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Forschung Marburg „Religionsmüde Jugend“ in der Türkei
„Religionsmüde Jugend“ in der Türkei
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17:23 11.02.2018
Mode im Zeichen des Kopftuchs: junge Frauen bei der „Konservativen Modewoche“ in Istanbul vor einem Wandbild. Quelle: Pierre Hecker
Marburg

Die Türkei hat sich unter Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan in den vergangenen Jahren immer mehr von einem säkularisierten Staat zu einem Staat verändert, in dem der Islam sunnitischer Prägung eine überragende Rolle spielt. Doch gleichzeitig gibt es jenseits der beherrschenden Regierungspartei AKP eine Gegenbewegung: Eine nicht mehr schweigende Minderheit bekennt sich zum Atheismus und geht damit in die Öffentlichkeit.

Selbst die staatliche Behörde für religiöse Angelegenheiten hat das Problem erkannt und dazu im August 2017 in eine Sonderausgabe mit dem Thema „Die Menschheit in den Klauen von Deismus, Atheismus und Nihilismus“ herausgegeben.

„Dieses Phänomen ist allerdings bisher so gut wie nicht erforscht“, sagt der Marburger Islamwissenschaftler Dr. Pierre Hecker im Gespräch mit der OP. Auf die Spur kam Hecker bei einem Forschungsaufenthalt in der türkischen Großstadt Istanbul im Herbst 2014, ein Jahr nach den Gezi-Park-Protesten.  Damals knüpfte er erste Kontakte zu Mitgliedern des türkischen Atheismusverbands, der erst wenige Monate zuvor offiziell gegründet worden war.

„Der Atheismus in der muslimischen Welt nimmt zu“, erläutert Hecker. „Immer mehr Menschen wenden sich vom Glauben ab“. Dieses sei aber auch ein Akt politischen Handelns.

Doch das ist nicht ganz ungefährlich. Zwar ist der türkische Atheismus-Verband nicht offiziell verboten. Aber es habe für die rund 200 Mitglieder bereits einige Repressalien gegeben. So habe die türkische Regierung versucht, die Website des Verbands zu sperren. Auch ansonsten hätten die organisierten Atheisten massiven öffentlichen und staatlichen Druck auszuhalten. „Mehrere Personen haben ihren Job verloren“, berichtet der Marburger Islamwissenschaftler.

Selbstbewusste Atheisten

Mitglieder des Atheismusverbands seien zudem in der Öffentlichkeit angefeindet worden. Das führe mittlerweile dazu, dass viele nicht mehr mit dem Verband in Verbindung gebracht werden wollten.

Dabei habe es in den ­ersten Monaten nach der Gründungsphase ein selbstbewusstes Auftreten der organisierten Atheisten in türkischen TV-Talkshows gegeben. Sie hätten deutlich klargemacht, dass sie ihre Rechte einfordern wollten.

Die Einrichtung eines Sorgentelefons und einer Suppenküche hätten zu den besonderen Aktionen des Verbands gehört.

Eigentlich sei das Säkularismus-Prinzip in der türkischen Verfassung verankert und somit sei die Türkei vom Grundsatz her ein weltlicher Staat, erklärt Hecker. Dazu passe, dass beispielsweise das Familienrecht anders als in anderen Staaten der islamischen Welt nicht religiös sei. Auch gebe es in der Türkei kein Blasphemiegesetz, das islamkritische Äußerungen unter Strafe stelle. Jedoch existiere in der türkischen Gesetzgebung ein bisher eher theoretischer Straftatbestand, der die Bestrafung einer jeden Person vorsieht, „die offen die religiösen Werte eines Teils der Bevölkerung beleidigt“. Dieser Straftatbestand sei in der Vergangenheit zwar so gut wie nicht verfolgt worden. In jüngster Zeit werde das Recht in dieser Hinsicht allerdings neu interpretiert, indem das öffentliche Bekenntnis zum Atheismus bereits als Angriff auf die religiösen Werte anderer interpretiert werde. All das passiert vor dem Hintergrund einer politischen Lange, die anderthalb Jahre nach dem gescheiterten Militärputsch in der Türkei immer noch voller Sprengkraft steckt. So herrscht in dem Land der Ausnahmezustand, und es gibt eine Notstands-Gesetzgebung.

