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Baby-Glück Die Schaffnerin, der Notarzt und ich
Die Schaffnerin, der Notarzt und ich
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21:21 11.06.2017
OP-Redakteurin Anna Ntemiris. Quelle: Archivfoto

 Fangen wir von hinten an: Die Schaffnerin kündigte mir an – ich glaube sogar schadenfroh – , dass sie den Notarzt gerufen habe. Die Geschichte in Kürze: Eines Freitagabends musste ein Zug im Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) am kleinen Bahnhof in Lollar stehen bleiben. Nichts ging mehr auf den Gleisen in beiden Richtungen. Wir Fahrgäste warteten eine Stunde in Lollar, ohne zu erfahren, ob, wann und wie es weitergehen könnte. Die Oberleitung war beschädigt, hieß es. Könne ein Taxi oder ein Bus die Fahrgäste wenigstens bis zum Bahnhof in Gießen befördern?, lautete eine meiner Fragen an die junge Schaffnerin.

Ob ich vielleicht ein Wasser bekommen könnte, eine weitere Frage. Das war alles zu viel verlangt. Die Schaffnerin erhielt nach ihren Aussagen von ihrer „Zentrale“ keine Auskunft. Sie sei selbst ratlos. In Lollar gebe es keine Beförderungsmöglichkeiten, man könne nur aussteigen, so eine Aussage. Ich empfahl der Zugbegleiterin, ihrer „Zentrale“ zu melden, dass sich unter den Wartenden im Zug eine Schwangere befinde, die, sollte es hier noch stundenlang Stillstand geben, für alle Beteiligten ein Problem werden könnte.

Die Frau war zunächst dankbar für ein neues Argument, das sie nun der „Zentrale“ weitergeben könne. Kurze Zeit später kam die Nachricht, dass sie jetzt den Notarzt für mich gerufen habe. Dann wurde mir erst recht übel. Es kamen zwei sehr nette Rettungssanitäter, die mir anboten, mich ins nächste Krankenhaus zu fahren. Krankenhaus? Ich fühlte mich wie eine Gefangene, die nun die Flucht plante: Ich rief meinen Ehemann an, der mich eine Stunde später abholte – und Wasser lieferte.

Eine Entschädigung für mein Zugticket habe ich übrigens nicht erhalten. Vergangene Woche kam nun die Meldung, dass der RMV im Fall von betriebsbedingten Verspätungen ab zehn Minuten einen Teil des Fahrpreises erstattet. Da musste ich an den besagten Abend in Lollar denken. Lieber RMV: schult auch Euer Personal: Schwangere sind nicht krank, und der Notarzt ist keine alternative Beförderungsmöglichkeit.

von Anna Ntemiris