Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Die Rechte muss tun, was die Linke tut

Glasapparatebauer Die Rechte muss tun, was die Linke tut

Reagenzgläser blasen? Flaschenteufelchen formen? Nein. Glasapparatebauer an der Universität tun etwas anderes. Aus edlen Stoffen wie Quarzglas (reines Sio2 wie Bergkristall) stellen sie hochbelastbare Apparate für chemische Versuche her. Die OP-Redaktion hat die letzten beiden Glasapparatebauer der Philipps-Universität besucht.

Voriger Artikel
200 Kilo Pommes und der schönste Beruf der Welt
Nächster Artikel
Die Bücherzauberer am Krummbogen

Glasapparatebauer Markus Klein bearbeitet ein Werkstück aus Borosilikatglas.

Quelle: Thorsten Richter

Der Himmel ist grau verhangen, ein typischer Novembertag. Der alte Bau der Chemie auf den Lahnbergen mit seinem verwitterten Beton-Charme passt perfekt zu diesem Ambiente. Hier arbeiten die letzten beiden Glasapparatebauer der Philipps-Universität. Eine weiße Kunststofftür führt zur Werkstatt von Markus Klein und Jörg Peilstöcker. Dahinter ist es oft alles andere als Grau und Weiß. Denn hier wird mit offener Flamme gearbeitet. Und die ist gelb bis weiß und sehr, sehr hell. Die Flammen, mit denen Klein und Peilstöcker das Glas erhitzen, erreichen Temperaturen von 2000 bis 3000 Grad Celsius.

Markus Klein ist Glasapparatebauer am Fachbereich Chemie der Universität. Glasröhren im Durchmesser von 3 bis 120 Millimeter lagern in einem Röhrenschrank neben der Werkstatt.

Zur Bildergalerie

Mit dem Glasbläser auf dem Weihnachtsmarkt hat sein Beruf nur am Rande Gemeinsamkeiten, erklärt Glasapparatebaumeister Markus Klein. Und das liegt am Verwendungszweck der Apparate. Die Glasfiguren vom Kunst-Glasbläser haben meist nur einen Zweck: schön aussehen. Die Apparate, die Klein und Peilstöcker bauen, müssen dagegen hohen Belastungen standhalten. "Wir verwenden kein Gebrauchsglas", erklärt Klein. Borosilikat- und Quarzglas sind die beiden Glasarten, die für die speziellen Apparaturen in Chemie-Laboren in Frage kommen. Hoch stabil gegen den Einfluss von Temperaturschwankungen, Laugen und Säuren. Doch die Stabilität hat einen Preis. Das Glas lässt sich nur unter sehr hohen Temperaturen verarbeiten und wird außerhalb der Flamme sehr schnell wieder starr.

Auch mit einem weiteren Vorurteil räumt der 30-jährige Klein auf: "Wir machen hier keine Reagenzgläschen". Die werden viel preiswerter in der Industrie hergestellt. Das, was Klein und Peilstöcker tun, geht aber über Industriearbeit weit hinaus. "Viele Apparate sind Einzelstücke. Jedes Gerät wird genau auf die Bedürfnisse der einzelnen Arbeitsgruppe zugeschnitten", sagt Klein. Die Glasapparatebauer der Chemie betreuen 28 Arbeitsgruppen aus verschiedenen Fachbereichen. Immer mehr seien es in den vergangenen Jahren geworden. Gleichzeitig nahm die Zahl der Glasapparatebauer stetig ab. Damit jeder seine Wünsche vortragen kann, haben Klein und Peilstöcker eine tägliche Sprechstunde. Denn sie können einen Arbeitsgang nicht einfach unterbrechen und nach einer halben Stunde fortsetzen. Dann entstehen zu große Spannungen im Glas und das Werkstück kann brechen. Die Arbeitsaufträge aus der Sprechstunde halten die Glasapparatebauer in Skizzen fest und bauen dann individuell. Dass man dazu Grundkenntnisse in Chemie benötigt und verstehen muss, wozu die Apparate später gebraucht werden, versteht sich von selbst. Und ist ein klarer Vorteil der eigenen Werkstatt gegenüber Industriefertigungen. "Unsere Arbeit ist nicht automatisierbar", ergänzt Jörg Peilstöcker.

Gearbeitet wird an Tischen mit einem Brenner und einer starken Lüftung. Bei der Arbeit entstehen giftige Gase (nitrose Gase), die abgesaugt werden müssen. Ansonsten ist die Arbeit des Glasapparatebauers nicht gefährlich - wenn er aufpasst. "Wenn man sich verbrennt, hat man fast immer unkonzentriert gearbeitet", lacht Klein. Dann setzt er eine lila getönte Brille auf und entzündet die Flamme. "Das lila Glas filtert das extrem gelbe Licht aus, damit man sehen kann, was mit dem Glas passiert", erklärt er, während er einen Glaszylinder in der Flamme dreht.

Drehen, Ziehen, Zusammendrücken und Aufblasen und Biegen. Das sind im Wesentlichen die Aktionen, die ein Glasbläser beherrschen muss. Doch was so einfach klingt, ist sehr, sehr kompliziert. Denn damit aus dem Werkstück ein Apparat wird und kein Glasmüll, müssen alle Bewegungen gleichmäßig koordiniert werden. Das erfordert viel Übung und Geduld. Bei der Glasbläserei muss die rechte Hand nicht nur wissen, was die linke tut, sie muss es genau synchron auch tun können. Das ist schwierig. "Alles, was man in den drei Lehrjahren herstellt, ist eigentlich für die Tonne"; formuliert es Klein drastisch.

1996 begann Klein seine Lehre. Damals war seine Tätigkeit sogar noch ein Ausbildungsberuf an der Uni. Nach einem siebenjährigen Zwischenspiel an der Universität Gießen ist er seit 2006 wieder zurück in Marburg. Und er liebt seinen Beruf. "Glas ist ein toller Werkstoff", schwärmt er und beginnt die Kühlwendel im Inneren des Glaszylinders mit der Außenwand zu verbinden. Gleichmäßig dreht er den Zylinder in der Flamme, piekst ihn genau an der Stelle an, wo die Wendel mit der Außenwand verbunden werden soll, und bläst dann ins Innere der Wendel. Für Zuschauer wirkt das ein bisschen wie Magie. "Es dauert Jahre, bis man genau den richtigen Zeitpunkt und den richtigen Luftdruck abschätzen kann", erklärt Klein. Den Zylinder hält er in der Hand. Das geht nur, weil Glas ein sehr schlechter Leiter ist. In der Flamme wird es bis zu 1200 Grad heiß, 15 Zentimeter weiter kann man den Zylinder mit der Hand anfassen. Solche Extreme lassen aber auch das Glas nicht spannungsfrei. Mit einem speziellen optischen Gerät (Polariskop) werden die Spannungen sichtbar gemacht. Beseitigt werden sie in einem "Kühlofen". Bei einer gleichmäßigen Temperatur von 530 Grad "entspannen" sich die Werkstücke darin.

Markus Klein entspannt sich nach der Arbeit gerne beim Motorradfahren. Wer so viel stillhalten muss, braucht in der Freizeit eben Bewegung.

von Gabriele Neumann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Berufe-Serie: Drucker Udo Stein

Was rattert und dröhnt da im Untergeschoss des Verwaltungsgebäudes Biegenstraße 12? Es ist die Uni-Druckerei. Dort arbeitet der Buch- und Offsetdrucker Udo Stein.

mehr
Instagram