Twitter-Analyse im Fokus

Das hat auch Auswirkungen auf Forscher an türkischen Universitäten. So drohe einer Kollegin wegen ihrer Unterschrift zu einer Petit­ion für Frieden im Kurden-Konflikt eine mehrjährige Haftstrafe, erläutert Hecker. Auslöser ist eine Passage in der Pe­tition, in der das Erdogan-Regime indirekt als verbrecherisches Regime benannt wird. Trotz der recht unklaren politischen Gemengelage hat Hecker Professor Dr. Kaya Akyıldız von der Bahçesehir Universität sowie Professor Dr. Ivo Furman (Bilgi Universität) für die Mitarbeit an dem Forschungsprojekt gewonnen. Geführt wurden bereits erste Interviews mit Vertretern des türkischen Atheismusverbands und des atheistischen Journals sowie biographische Interviews mit Menschen, die sich als Atheisten bezeichnen – sowohl in den Großstädten als auch auf dem Land. Im Mittelpunkt soll weiterhin die Analyse von Diskursen über den Atheismus stehen, unter anderem am Beispiel von volksverhetzenden Äußerungen von Politikern und Geistlichen gegen Atheisten. Wie verhalten sich die Menschen im vom Islam vorgeschriebenen Fastenmonat Ramadan? Das ist ein weiteres Thema der Twitter-Analyse.

„Die Toleranz war vor zehn Jahren höher. Damals war es noch mehr die Sache des Einzelnen“, erläutert Hecker. Dabei gehe es im Kern um die Frage, ob es von mangelnden religiösen Respekt zeuge, im Ramadan tagsüber in der Öffentlichkeit das vom Koran vorgegebene Fastengebot zu brechen.

Schein aufrecht erhalten

Der Grad der sozialen Kontrolle nehme zu. Wenn es wie hier um die religiöse Freiheit des Einzelnen gehe, dann werde die Angelegenheit politisch. Interessant werde es auch, wenn man junge Erwachsene in der Türkei aus Netzwerken des politischen Islams in das Blickfeld nehme. Eine prominente Intellektuelle nahm das in einem Aufsatz mit dem Titel „Die religionsmüde Jugend“ aufs Korn. „Bei meinen Gesprächen traf ich auf junge Frauen. die im Alltag und bei der Arbeit Kopftuch tragen, obwohl sie gar nicht mehr gläubig sind. Sie erhalten aber den Schein aufrecht, weil sie ihren Job behalten und ihre Angehörigen nicht verletzen wollen“, erklärt Hecker.

Ein spannendes Thema könnte auch die Frage eines erweiterten Modebewusstseins von Frauen in einer vom Islam beherrschten Türkei darstellen. So nahm Hecker Stimmungsbilder bei der „Conservative Fashion Week“ in Istanbul im Mai 2016 wahr. Dort wurde farbenfrohe Mode für modebewusste Frauen präsentiert, ob nun mit oder sogar auch ohne Kopftuch. Parallel gab es Proteste von Studierenden, die sich gegen die Vorstellung einer Mode im Islam wandten. Ihr Vorwurf an die Frauen, die daran teilnahmen – ob nun als Models oder potenzielle Käuferinnen – lautete, dass diese sich „säkularisieren“ und wie Ungläubige verhalten würden.

von Manfred Hitzeroth

Wird frommer Konservatismus zur Norm?

Kultur als Feld politisch-ideologischer Auseinandersetzungen steht im ­Fokus des von Dr. Pierre Hecker geleiteten Forschungsprojektes „Atheismus in der Türkei”.

„Die Bedeutung des Themas Atheismus ist im Zusammenhang mit dem Kulturkampf zu sehen, der sich gegenwärtig in der Türkei vollzieht“, sagt der Marburger Islamwissenschaftler Dr. Pierre Hecker. Schon seit geraumer Zeit strebe die herrschende Elite danach, die von ihr favorisierte Kultur eines frommen Konservatismus zur gesellschaftlichen Norm zu erheben, um auf diese Weise ihre politische Macht in Staat und Gesellschaft zu festigen.

