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Baby-Glück Wenn die Heißhunger-Attacke kommt
Wenn die Heißhunger-Attacke kommt
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18:49 19.05.2017
Am liebsten isst sie derzeit gern deftig, berichtet eine Schwangere aus dem Landkreis. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Kaum ein anderes Thema beschäftigt Schwangere offenbar so sehr wie die ­Ernährung. Liest man die ­diversen ­Internet-Foren und Ratgeber­seiten, so kreisen ­viele Gedanken um das Essen – und die Angst vor der Gewichts­zunahme.

Eine Frau berichtet, dass sie nachts mit Heißhunger aufgewacht sei. „Saure Gurken und Nuss-Nougat-Creme“ hatte ihre eigene Küche als Nachtmahl zu bieten. An dem Klischee von der Lust auf eingelegte Gurken ist was dran. Viele Frauen berichten, dass sie häufig Heißhunger auf ungewöhnliche Speise­kombinationen haben oder Speisen, auf die sie vorher keinen Appetit hatten, plötzlich gern essen. Zum Beispiel auf fettiges Fleisch oder deftige Mahlzeiten. Andere Frauen berichten von der Lust auf bestimmte Früchte.

Eine individuelle Entscheidung

Ärzte können sich die verrückten Essgewohnheiten erklären. Die veränderte Hormonsituation sei ab der achten bis etwa der 14 Schwangerschaftswoche Ursache für dieses Phänomen. „Heißhungerattacken hängen mit einem in der Schwangerschaft erhöhten Insulinspiegel zusammen. Bei erhöhter Insulinproduktion sinkt der Blutzuckerspiegel schneller und man verspürt Heißhunger“, erkärt Dr. Thomas Knörzer, Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe am Diakoniekrankenhaus Wehrda.  

Ärzte raten daher, lieber mehrere kleine Mahlzeiten am Tag zu sich zu nehmen als nur drei große. Ein großer Irrtum ist, dass Frau nun neun Monate lang „für zwei“ essen sollte. Diese Meinung ist längst überholt. Wer das nämlich macht, der legt ordentlich an Gewicht zu.  „In den meisten Fällen reichen 300 zusätzliche Kalorien pro Tag. Dies entspricht etwa zwei Tassen fettarmer Milch oder einem Thunfischsandwich“, so Knörzer. Entscheidend während der Schwangerschaft sei eine ausgewogene und gesunde Ernährung, die auf den fünf Hauptnahrungsmittelgruppen aufbaut: Obst, Gemüse, Getreide, eiweißhaltige Lebensmittel und Milchprodukte. „In welcher Kombination jede Schwangere dies tut, ist ihre individuelle Entscheidung.“

Genau bei diesem Punkt aber gibt es unendlich viele Ratgeber. Die einen sagen, weniger Kohlenhydrate, die anderen warnen vor zu viel Milchprodukten wegen möglicher Wassereinlagerung.

Risiken durch Alkoholkonsum

Und was ist mit dem Gläschen Prosecco beim Geburtstag der Freundin? Viele Schwangere nehmen es mit dem „Alkoholverbot“ nicht so genau – nach dem Motto „einmal ist keinmal.“ Knörzer ist da rigoros: „In der Schwangerschaft sollten Frauen komplett auf Alkohol verzichten, auch auf das Glas Sekt bei Geburtstagen oder sonstigen Feierlichkeiten. In den ersten Wochen der Schwangerschaft weiß manche Frau noch nicht, dass sie schwanger ist. Hier gilt das „Alles oder Nichts-Prinzip“, das heißt, die Schwangerschaft hält oder nicht. Sobald Frau weiß, dass sie schwanger ist, sollte sie ab sofort keinen Alkohol mehr trinken.“ Nach seinen Erfahrungen halten sich die meisten Frauen daran, Statistiken dazu gebe es nicht. Wer in der Schwangerschaft Alkohol trinkt, riskiert unter anderem Fehlbildungen, Störungen des zentralen Nervensystems oder geistige Beeinträchtigungen des Kindes.

Was ist mit Süßigkeiten? Auch da gibt es Mythen ohne Ende. „Natürlich darf man ab und zu auch Süßigkeiten essen, aber in Maßen“, sagt der Gynäkologe. Generell sollte man in der Schwangerschaft schnell resorbierbare Kohlenhydrate – wie etwa Weißmehl-Brot oder Nudeln – meiden. Der gefürchtete Schwangerschaftsdiabetes tritt meistens  im Verlauf des zweiten Schwangerschaftsdrittels auf – aber nur bei etwa  3 bis 5 Prozent der Schwangeren, so Knörzer. Deshalb wird bei allen Frauen zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche ein oraler Glucosetoleranztest durchgeführt (GDM-Screening). Das ist der Zucker-Test.

Die Werbung verspricht eine bessere Schwangerschaft durch Vitaminpräparate, spezielle Müsliriegel oder andere Nahrungsergänzungsmittel. Vitamin-Pillen schlucken ist nicht nötig, auch wenn das vielleicht nicht schadet. Fast alle Vitamine und Mineralstoffe können durch ausgewogene Ernährung aufgenommen werden, sagt Knörzer.

