinwerkmechaniker-Meister Hermann Günther (links) erläutert dem Auszubildenden Fabian Marx die nächsten Schritte beim Bau einer rotierenden Metallschnecke für ein physikalisches Experiment. Quelle: Sabine Nagel-Horn
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Marburg. Es riecht nach Metallbearbeitung in der feinmechanischen Werkstatt am Renthof. Es ist laut und warm, Maschinen summen, Späne fallen zu Boden. Mittendrin steht Hermann Günther und erläutert einem Auszubildenden die nächsten Schritte beim Bau eines kleinen Gerätes aus rostfreiem Stahl. Günther ist Leiter der feinmechanischen Werkstatt am Fachbereich Physik. „Es gibt hier an der Physik die unterschiedlichsten Arbeitsgruppen, von der Optik bis zur Neurophysik. Für deren Wünsche und Vorstellungen sind wir zuständig“, umreißt der Feinwerkmechaniker-Meister den Aufgabenbereich seiner Werkstatt.

Diese Wünsche und Vorstellungen sind vielfältig: Mal brauchen die Wissenschaftler für ihre Versuchsanordnungen spezielle Halterungen, in denen sie Materialproben zur Untersuchung befestigen können. Oder es wird für ein Optik-Experiment eine Metallschnecke benötigt, die sich gleichmäßig um ihre eigene Achse dreht und dabei Laserstrahlen reflektiert. Im Moment arbeiten Günther und seine Kollegen gerade an Linsen aus einem Spezialkunststoff. Sie können bestimmte Strahlungen bündeln, wie sie auch in Körperscannern verwendet werden. Hergestellt werden diese Linsen an einer Drehmaschine, an der das Kunststoffstück eingespannt ist und sich um seine Mittelachse dreht. Ein kleines Messer schabt dabei Runde für Runde dünne Späne von dem Werkstück ab, bis das gewünschte Maß und die Form erreicht ist.

„Das Schönste an meinem Beruf ist die Vielseitigkeit der Herausforderungen, die an uns gestellt werden“, sagt Hermann Günther. Der 44-Jährige blättert in einem Aktenordner und zeigt eine Bleistiftskizze, die ein Professor ihm vorgelegt hat. Freihändig hat der Wissenschaftler dort festgehalten, wie er sich den Metallfuß vorstellt, der seiner Versuchsanordnung die nötige Bodenhaftung geben soll. Günther und sein Team - ein weiterer Meister, zehn Gesellen, ein Schlosser und neun Azubis - sind dafür verantwortlich, die Ideen der Wissenschaftler in reale Werkstücke umzusetzen. Also: technische Zeichnungen anzufertigen, die Arbeit vorzubereiten, das Material zu beschaffen und schließlich das geforderte Werkstück anzufertigen.

Dabei stehen den Feinmechanikern fast alle Möglichkeiten offen, die man sich in der Metallbearbeitung nur vorstellen kann: Sie sägen, bohren, drehen, fräsen, biegen, schweißen, löten und härten die metallischen Werkstoffe. Und das in Größenordnungen, die das Wörtchen „fein“ in ihrer Berufsbezeichnung mehr als rechtfertigen: Manche der winzigen Schräubchen und Gewinde sind zwischen den großen Männerfingern fast nicht zu sehen. Und wenn sie zu Boden fallen, heißt es oft genug: Noch einmal von vorn! „Wenn eine Schraube von einem Millimeter Durchmesser zwischen die Späne gerät, die unter der Maschine liegen, findet man sie nie wieder“, erzählt Günther.

Doch Metall – ob Stahl oder Edelstahl, Messing oder Alu – ist nicht immer der Werkstoff der Wahl. Auch Kunststoffe kommen in der feinmechanischen Werkstatt oft zum Einsatz und werden teilweise mit den selben Maschinen bearbeitet. Der beachtliche Maschinenpark ist übrigens „generationenübergreifend“: Drehbänke aus den 60er und 70er Jahren stehen einträchtig neben hochmodernen computergesteuerten Fräsen. „Vieles, was wir hier tun, ist sehr anspruchsvoll“, sagt Hermann Günther. Daneben gebe es aber sozusagen als Atempause auch immer mal wieder„ ganz banale“ Aufgaben. Und gelegentlich bekommen die Feinmechaniker auch Aufträge, die nichts mit wissenschaftlichem Streben zu tun haben. „Einmal zum Beispiel war oben am Schloss ein Fenster kauptt, und weil es stürmte, war die Sache sehr eilig“, erzählt Hermann Günther. Also wurden die defekten Beschläge kurzerhand in der feinmechanischen Werkstatt nachgebaut und damit der Schaden behoben.

Die Freude am Reparieren, Tüfteln und Herumschrauben ist es auch meist, was die neuen Lehrlinge zu diesem Beruf treibt. So war es vor 22 Jahren auch bei Hermann Günther, als er seine Feinmechaniker-Ausbildung an der Uni begann. „Technik lag mir einfach schon immer“, sagt der Meister.

Doch kehren wir zum Ausgangspunkt zurück: Was heißt das denn jetzt, Heliumtemperatur und Rezipient? Heliumtemperatur meint, dass das Material nicht an der normalen Luft untersucht werden soll, sondern in dem Edelgas Helium. Und zwar bei einer so niedrigen Temperatur, dass das Gas flüssig ist - bei weniger als Minus 268 Grad also. Der rätselhafte Rezipient, das ist die hermetisch verschlossene Kammer, in der das Ganze stattfindet. Und in der, nach einigen Wochen bis Monaten Arbeit, ein sehr kleines, sehr ausgeklügeltes Gerät zum Einsatz kommt, das Hermann Günther und seine Mitarbeiter gebaut haben.

von Sabine Nagel-Horn

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