Hecker versteht Kultur als ein Feld politisch-ideologischer Auseinandersetzungen. Moralisch-religiös sensible Themen wie Nacktheit, Sexualität, Alkoholkonsum, Evolutionsbiologie oder Religionskritik unterlägen in der Türkei in zunehmendem Maße einer systematischen Verbannung aus Bildung und Medien. Gleichzeitig lasse sich eine Stärkung religiöser Bildungsangebote durch den Staat ebenso beobachten wie eine zunehmende Sichtbarkeit religiöser Referenzen und Symboliken in Politik und Gesellschaft. So gebe es beispielsweise einen verpflichtenden Religionsunterricht in den türkischen Schulen, in denen der sunnitische Islam gelehrt werde. Davon könne man nur als Christ oder Jude befreit werden und nicht als Atheist.

„Das erklärte Ziel der Erziehung einer neuen, religiösen Generation stellt das bisherige Modell des türkischen Säkularismus und die sich aus diesem speisende nationale Identität zunehmend in Frage“, erläutert Hecker.

Praktiken eines nicht-religiösen Lebensstils würden in diesem Kontext als widerständig betrachtet.  Input für das Forschungsvorhaben soll auch eine Tagung liefern. Vom 14. bis zum 16. Februar organisiert Hecker gemeinsam mit drei türkischen Kollegen am Centrum für Nah- und Mitteloststudien (CNMS) in Marburg einen internationalen Workshop unter dem Titel „The Politics of Culture in Contemporary Turkey“. Eingeladen sind unter anderem Kultur-, Erziehungs- und Medienwissenschaftler sowie Soziologen und Politologen, vor allem aus der Türkei.

In dem Workshop geht es um die Frage, welche politische Bedeutung dem Feld der Kultur in der aktuellen Auseinandersetzung um Hegemonie und Widerstand in der Türkei zukommt. Frauenrechte, politische Satirezeitschriften, ökologische Aktivisten, die Einschränkung des öffentlichen Alkoholkonsums  oder die Rolle von Video-Dokumentationen für eine Gegenöffentlichkeit sind nur einige der Themen.

von Manfred Hitzeroth

Hintergrund

Fordert Atheismus die herrschende Elite der Türkei heraus, sofern er im öffentlichen Raum sichtbar ist? Fragen wie diese stehen im Fokus eines neuen Forschungsprojektes, das seit kurzem am Marburger Centrum für Nah- und Mittelost-Studien (CNMS) angesiedelt ist.
Das von dem Marburger Islamwissenschaftler Dr. Pierre Hecker geleitete Vorhaben mit dem Titel „Glücklich ist derjenige, der sich Atheist nennt – Atheismus und die politische Bedeutung von Kultur in der zeitgenössischen Türkei“ ist Bestandteil des Programms „Blickwechsel: Studien zur zeitgenössischen Türkei“ der Mercator-Stiftung und wird von ihr mit 300 000 Euro für einen Zeitraum von drei Jahren gefördert.

Mit ihrem Programm „Blickwechsel. Studien zur zeitgenössischen Türkei“ versucht die Stiftung Mercator zu einem differenzierteren Bild der Türkei beizutragen, dessen Verhältnis zu Deutschland und Europa derzeit stark von tagespolitischen Ereignissen belastet erscheint.
Die Stiftung Mercator fördert außerdem den Austausch von Journalisten, Kulturmanagern, Wissenschaftlern, Nachwuchsführungskräften und einer Reihe von zivilgesellschaftlichen Akteuren zwischen Europa, Deutschland und der Türkei.

Zur Person

Dr. Pierre Hecker (44, Foto: Manfred Hitzeroth) wurde in Stuttgart geboren und wuchs in Schwäbisch Hall auf. Er studierte von 2001 bis 2009 Geographie, Politikwissenschaft und Islamwissenschaft  an den Universitäten Erlangen-Nürnberg und Leipzig. 2009 promovierte er mit einer Arbeit über „Heavy Metal“ in einem muslimischen Kontext. Der Vater von drei Kindern ist seit 2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet Islamwissenschaft am Centrum für Nah- und Mitteloststudien der Universität Marburg. Im Jahr 2016 war Hecker Gastdozent am Institut für Soziologie der Bahcessehir Universität in Istanbul. Sein Forschungsschwerpunkt ist die gegenwartsbezogene Türkei-Stu­die mit besonderem Schwerpunkt auf der Rolle der Populärkultur.