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Besser Esser Im Ramadan steht das Leben plötzlich Kopf
Im Ramadan steht das Leben plötzlich Kopf
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21:55 15.06.2017
Das Gericht Makloba wird im Topf zubereitet und dann gestürzt serviert. Quelle: Mareike Bader
Marburg

„Dieser Monat ist wie Weihnachten für uns“, sagt Dr. Hamdi Elfarra. Ein Mal im Jahr fasten die Muslime während des gesegneten Monats. „Es ist sehr anstrengend“, gibt Elfarras Frau Hadeel zu, die gerade das Hochschulzertifikat „Deutsch als Fremdsprache“ studiert. Das bestätigen die anderen Familienmitglieder, betonen aber, dass sie sich wohl dabei fühlen. „Fasten ist keine Strafe“, unterstreicht Vater Hamdi. Vielmehr gehe es um die Besinnlichkeit.

Nur während Sonnenuntergang und -aufgang ist essen und trinken erlaubt. Für das tägliche Fastenbrechen, das mit dem Sonnenuntergang beginnt, wird aber schon vorher das Essen zubereitet.
„Wenn man eine Stunde früher anfängt, kann man auch grillen“, erklärt Dr. Hamdi Elfarra. Mit der Zunge probieren sei erlaubt, erklärt seine Frau Hadeel. Sie verzichtet aber darauf und vertraut auf ihre Kochkunst. Ihre Kinder helfen gerne beim Kochen, sagt sie – denn so gehe auch die Zeit schneller rum.

Für die Besser Esser bereitet sie ein Rezept aus ihrer Heimat Palästina zu, das nur zu besonderen Anlässen gekocht wird, weil es sehr aufwendig ist. Für „Makloba“, das auf englisch auch „upside down“ genannt wird, werden Fleisch, Gemüse und Reis in einem Topf geschichtet, zusammen gekocht und anschließend umgedreht auf einer großen Platte serviert.

Das Rezept: Makloba

von Hadeel Elfarra

  • 500 Gramm Hähnchenbrustfilet
  • 500 Gramm Basmatireis
  • 1 Liter Wasser
  • Gewürze: Pfeffer, Salz, Zimt und „Sieben Gewürze“-Mischung

Hähnchenbrustfilet in Streifen schneiden und kochen und anschließend kurz anbraten. Das Wasser vom Kochen aufheben. Auberginen, Kartoffeln und Zwiebeln ebenfalls in Scheiben schneiden und in Öl anbraten. Nun wird in einem Topf alles geschichtet: Zuerst die Tomaten, dann das Fleisch, dann die Kartoffeln und die Zwiebeln. Die Auberginen können geschichtet darauf gelegt werden oder seitlich am Rand des Topfes entlang. Zum Schluss kommt der rohe Reis dazu sowie die Gewürze – man kann aber auch gleich das Hähnchenbrustfilet damit würzen. Zum Schluss kommt ein Liter Wasser dazu, am besten die Flüssigkeit, in der das Hähnchenbrustfilet gegart wurde. Alles zusammen für 30 Minuten garen; sobald alles kocht, die Hitze auf niedrige Stufe reduzieren. Damit das Gebilde beim Umstürzen nicht zusammen­fällt, den umgedrehten Topf ein paar Minuten auskühlen lassen, bevor man ihn wegnimmt.

Einfacher zubereitet ist die Linsensuppe oder die Vorspeise „Fattah“ aus pürierten und ganzen Kichererbsen, Joghurt, Sesampaste und kleingeschnittenem Fladenbrot. Insgesamt besteht ein Fastenbrechen-Essen aus drei bis vier Gängen. „Es ist schon ordentlich“, so Dr. Hamdi Elfarra.

Das Rezept: Fattah

Von Hadeel Elfarra stammen die Ramadan-Rezepte auf dieser Seite. Quelle: Mareike Bader
  • 3 Fladenbrote
  • 1 Dose Hummus
  • 250 Gramm Joghurt
  • 3 EL Sesampaste
  • 3 EL Zitronensaft
  • Gewürze: Salz, Pfeffer, Cumin
  • 1/2 Glas Wasser
  • 1/2 Dose ganze Kichererbsen

Hummus, Joghurt, Sesampaste, Zitronensaft und Gewürze miteinander verrühren. Fladenbrote mit einem Messer oder einer Schere kleinschneiden. Zum Schluss werden die Humus-Mischung, die ganzen Kichererbsen und die Brotstücke miteinander vermischt und zusammen kalt serviert.

