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Baby-Glück Vertrauen in die eigene Fähigkeit
Vertrauen in die eigene Fähigkeit
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19:49 09.06.2017
Von Anna Ntemiris
Talita und Dominik Krimm (beide 29) aus Marburg mit ihrer sechs Monate alten Tochter Käthe, die im Geburtshaus zur Welt kam. Dort nehmen Mutter und Tochter an den Kursen Mutter-Kind-Yoga teil. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Im achten Schwangerschaftsmonat entschieden sich Talita und Dominik Krimm (beide 29), dass sie nicht in ­einem Krankenhaus, sondern im Marburger Geburtshaus ihr Kind zur Welt bringen wollen. Vor einem halben Jahr kam Am Schwanhof die kleine Käthe zur Welt. „Das Geburtshaus hat uns als Familie mit unserer persönlichen Geschichte gesehen und mit unserer Geschichte hatten wir darin Platz. Diesen ,Platz‘ hatten wir in keinem Krankenhaus“, sagt Talita Krimm. Sie wollte eine natürliche Geburt, eine Spontangeburt wie es im Mediziner-Deutsch, heißt. Ein Arzt hatte ihr zunächst nahegelegt, einen Kaiserschnitt-Termin zu vereinbaren. Und da es keinen zwingenden Grund für eine Operation gab, machte sich das Ehepaar nochmal ­Gedanken, ob denn überhaupt eine ­Geburt in der Klinik für sie infrage kommt.

Die Geschichte der Familie in aller Kürze: Talita Krimm hatte bei ihrer ersten Schwangerschaft vor zwei Jahren eine ungeplante Kaiserschnitt-Geburt. Dennoch war dann alles in Ordnung mit dem Familien-Glück. Bis dann einen Monat später das eintrat, wovor sehr viele Eltern Angst haben: der plötzliche Kindstod. „Das ist ein unglaubliches Ohnmachtsgefühl. Alles stellt sich infrage: Auch das Urvertrauen, dass ich mein Kind auf die Welt bringen kann. Man verliert das Vertrauen in die Fähigkeit als Mutter und Vater“, sagt Talita Krimm. Ihr Mann bestätigt das.

Man gebe die Hoffnung nicht auf, sagte sich das Erzieher-Ehepaar. Warum sollte es denn auch beim zweiten Kind nicht anders laufen können? Eine Antwort darauf gab es nicht. Auf der Suche nach Alternativen zum Kreißsaal schaute sich das Paar das Geburtshaus in Marburg an.

„Selbstbestimmtere Geburt“

„Ich war zunächst der Bedenkenträger. Wir hatten aufgrund unserer Erlebnisse ein höheres Sicherheitsbedürfnis“, erzählt der Vater. „Aber als wir uns das Geburtshaus angeschaut haben, habe ich die andere Atmosphäre gespürt. Da konnte schnell ein Vertrauen aufgebaut werden. Aber ich wollte, dass meine Frau das entscheidet.“ Und diese entschied: „Ich bringe das Kind selbst auf die Welt und die Hebammen helfen mir dabei. In Krankenhäusern wird eher gesagt: ,Wir machen das schon‘.“

Im Geburtshaus sei die ­Geburt selbstbestimmter. „Dort haben wir die Sicherheit, die wir gebraucht haben, vermittelt bekommen. Wir haben die Möglichkeit bekommen, die Hebammen in vielen vorherigen Kontakten kennenzulernen. Wir wussten, dass die Hebamme die zur Geburt kommt, uns von ­Anfang bis zum Schluss begleitet. Wir wussten, uns kommt kein Schichtwechsel dazwischen oder dass eine privatversicherte Frau Vorrang haben könnte“, so die Mutter.

„Wir als Familie werden gesehen. Ich als Frau bekomme die Kompetenz zugesprochen, unser Kind zur Welt zu bringen. Ich bekomme von den Hebammen immer wieder das Gefühl vermittelt, dass ich weiß, was ich, was wir gerade brauchen, und dass mein Kind und ich zusammenarbeiten können, um die Geburt gut zu erleben und zu überleben“, berichtet sie.

Dass sich ein Paar erst im achten Schwangerschaftsmonat für das Geburtshaus entscheidet, sei eher die Ausnahme, sagt Melanie Trofimow, Hebamme im Geburtshaus Marburg. Die meisten Mütter legen das bereits früher fest. Bei Talita, so berichtet die Hebamme, sei die Geburt komplikationslos verlaufen. Trofimow betont, dass das Team im Geburtshaus sehr genau die Vorgeschichte der Eltern berücksichtige und prüfe, ob es diese annehme. Im Geburtshaus sind jeweils zwei Hebammen im Dienst, bei Komplikationen werden die Mütter in die Uni-Klinik verlegt.

Lange Anfahrtswege

„Die Betreuung durch zwei Hebammen ist das Besondere­ bei uns“, erklärt Trofimow. Die Geburt im Geburtshaus ist immer ambulant, das heißt die Frauen fahren nach wenigen Stunden wieder nach Hause. „Sofern der Kreislauf stabil ist und keine Blutung auftritt“, fügt Trofimow hinzu.

Es ist ratsam, sich das Geburtshaus rechtzeitig vorher anzuschauen, bevor man sich für das Angebot dort entscheidet und sich anmeldet. 120 Geburten im Jahr zählt das Hebammen-Team mittlerweile.­ Ein Drittel der Eltern wohne in der Kernstadt Marburg, es kämen aber auch Mütter, die in Alsfeld, im Raum Frankenberg oder Biedenkopf wohnen.

Der Hebammenmangel, der auch auf dem Land deutlich angestiegen ist, ist der Grund dafür, dass manche Paare lange Anfahrtswege auf sich nehmen, wenn sie sich für eine Alternative zum Kreißsaal entschieden haben. Die älteste Mutter war 46 oder 47 Jahre alt, berichtet Trofimow. Die jüngste 15. Im Schnitt aber sind die Geburtshaus-Mütter aus Marburg knapp über 30 Jahre alt, sagt sie.

Die erfahrene Hebamme stellt fest, dass „Schwangerschaft und Geburt immer mehr als Risiko gesehen werden. Das spiegelt sich im Gebärverhalten.“

Im Fall des Ehepaars Krimm sei das traumatische Erlebnis letztendlich ein Grund gewesen, um die zweite Schwangerschaft bewusst nicht als Risiko zu betrachten - auch diese Perspektive komme vor.

von Anna Ntemiris