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Baby-Glück Wenn der Kinderwunsch krank macht
Wenn der Kinderwunsch krank macht
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19:29 12.05.2017
In der Universitätsfrauenklinik in Leipzig geht im Labor des Zentrums für Reproduktionsmedizin eine Laboringenieurin an Abbildungen von Eizellen nach einer künstlichen Befruchtung vorbei. Foto: Waltraud Grubitzsch Quelle: Waltraud Grubitzsch
Marburg

Schock, Ohnmacht, Kontrollverlust, Schuldgefühle, Isolation und Trauer: Das sind die Symptome einer Erkrankung, die sich unerfüllter Kinderwunsch nennt. Denn ein unerfüllter Kinderwunsch ist laut Weltgesundheitsorganisation WHO eine ernst zu nehmende Erkrankung. In Deutschland sind von dieser Erkrankung 15 Prozent der Paare betroffen, sagt Dr. Volker Ziller, Facharzt für Gynäkologie und Leiter des ­Kinderwunschzentrums ­
am Universitätsklinikum in Marburg.

Über 60 000 künstliche ­Befruchtungen finden jährlich in Deutschland statt.
Von einigen Kindern, die er in Marburg sehe, wisse er, dass sie mithilfe des Kinderwunsch­zentrums auf die Welt kamen.
„Ich grüße die Eltern nach der Behandlung nicht mehr in der Öffentlichkeit. Wir haben Schweigepflicht“, erklärt Volker Ziller.

Gründe für Unfruchtbarkeit sind auf beide Geschlechter verteilt

Ab wann gilt der Kinderwunsch bereits als unerfüllt? Auch dafür hat die WHO ­­eine Definition: Wer zwölf Monate nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr trotz Kinderwunsch nicht schwanger ­geworden ist, leidet unter Sterilität, also Unfruchtbarkeit. 
„Etwa ein Drittel der Paare in Deutschland hat im Laufe des Lebens einen temporär unerfüllten Kinderwunsch“, sagt Ziller.

Rund jede zehnte Frau in Deutschland geht innerhalb von fünf Jahren wegen eines Kinderwunsches zum Frauenarzt, so eine weitere Statistik. „Die Ursache der Unfruchtbarkeit wird oft auf die Frau projiziert. Frauen und Männer denken häufiger, es liege an der Frau, dabei sind die Gründe in Wahrheit durchaus auf beide Geschlechter gleich verteilt. Häufigste organische Ursache der Frau sei die Störung der Eileiterfunktion. 
Das Alter spiele eine entscheidende Rolle für den unerfüllten Kinderwunsch, aber nicht die einzige, betont Ziller.

Ab 35 Jahren wird es für eine Frau mit der Empfängnis schwieriger. Die Erfolgsaussichten auf ein Kind mit 43 sind mit maximal 15 Prozent pro Zyklus sehr viel geringer als bei jüngeren Frauen. „Nur in der Reproduktionsmedizin werden hinreichende Quoten für eine Kostenerstattung vorausgesetzt. Würden Sie bei einer Chance auf 15 Prozent keine Chemotherapie mehr anwenden?“, fragt Ziller. 
Im Marburger Kinderwunschzentrum beraten und begleiten Ärzte und Therapeuten Frauen und Männer, die ganz unterschiedliche Vorgeschichten haben, sagt Ziller. Die Bandbreite sei sehr groß.

Designerbabys in Deutschland unmöglich

Da sei die 50-jährige Frau, die schwanger werden möchte oder das Ehepaar, das vergeblich versucht, ein Kind zu bekommen und sich aber dann im Gespräch herausstelle, dass es keinen Geschlechtsverkehr habe. Traumatische Erlebnisse, Ängste, Zwänge – auch das können Gründe für den Frust mit der Lust sein.

„Das Gespräch und die Beratung machen den Arzt aus, das Technische kann jeder lernen“, sagt der Reproduktionsmediziner, der Wert darauf legt, dass  es in Deutschland beim Thema künstliche Befruchtungen ethische Richtlinien gibt, an denen sich Ärzte halten. Nicht jeder Wunsch werde erfüllt. Aber jedes Beratungsgespräch werde ernst genommen. 
„Ein Designerbaby können und wollen wir in Deutschland nicht.

