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Die Kunst, Geschichten zu illustrieren
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19:18 16.01.2012
Martin Schmidt beim Holzschneiden, einer kunsthandwerklichen Tätigkeit für Illustrationen. Quelle: Privatfoto

Marburg. Obwohl Martin Schmidt schon als Kind viel zeichnete, war für ihn früh klar, dass er sein Glück nicht (nur) in der Kunst, sondern in der Kunstgeschichte suchen wollte. Und das tat er dann ab 1984 in Marburg.

Der gebürtige Marburger hatte seine Kindheit in Neustadt und seine Jugend in Kassel verbracht, „aber ein Freund von mir wollte in Marburg studieren, da dachte ich, das mache ich auch“, erzählt der 49-Jährige im Gespräch.

Es war für ihn ein Glücksfall, dass die Philipps-Universität Mitte der 80er Jahre die Angebote des Instituts für Grafik und Malerei als Magisternebenfach einrichtete: „So konnte ich die Praxis mit der Theorie verbinden“, sagt er. Ein weiterer Glücksfall war, dass er beim Studium seine heutige Frau kennenlernte, mit der er 1996 das beschauliche Marburg verließ und in die Hauptstadt Berlin zog.

Dort arbeitet Schmidt hauptsächlich als Kunsthistoriker für das Berliner Auktionshaus Villa Grisebach. Zweimal im Jahr werden dort Bilder und Skulpturen vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart versteigert. Schmidt gehört zu den freien Mitarbeitern, die die Kataloge für die Auktionen erarbeiten. Jedes einzelne Werk wird dafür genau beschrieben.

„Die Beschreibung hat eine technische und eine geschichtliche Seite“, erklärt Schmidt. So wird für potenzielle Käufer zum Beispiel beschrieben, ob das Bild schon einmal wegen eines Schadens restauriert wurde. Seine praktischen Kenntnisse kommen dem Kunsthistoriker dabei zugute. In schwierigen Fällen werden Restauratoren hinzugezogen, um den Zustand eines Bildes genau zu dokumentieren.

Immer wichtiger werde aber die Dokumentation der Herkunftsgeschichte eines Bildes, sagt der gebürtige Marburger. „Wenn diese Geschichte zum Beispiel in den 30er Jahren abbricht und das Bild in den 60er Jahren wieder auf Auktionen auftaucht, wird man stutzig.“

Das Art-Loss-Register in London und Köln sowie die Kommission Lost Art helfen bei Nachforschungen über verschwundene Kunst aus Diebstählen, Kriegsbeute oder Enteignungen aus der Zeit zwischen 1933 und 1945. Viel Recherchearbeit ist nötig, um die Geschichte eines Bildes zu erarbeiten – und nicht immer gelingt eine lückenlose Dokumentation.

Neben seiner Arbeit für die Villa Grisebach schreibt Schmidt Katalogtexte und hält Reden bei Ausstellungseröffnungen. Sein Motto dabei: „Nie länger als zehn Minuten reden und nicht zu sehr im Fachjargon hängenbleiben“.

Aber Schmidt ist nicht nur Kunsthistoriker, sondern auch Künstler. Er zeichnet und druckt gerne, besonders Holzschnitte. Ganz aktuell hat er ein Kinderbuch illustriert. Unter dem Titel „Wo es kalt und schön ist: Eine Geschichte über das Träumen“ ist die Geschichte über einen kleinen Eisbären Ende November im Schaltzeit-Verlag erschienen.

Das Buch ist ein echtes Familienprojekt, denn Schmidts Mutter Paula Mondon hat die Geschichte getextet. „Meine Mutter arbeitet seit längerem im Freundeskreis des Naturkundemuseums Kassel und erzählt dort Geschichten über Exponate, die den Kindern von der Museumspädagogik erklärt werden. Als sie etwas über Eisbären suchte, fand sie nichts, was ihr für diesen Zweck geeignet erschien. Da hat sie kurzerhand selbst eine Geschichte geschrieben.“

Bis zum fertigen Buch vergingen aber noch ein paar Jahre. „Die Geschichte lag sicher zwei Jahre in meinem Schreibtisch, bis ich anfing zu zeichnen. Und bis alles fertig war, sind nochmal anderthalb Jahre ins Land gegangen“, erläutert Schmidt.

„Das Buch kommt bei Erwachsenen und Kindern gut an“, freut sich der Illustrator über die Resonanz. Und die Geschichte vom kleinen Eisbären, der einen ganz unglaublichen Traum hat, ist in der Tat ohne Kitsch, dafür mit vielen Informationen, spannend erzählt.

Für Marburger gibt es in den detailreichen Aquarellen nicht nur das Polarlicht, sondern auch ganz naheliegende Details zu entdecken. Da überfliegt die Schneeeule mit dem kleinen Eisbären nämlich eine echt mittelhessische Landschaft, in der, wenn nicht alles täuscht, auch die Lutherische Pfarrkirche zu erkennen ist. In Marburg hat Schmidt eben „die prägenden Jahre“ verbracht, wie er mit ein klein wenig Wehmut in der Stimme sagt.

Paula Mondon & Martin Schmidt: „Wo es kalt und schön ist: Eine Geschichte über das Träumen“, Schaltzeit-Verlag, 12,80 Euro.

von Gabriele Neumann