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Thema Sterbehilfe Arzt: "Wie mitfühlend wollen wir sein?"
Arzt: "Wie mitfühlend wollen wir sein?"
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00:15 20.02.2014
Sterbehilfe-Debatte: „Wer sich das Leben nimmt oder beim Suizid helfen lässt, reduziert sich auf Unglück, Lebensüberdruss, schreiende Angst“, sagt Bischof Heinz Josef Algermissen. Der Palliativmediziner Michael de Ridder entgegnet: „Leidensmüdigkeit ist das Motiv, nicht Lebensmüdigkeit“. Quelle: Jens-Ulrich Koch
Marburg

„Wer sich das Leben nimmt oder sich beim Suizid helfen lässt, reduziert sich auf das, was er auf schmerzliche Weise in sich wahrnimmt: Unglück, Lebensüberdruss, schwere Krankheit und schreiende Angst“, sagt Heinz Josef Algermissen, Bischof des Bistums Fulda. Wer einen Menschen beim Suizid unterstütze, verhelfe ihm dadurch nicht zu Freiheit und Selbstbestimmung. Er folge vielmehr „seiner reduzierten Wahrnehmung, statt ihm eine Öffnung seiner verengten Perspektiven zu ermöglichen“. Es sei „völlig inakzeptabel, auf die tödliche Verzweiflung mit der Tötung oder der assistierten Selbsttötung zu reagieren.“ Ärztlich assistierter Suizid widerspreche „in eklatanter Weise der ärztlichen Berufsethik“. Keine Unterstützung beim Sterben, sondern Hilfe beim schmerzfreien Leben brauche es.

„Auch Palliativmediziner geben zu, dass es Situationen gibt, wo ihre Kunst endet. Und ausgerechnet dann soll Hilfe verweigert werden?“, entgegnet Dr. Friedrich Heubel, Marburger Medizinethiker. Wenn jemand freiverantwortlich den Todes-Entschluss fasse, „haben wir diesen zu respektieren“. Die von Algermissen angesprochene Berufsethik der Ärzte sieht der Neurologe skeptisch. In der Muster-Berufsordnung stehe der Satz: „Ärzte dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten.“ Die Mehrheit der Ärzte wolle „also der Minderheit der Ärzteschaft per Gewissensentscheid ihre Gewissensentscheidung vorschreiben. Hier hat sich Ärzteschaft im Grenzgebiet zwischen Recht und Ethik verirrt.“

Wolfram-Arnim Candidus, Präsident der Bürgerinitiative Gesundheit stützt Heubel: „Für jeden sollte es möglich sein, für sich über sein Leben und seinen Tod zu entscheiden“, sagt er. Es gelte, die Entscheidung „in Hand und Hirn des einzelnen Menschen zu legen“ anstatt an einer „religiös fundamentierten Regelung“ festzuhalten.

Unterstützung erhält er von der Humanistischen Union: „Es ist zynisch und menschenverachtend, wenn eine Gesellschaft denjenigen Menschen, die sich frei entschieden haben, dass sie aus dem Leben scheiden wollen, jegliche Hilfe zur Umsetzung ihrer Entscheidung verweigert“, sagt Sven Lüders, Geschäftsführer des Verbands mit Ortsgruppe in Marburg. „Die medizinische Betreuung kann dabei helfen, unnötiges Leid zu vermeiden“, sagt er. Zudem dürfte durch das Angebot einer medizinisch assistierten Suizidbeihilfe in den meisten Fällen die Frage nach aktiver Sterbehilfe hinfällig werden.

Martin Hein, Bischof des Bistums Kurhessen-Waldeck erteilt solchen Forderungen eine Absage: „Ich bin deutlich dagegen, das ist für mich der bedenklichste Teil der ganzen Debatte. Welche Last legen wir auf die Schultern von Ärzten? Wie soll die Kontrolle aussehen? Das halte ich rechtlich für unlösbar.“

Michael de Ridder, Palliativmediziner aus Berlin, entgegnet: „Leidensmüdigkeit ist das Motiv, nicht Lebensmüdigkeit. Sind wir als Gesellschaft mitfühlend genug, um uns diesen Wunsch als legitimes Anliegen eines Schwerkranken vorzustellen? Das ist die Kernfrage der Sterbehilfe-Debatte.“ Suizidbeihilfe lasse sich vom Wohl des Patienten leiten, über das letztlich dieser selbst befinde.Es sei nicht belegbar, dass sie ein Türöffner für einen Sterbewünsche-Boom wäre. „Es gibt in Ländern, wo ärztlich assistierter Suizid erlaubt ist, keine Lockerung gesellschaftlicher Moralvorstellungen, die zur hemmungslosen Beseitigung Hochbetagter oder Schwer-kranker führt.

Auch die Deutsche Gesellschaft für humanes ­Sterben (DGHS) fordert die ­Politik auf, „klare und konstruktive Regeln für Sorgfaltskriterien aufzustellen, nach denen ein Arzt einem Patienten bei einem wohlüberlegten, selbstbestimmten Freitod helfen darf.“

Assistierter Suizid? Das will der Marburger Bundestagsabgeordnete Stefan Heck (CDU) verhindern: „Ich setze mich für ein umfassendes Verbot organisierter Sterbehilfe ein“, sagt er auf OP-Anfrage. Er fürchte, dass „Schwache keinen Platz mehr haben“ in der Gesellschaft. Es könne sein, dass auf Ältere, Kranke und Behinderte möglicherweise Druck ausgeübt werde, niemandem zur Last zu fallen. Menschen sollten sich nicht „zum Herrscher über Leben und Tod aufschwingen.“

Sören Bartol, Marburger SPD-Bundestagsabgeordneter weiß noch nicht, wie er sich positionieren, bei einer Abstimmung im Parlament verhalten wird. Er wolle erst mit Experten aus dem Landkreis sprechen. Aber: „Einer organisierten Sterbehilfe stehe ich skeptisch gegenüber.“

Indes sorgt ein Urteil des Landgerichts Deggendorf für Furore: Vor wenigen Tagen wurde ein Arzt nicht wegen Totschlags durch Unterlassen verurteilt, da sich Sterbenskranke freiwillig aus Angst vor Qualen zum Suizid entschieden hatten. Heubels Einschätzung für den anstehenden Gesetzgebungsprozess:„Es wird kein Gesetz geben, das, wie die CDU wünscht, jegliche Art von Beihilfe zur Selbsttötung unter Strafe stellt.“

Im Bundestag zeichnet sich nach OP-Informationen bereits ab, dass es mehrere Anträge zur rechtlichen Regelung der Sterbehilfe geben wird. Als wahrscheinlich gilt, dass gewerbliche Sterbehilfe-Angebote unter Strafe gestellt werden.

von Björn Wisker