Den ein oder anderen Faktor aussortieren: Das geht unter anderem in den USA, nicht bei uns“, so Ziller. „Unter Designerbaby stellt man sich ein Kind nach Wunsch vor. Geschlecht, Augenfarbe körperliche oder geistige Eigenschaften nach Maß. Um das zu realisieren, müssten die genetischen Eigenschaften einer Eizelle oder eines Embryos verändert werden können. Das ist nach heutigem Stand der Technik nirgendwo auf der Welt möglich.

Genetische Untersuchung eines Embryos ist möglich

Was aber sehr wohl möglich ist, ist die genetische Untersuchung eines Embryos auf bestimmte Eigenschaften. Dies ist in Deutschland zum Glück prinzipiell verboten und nur in ganz speziellen Fällen im Rahmen einer Präimplantationsdiagnostik erlaubt“, erklärt Ziller.

Diese Ausnahmen gelten in Deutschland nur für den Ausschluss sehr schwerwiegender Erbkrankheiten, eine Geschlechterwahl zum Beispiel ist explizit verboten. In Marburg werden grundsätzlich alle zugelassenen Methoden in der Kinderwunschtherapie angewandt, es wird aber großen Wert darauf gelegt, die Lösungen anzubieten, die auch zum Problem passen.

Hormonelle Stimulationen oder die In-Vitro-Fertilisation, also die „Befruchtung im Glas“, bei der Frauen reife Eizellen entnommen und in einer Petrischale mit den Spermien zusammengebracht werden, zählen zu den Behandlungsmethoden.
Es sollte laut Ziller in der Reproduktionsmedizin nicht immer sofort die Maximaltherapie angeboten werden, sondern Therapieformen gewählt werden, die der medizinischen Indikation, aber auch den individuellen Bedürfnissen der Paare entsprechen.

Behandlung dauert oft mehrer Monate

Eine künstliche Befruchtung brauchen dann nicht alle Kinderwunschpaare, sondern nur etwa ein Drittel der Patienten, die sich in der Ambulanz vorstellen. „Auch wenn viele­ ­Geschichten der Patienten schwierig, langwierig und manchmal auch tragisch sind, denn man kann nicht alle Krankheiten heilen, ist es immer wieder am schönsten, wenn ein Paar uns besucht und das Ergebnis präsentiert oder ein schönes ­Foto für die Babywand schickt“, so Ziller.

Noch eine Zahl nennt der Reproduktionsmediziner Ziller: Die Baby Take Home Rate: Pro Versuch einer Befruchtung liegt die Chance, ein Baby zu bekommen, bei 20 bis 25 Prozent. „Die Geburtenrate steigt bis zum sechsten Versuch bei 70 Prozent“, erklärt er. Eine Behandlung dauere daher oft mehrere Monate – auch das wird den Betroffenen in der Beratung vorher deutlich gemacht.

von Anna Ntemiris

Etikrat

Sensibilität von Kirchen für die Notlage von kinderlosen Paaren: Das wünscht sich der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates und ehemalige Marburger Theologie-Dekan, Peter Dabrock. Es kommt nicht darauf an, welches Mittel man nimmt, sondern wie man damit umgeht und was es für einen selbst und besonders das Kind bereithält, sagte der Theologieprofessor zu den Fortschritten der Fortpflanzungsmedizin und vorgeburtliche Diagnostik.

Kirchen müssten Wege finden, damit umzugehen, statt beispielsweise kinderlose Paare­ in Notlagen ohne Antworten zurückzulassen. Dabrock fordert mehr Ehrlichkeit im Umgang mit der modernen Biomedizin: Beispielsweise­ ­würden sämtliche Fortpflanzungstechniken von der ­Katholischen Kirche kritisch ­gesehen. „Doch die Natürlichkeit als entscheidendes Kriterium bringt uns moralisch und gesellschaftlich nicht weiter“, sagte er. Schließlich sei das ganze Leben von Technik durchdrungen.

Kirchen dürften nicht den Fehler begehen, Menschen in Notlagen unnötigerweise moralisch zu belasten. „Gerade die Kirchen halten die Ideale der klassischen bürgerlichen Kleinfamilie hoch. Sie müssten sich eigentlich freuen, wenn viele Menschen den Kinderwunsch verwirklichen wollen.“ (dpa)