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Aufschieben ist menschlich

Prokrastination Aufschieben ist menschlich

Psychologin Maren Kersting berät Studenten, die zu viel Arbeit vor sich herschieben, und erklärt, warum der Mensch zu diesem Verhalten neigt.

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Viele Menschen neigen dazu, unangenehme Aufgaben auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Aus der vermeintlichen Verschnaufpause kann dann großer Stress werden.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Die Situation kennen wohl die meisten Menschen nicht nur sprichwörtlich: Man hat solange ein Motivationsproblem, bis man ein Zeitproblem bekommt. „Seit ein paar Jahren ist der Begriff Prokrastination in den Medien präsent, unter dem man eine starke Form des Aufschiebeverhaltens versteht“, erklärt Maren Kersting von der Zentralen Allgemeinen Studienberatung (ZAS) der Uni Marburg (kleines Foto: privat).

Dabei ist es ganz menschlich, vermeintlich unangenehme Aufgaben aufzuschieben, sagt die Psychologin und erklärt dies mit der Funktionsweise des menschlichen Gehirns. Mit dem Verstand nimmt man sich etwas vor und plant es. „Die affektive Bewertung allerdings stimmt nicht immer mit den Plänen überein. Evolutionär bedingt sind die sogenannten affektiven Zentren im Mittelhirn auf das Wohlbefinden im Hier und Jetzt ausgelegt, um das Überleben zu sichern“, beschreibt Kersting, warum das Umsetzen langfristiger Pläne oft schwierig ist.

Häufig ist es erst der entstehende Zeitdruck, der als Motivation dient. „In leichter Form ist das sehr weit verbreitet. Solange sich das Aufschiebeverhalten in einem gewissen Rahmen hält, ist es kaum ein Problem“, beruhigt Kersting. Die Gefahr bestehe allerdings darin, dass sich daraus ein Muster bilden kann, wenn man trotz Aufschiebens mit Erfolg bestätigt wird. „Dabei kann sehr viel Stress entstehen, man kann in der Freizeit nicht richtig entspannen. Das kann auf lange Sicht auch gesundheitsschädlich werden“, benennt Kersting die Gefahren. „Wenn man zu oft den Punkt verpasst, anzufangen, und deshalb scheitert, verliert man vielleicht Selbstvertrauen und Zuversicht. Das kann in eine lähmende Abwärtsspirale führen.“

Das Anfangen ist der größte Knackpunkt

Problematisch werde es, wenn Studenten sich damit tatsächlich schaden, indem Fristen nicht eingehalten werden können, Abgaben nicht gemacht werden und der Studienerfolg gefährdet ist, erklärt die Studienberaterin. Die Gründe dafür können vielfältig sein. „Etwa eine unbewusste Angst vor‘m Versagen, eine geringe Frustrationstoleranz oder sehr große Ansprüche an sich selbst“, nennt Kersting Beispiele. Eine gewisse Scham oder Hemmung, Sachen abzugeben, die diesen Ansprüchen nicht genügen, spiele eine Rolle. „Manche denken auch, wenn ich schwere Dinge nicht angehe, kann ich auch nicht scheitern – zumindest muss ich es mir dann nicht eingestehen.“

Im Rahmen der Study-Skills-Workshops der ZAS bietet Kersting Kurse für Studenten mit problematischem Aufschiebeverhalten an. Dort arbeiten die Teilnehmer an der Einstellung und an ihrem Arbeitsverhalten. „Bei der Einstellung kann jeder individuell an sich arbeiten, die Einsicht ist dabei ein erster Schritt zur Entlastung“, berichtet Kersting. Zum Arbeitsverhalten haben die Studienberater ganz praktische Tipps: Routinen schaffen und feste Arbeitszeiten einhalten. „Wenn man die Zeit am Schreibtisch dann doch anders verbringt, kann man diese mit der Arbeit im Hinterkopf doch nicht richtig genießen und ist frustriert, wenn man die Kurve nicht gekriegt hat. Das Anfangen ist dabei der größte Knackpunkt. Es hilft oft, erst mal reinzukommen und erste Ergebnisse zu sehen“, rät Kersting.

von Philipp Lauer

Die ZAS berät bei Problemen mit Prokrastination: Es gibt Kurse (30. Oktober, 12. Februar), Einzelberatung und eine Gruppe. Kontakt per Mail an: zas@verwaltung.uni-marburg.de

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