Nach Sonnenuntergang – die Uhrzeit ist in einem Kalender festgelegt – werden Datteln verteilt, erzählt die 16-jährige Tochter Dana über den Ablauf des Fastenbrechens. Danach trinkt erst einmal jeder etwas  und dann werde eigentlich gebetet. „Das schaffen wir nicht immer. Dafür haben wir zu viel Hunger“, gibt Mutter Hadeel zu und der 14-jährige Farouk lacht: „Dann hauen wir rein“.

Auch beim Treffen mit den OP-Besser-Essern wird direkt um 21.40 Uhr – eine Minute wird noch gewartet – mit dem Essen begonnen. Aber hier stopft sich niemand voll. Das Essen wird in kleinen Portionen genossen. Es wird auch empfohlen, langsam zu essen. „Das Essen schmeckt im Ramadan anders“, erklärt Dr. Hamdi Elfarra und berichtet, dass sich Kinder in der Zeit über jede Kleinigkeit freuen. Auf den Teller kommen auch Gerichte, wie der Nachtisch „Katayef“, der mit Käse oder Nüssen gefüllt ist, die nur während des Ramadans gegessen werden. In Palästina könne sie die Teigtaschen einfach im Laden kaufen. In Deutschland müsse die Familie aber alles selbst machen, auch den Teig, erklärt Hadeel Elfarra.

Tausende Gäste am Ramadan-Zelt

In der Familie Elfarra fasten alle, außer dem neunjährigen Sohn Feras. „Im Ramadan isst man ungern alleine“, erklärt Dr. Hamdi Elfarra, der als Projektkoordinator das Ramadan-Zelt auf dem Elisabeth-Blochmann-Platz mitorganisiert. 1 200 Gäste seien am vorvergangenen Wochen­ende dort jeden Abend versorgt worden, berichtet er stolz und freut sich sehr darüber, dass auch Vertreter anderer Religionen bei der Eröffnung dabei waren. Durch die Studenten in Marburg seien auch viele Nicht-Muslime dabei gewesen – auf 40 Prozent schätzt Elfarra den Anteil der nicht-muslimischen Gäste.

Beim Fastenbrechen der Islamischen Gemeinde in der Marbach kämen jeden Abend etwa 250 Gäste zum Beten und Essen. Nach dem einstündigen Nachtgebet um 23 Uhr säßen noch viele Menschen zusammen. 4500 Muslime gibt es in Marburg, erklärt Elfarra. In der Islamischen Gemeinde gebe es Mitglieder aus 40 Nationen, so dass dort miteinander deutsch gesprochen wird und auch auf deutsch gepredigt wird.

Pause bei der Herz-OP

Es gehöre zum Ramadan dazu, andere mitzuversorgen. Gutes tun, wie Bedürftige einzuladen, werde in dieser Zeit besonders belohnt, erklärt Elfarra. Es sei aber auch wichtig, die Nachbarn zu versorgen. So gebe jeder etwas Essen an den Nachbarn weiter, so dass am Ende jeder eine bunte Auswahl auf dem Tisch stehen hat.

Er arbeite gern während des Ramadans, erzählt der Herzchirurg, denn im Operationssaal gehe die Zeit schnell vorbei. So habe er auch eine schwere Herz-Operation durchgehalten, obwohl diese kurz vor Sonnen­untergang begonnen habe. Der Kollege, der mit ihm im OP stand, habe ihn aber zwischen­durch zu einer Pause zum Fastenbrechen geschickt. „Jeder ist sein eigener Doktor, wenn es um Ramadan geht“, sagt Dr. Hamdi Elfarra und empfiehlt, sich im Vorfeld „hineinzufasten“ – also zwei bis drei Wochen früher zu beginnen und die Fastenphase jeden Tag zu verlängern.

