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Berufe an der Uni Guido Schemken: der Herr der Ratten
UNIversum Berufe an der Uni Guido Schemken: der Herr der Ratten
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10:12 14.10.2010
Tierpflegermeister Guido Schemken kümmert sich um zwei so genannte Tumor-Ratten. Quelle: Sabine Nagel-Horn
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„Hallo, Ratte!“, sagt Guido Schemken liebevoll und streicht der dicken hellbraunen Ratte sanft über das Fell. Aufmerksam beobachtet der 43-Jährige, wie das Tier in der Kunststoffbox reagiert, verfolgt dessen ruhige Bewegungen mit den Augen. „Als Tierpfleger an der Uni muss man seine Tiere vor allem beobachten“, erzählt er. „Jede Veränderung im Verhalten muss dem zuständigen Pfleger auffallen.“ Denn die 14.000 Tiere, um die sich Schemken und seine gut 30 Mitarbeiter kümmern, dienen der medizinischen Forschung.

„Bei den Mäusen ist jeder Pfleger für etwa 1.000 Tiere zuständig. Und die muss er kennen“, erzählt Schemken, der seit 1985 an der Philipps-Uni arbeitet und dort für die Ausbildung angehender Tierpfleger zuständig ist. Das Beobachten ist aber nur ein Teil der Arbeit: Die Pfleger füttern und tränken die Tiere, sie säubern die Käfige, geben Spritzen und nehmen Blut ab. Und bei all diesen Verrichtungen sprechen sie mit ihren kleinen Patienten und sorgen dafür, dass keine Langeweile aufkommt im Käfig. „Unseren Tieren geht es besser als den meisten privat gehaltenen“, ist sich Schemken sicher. Denn ein ausgebildeter Tierpfleger wisse genau, welche Art welche Bedürfnisse habe.

Trotz aller liebevoller Beschäftigung mit Mäusen, Ratten und Meerschweinchen ist es kein Kuscheljob, den Schemken, seine Mitarbeiter und die vier Auszubildenden ausüben. Bei Vorstellungsgesprächen für neue Auszubildende stellt er stets die Frage: „Können Sie sich vorstellen, Tiere zu töten?“ Denn das ist es, worauf die Versuche hinauslaufen: Am Ende wird das Tier getötet, damit die Wissenschaftler es untersuchen können. „In diesem Punkt muss man von Anfang an ehrlich sein“, sagt Schemken. Die Ehrlichkeit zahlt sich aus: In 25 Jahren hat erst ein einziger Auszubildender seine Tierpfleger-Lehre abgebrochen. „Und das war aus privaten Gründen und hatte mit dem Berufsbild nichts zu tun“, sagt Schemken.

Wenn der Tierpflegermeister jemandem erzählt, was er beruflich macht, dann muss er sich häufig im selben Atemzug für seine Arbeit rechtfertigen. Tierversuche sind ein Reizthema. „Man muss schon ein bisschen erklären, um was es da geht“, ist Schemkens Erfahrung aus zahlreichen Gesprächen mit Tierschützern. Doch schon wenn er aufzählt, zu welchen Zwecken an der Philipps-Universität Tierversuche gemacht werden, sind die meisten Gesprächspartner überzeugt. „Es geht zum Beispiel um die Infektionsbiologie im Hochsicherheitslabor“, erzählt er. Angesichts von jährlich Zehntausenden Grippetoten weltweit sei die Entwicklung neuer Impfstoffe eine wichtige Aufgabe. Auch bei der Erforschung von neurologischen Krankheiten wie Parkinson oder Alzheimer sowie in der Krebsforschung werden die Marburger Uni-Tiere eingesetzt.

Die meisten Tiere, die in den tierexperimentellen Einrichtungen der Uni leben, sind Mäuse und Ratten. Doch von der Schabe bis zum Schaf gibt es zahlreiche Arten, die in Marburg der Wissenschaft dienen. Sie alle werden von Guido Schemken in der gleichen freundlichen Weise angesprochen: „Hallo, Maus!“, „Hallo, Meerschweinchen!“, „Hallo, Schaf!“ Denn wenn man anfange, den Tieren Namen zu geben, dann werde die Arbeit emotional schwierig, findet Schemken. Dass sich viele seiner Kollegen nicht an diese Regel halten und vor allem den größeren Tieren insgeheim Namen geben, weiß er allerdings auch. Ob mit Namen oder ohne: Das gewaltsame Ende eines Versuchstier-Lebens macht allen Pflegern zu schaffen. „Aber man kann Menschen damit helfen“, sagt Guido Schemken und stellt den Käfig mit der dicken Ratte zurück ins Regal. Sie ist so dick, weil sie einen Tumor hat, der in Marburg erforscht wird.

von Sabine Nagel-Horn

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