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Ihre Karriere, bitte! „Ich kann nicht mehr…“
„Ich kann nicht mehr…“
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12:17 26.10.2010
Inge Maisch unterstützt und berät Berufstätige als Coach.

Die Endvierzigerin Susanne leitet seit 25 Jahren die interne Revisionsabteilung eines namhaften internationalen Baukonzerns. Schon seit einigen Monaten beobachtet sie an sich, dass sie morgen mit immer größerem Widerwillen in ihr Auto steigt, um zur Arbeit zu fahren. Ständige Rückenschmerzen, die sie vor allem tagsüber quälen und eine für sie nicht verständliche ständige Müdigkeit vermitteln ihr das Gefühl, nicht mehr leistungsfähig zu sein. Eigentlich müsse sie Freude an ihrem Beruf haben, sie arbeite selbständig und selbstbestimmt, sie bekomme wiederkehrend Anerkennung von ihrem Vorstand - „ich müsste also zufrieden und glücklich sein, dabei fühle ich mich nur ausgebrannt, gereizt und nörgle an allem und jedem herum“, beendet sie die Beschreibung ihres Berufsalltags.

Susanne F. gehört zu der wachsenden Zahl engagierter Mitarbeiter, die psychisch an ihrer Arbeit erkranken, z. B. an Burn-Out oder an Depressionen. Die Ursachen hierfür sind vielfältig, das lassen die in jüngerer Zeit veröffentlichten wissenschaftlichen Studien vermuten. Einige Hauptursachen scheinen sich jedoch herauszukristallisieren. Dazu gehören chronischer beruflicher Stress aufgrund der Arbeitsbedingungen, dazu gehört die Unfähigkeit des Einzelnen länger andauernde hohe Belastungsmomente wirklich als solche zu erkennen und damit umzugehen, dazu gehören auch die oft hohen Anforderungen an uns selbst, an den Perfektionisten in uns.

Chronischer beruflicher Stress kann beispielsweise dann entstehen, wenn unsere beruflichen Belastungen zu groß werden. Etwa, wenn uns aufgrund von Arbeitsüberlastung die Zeit fehlt, wichtige Aufgaben in Ruhe zu durchdenken. Frustriert legen wir abends die unvollendete Arbeit auf die Seite, und versuchen mit noch intensiverem Arbeiten und noch mehr Überstunden doch noch alles zu schaffen. Mit der am Ende bitteren Erfahrung, „ich kann nicht mehr“. Stressfördernd kann auch sein, wenn wir davon überzeugt sind, alles selbst machen zu müssen, da niemand außer uns die anstehenden Aufgaben so gut und perfekt erledigt wie wir.

Susanne F. hat für sich erkannt, dass sie vor allem ihre Ansprüche an sich selbst ändern muss, wenn sie wieder die von ihr ersehnte Freude in ihrem Beruf erlangen möchte. Sie sagt inzwischen gelassen nein zu ihrem Chef, wenn sie zusätzliche Aufgaben von ihm bekommt. Sie versucht immer wieder, sich von ihrem Perfektionismus zu verabschieden, sie treibt regelmäßig Sport und hat vor allem ausreichend Zeit für sich selbst, ihre Familie und ihre Freunde.

Genießen Sie Ihre Familie und Ihre Freunde!
Ihre Inge Maisch

Checkliste für „Ich kann nicht mehr…“

1.) Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass in 20 Jahren durch Arbeit verursachte psychische Erkrankungen die Hauptursache für Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung sein werden. Krank durch Arbeit können alle werden, Manager wie Arbeiter. Einige Unternehmen haben dies inzwischen erkannt und versuchen mit verbesserten Arbeitsbedingungen psychischen Erkrankungen durch Arbeit zu verhindern.
2.) Wenn wir ein stabiles familiäres Umfeld und verlässliche Freunde haben, wenn wir uns ausreichend bewegen und einem Hobby nachgehen, dann laufen wir allen Erfahrungen der Arbeitsmedizin nach weniger in Gefahr, durch Arbeit psychisch zu erkranken.
3.) Wichtig ist auch, dass wir als Chef, als Chefin oder als Mitarbeiter, als Mitarbeiterin selbst unsere unguten Gefühle bei unserer täglichen Arbeit wahrnehmen, statt sie zu verdrängen und dass wir dann handeln.
4.) Wenn wir uns ständig gestresst fühlen, dann hilft möglicherweise ein Gespräch mit dem Arzt unseres Vertrauens, mit Freunden, mit der Familie oder mit einem Coach.

Tipps zum Lesen:
Rößler, Marion, Ich kann nicht mehr ... Stell dich nicht so an!, 2010, MatrixErlebnis Verlag, ISBN: 9783981367416

Schmiedel, Volker, Burnout - Wenn Arbeit, Alltag & Familie erschöpfen, 2010, Trias Verlag, ISBN: 978-3830435495

Das OP-Expertenteam
Waldemar Droß, Agentur für Arbeit Marburg, Leitung
Frank Hüttemann, Referent Wirtschaftsförderung Landkreis Marburg-Biedenkopf
Claudia Schäfer, Frauenbeauftragte, Landkreis Marburg-Biedenkopf
Barbara Schade, Beraterin und Coach, Klinik für Psychosomatik, Universitätsklinikum Gießen und Marburg
Elke Seim, Berufsberaterin, Agentur für Arbeit, Marburg