Fasten ist an kurzen Tagen im Winter etwas einfacher

Wenn es körperlich oder mental nicht gehe, sei es in Ordnung, den Fastenmonat zu verschieben, etwa wenn bei Schülern die Abiturprüfungen anstehen. Im Winter, wenn die Tage kürzer sind, sei es etwa einfacher, zu fasten. Schwer sei das Fasten besonders an heißen Tagen. „Da kann man nur das Wichtigste machen“, berichtet Hadeel Elfarra. Es sei dann gut, die direkte Sonne zu meiden und auch beim Sport sollte sich geschont werden. „Jede Aktivität verbraucht Energie“, sagt Dr. Elfarra.

Davon weiß sein Sohn Farouk zu berichten, der kürzlich an den Bundesjugendspielen teilnahm. „Das Fasten muss einen aber nicht beeinträchtigen“, sagt der 14-Jährige und verweist darauf, dass die Muslime in Ländern, in denen es heißer ist als in Deutschland, auch ihren Alltag leben. Es sei schon schwierig gewesen, wenn andere zwischendurch gegessen und getrunken haben oder als Eis verteilt wurde, erzählt der Schüler. Aber er fand es okay und nach etwas Zeit sei der Hunger auch wieder weggegangen. „Man braucht Geduld“, so Farouk.

Das Leben wird im Ramadan eben auf den Kopf gestellt. Vor Beginn des Sonnenaufgangs, momentan um 3.43 Uhr nachts, steht die Familie Elfarra wieder auf, um bei einer Nachtmahlzeit etwas Energie zu tanken. „Wassermelone gibt Energie“, bekräftigen alle. Ansonsten werde eine kleine Mahlzeit gegessen und viel getrunken. „Das ist wie Frühstück“, sagt der 14-jährige Farouk. Danach folgt nur noch ein bisschen Schlaf. „Es ist weniger der Mangel an Essen und Trinken, sondern viel mehr der wenige Schlaf“, erklärt Dr. Hamdi Elfarra die Anstrengung. Am Wochenende werde in vielen Familien dann die Nacht zum Tag, erklärt der Arzt.

von Mareike Bader

Die Fakten zum Ramadan

Warum fasten die Muslime?

Fasten ist im Islam eine Form des Gottesdiensts. Das Fasten im Monat Ramadan gehört zu den sogenannten fünf Säulen des Islam, also zu den Hauptpflichten, die ein Muslim als Gottesdienst durchführt. Die anderen Säulen sind das Bezeugen der Einheit Gottes und der Prophetenschaft Muhammads, das täglich fünfmalige Gebet, die Wallfahrt nach Mekka und das Entrichten der Zakat (verpflichtende Abgabe eines bestimmten Anteils ihres Besitzes an Bedürftige und andere festgelegte Personengruppen, Anm. d. Redaktion)

Wie wird im Islam gefastet?

Das Fasten im Islam heißt, dass der Muslim beziehungsweise die Muslima von Beginn der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang nichts isst, nichts trinkt, allgemein also keine Nahrung zu sich nimmt, und sich des Beischlafs mit dem Ehepartner enthält. Das ist das „äußere“ Fasten. Das Fasten hat aber auch eine „innere“ Dimension. Der Muslim soll demnach im Ramadan noch mehr als sonst darauf achten, sich gänzlich von Sünde freizuhalten, das bedeutet: nichts Verwerfliches bewusst anschauen, nichts Schlechtes reden, auf nichts Böses hören und nichts Verabscheuungswürdiges tun.

Welche Personen sind vom Fasten ausgenommen?

Nur wer das Fasten, so wie es im Islam vorgeschrieben ist, ohne gesundheitlichen Schaden durchführen kann, ist zu diesem Gebot verpflichtet. Deshalb sind Kranke,
Altersschwache, Schwangere und ähnliche Personengruppen von dieser Pflicht ausgenommen. Personen, deren gesundheitliche Situation sich voraussichtlich nicht bessern wird, wie zum Beispiel chronisch Kranke oder Altersschwache, sollen für jeden im Ramadan versäumten Fastentag einen Bedürftigen speisen (die sogenante Fidya).

Wann beginnt die Fastenzeit?

Der Ramadan ist der neunte Monat im islamischen Mondkalender. Im Gegensatz zur üblichen Praxis der Verwendung des Sonnenkalenders benutzen die Muslime einen reinen Mondkalender. So verschiebt sich der Monat Ramadan zehn oder elf Tage pro Jahr nach vorne und durchschreitet allmählich alle Jahreszeiten.