Grundsätzlich wird nur die Einnahme von Folsäure und Jodid empfohlen, da bei diesen Stoffen eine ausreichende Zufuhr über die normale Ernährung kaum oder nicht möglich ist. Wer einen Mangel an Eisen oder Magnesium hat, sollte die Zufuhr mit dem behandelnden Arzt abstimmen.

Übelkeit kann auch psychische Ursachen haben

Warum ist vielen Frauen in der Schwangerschaft übel? „ Die Ursache der Schwangerschaftsübelkeit ist nicht sicher geklärt, aber höchstwahrscheinlich durch die Änderung der Hormonlage zu Beginn der Schwangerschaft hervorgerufen“, sagt Knörzer. Die Bandbreite geht von leichter Übelkeit bis hin zu mehrfachem Erbrechen täglich. Bei Letzterem ist zum Teil eine stationäre Behandlung notwendig. In den meisten Fällen enden die Beschwerden ab der 12. bis 14. Schwangerschaftswoche. „Bei manchen Frauen schlägt auch die durch die Schwangerschaft hervorgerufene Änderung der Lebenssituation auf den Magen, zum Beispiel wenn die Schwangerschaft unvorhergesehen eintrat“, erklärt der Arzt.

von Anna Ntemiris

Wieviel Kilos dürfen´s mehr sein?

Schwangere Super-Promis wie Amal Clooney (39), Frau von Hollywood-Star George Clooney, scheinen auch im achten Monat mit Zwillingen im Bauch schlank zu bleiben. Die Fotos der Klatsch-Magazine zeigen zumindest nicht die Realität, die die meisten Frauen erleben: Sie nehmen zu, manche mehr als ihnen lieb ist und dies nicht nur am Baby-Bauch. 

Durchschnittlich nehmen Frauen in der Schwangerschaft 12 bis 13,5 Kilo zu. Aber: Die Variationsbreite ist relativ hoch. Eine Marburgerin berichtet, dass sie bei ihrer Schwangerschaft stolze 39 Kilogramm zunahm. Sie ist heute wieder genau so schlank wie vor ihrer Schwangerschaft. Eine andere Frau aus dem Südkreis erzählt von einer Zunahme von 25 Kilogramm. „Ich bin morgens zur Arbeit gekommen und habe als erstes gefragt, was es mittags zu essen gibt“, erinnert sie sich. „Am liebsten aß ich Tortellini und Fleisch, eben alles, was ansetzt“, erzählt die heute schlanke zweifache Mutter.

Persönlich

von Anna Ntemiris

Schwangerschaft: Ein Thema, bei dem natürlich auch Männer mitreden können. Sie haben für viele Begleiterscheinungen eine fachliche Erklärung. Wenn die Frau etwa ständig gähnt und bis zum Einschlafen „Ich bin so müde“ wiederholt, kennt der Mann den Grund dafür: „Du bist schwanger“. Hat die Frau ein schlechtes Gewissen, weil sie für zwei isst, muntert sie der Mann liebevoll auf: „Du bist schwanger“ – und reicht noch mal die Gummibärchentüte hin. Klagt die Frau über schlechte Luft in der Bude, wird diese Behauptung verneint. Hilfsargument für die Gegenthese, dass im Raum die Luft sauber ist: „Du bist schwanger.“ Regt sich die Frau über die Lautstärke der Fußballübertragung auf, stellt der Mann fest, dass die Geräuschempfindlichkeit aufgrund der Schwangerschaft zugenommen habe und sehr subjektiv sei. Und wenn die Frau laut mit sich selbst redet und sich fragt, ob sie der Gesundheit zuliebe nochmal einen Spaziergang an der frischen Luft machen sollte – in der Hoffnung, der Partner kommt auf die Idee, sich als Begleiter anzubieten – dann kommt wieder: „Du bist schwanger. Mach, was dir gefällt.“
Warum sagt denn keiner: „Geh mir einfach nicht auf den Keks!?“

Studie

Baby-Bäuche bei Männern

Und nun Männer aufgepasst: Auch Ihr könnt ein Bäuchlein in neun Monaten bekommen. „Es gibt Untersuchungen, dass der werdende Vater eine Parallelschwangerschaft erleben kann. Eine Studie von Psychologen um Arthur Brennan von der University of London hat dies bestätigt“, sagt der Marburger Gynäkologe Dr. Thomas Knörzer, Chefarzt am Diakoniekrankenhaus Wehrda.

Es gäbe keine genauen Zahlen, wie viele Männer betroffen sein können und was die Ursachen sind. Einige von den künftigen Vätern setzten tatsächlich während der Schwangerschaft ihrer Partnerin Babybäuche an.
Französische Wissenschaftler bezeichnen dies auch als Couvade-Syndrom (vom französischen „couver“ = „ausbrüten“)“

„Doch Vorsicht: Männerbäuche verschwinden nach der Geburt nicht so schnell wie die Bäuche bei den entbundenen Frauen“, so Knörzer.