Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Sport-Welt Pevenage belastet Jan Ullrich mit Doping-Beichte schwer
Sport Sport-Welt Pevenage belastet Jan Ullrich mit Doping-Beichte schwer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:19 08.07.2010
Rudy Pevenage (links) bringt 2003 als Teamdirektor von Bianchi seinen Fahrer Jan Ullrich in Schwung. Quelle: dpa

Rudy Pevenage hat endlich die Katze aus dem Sack gelassen und mit seinen eigenen Worten bestätigt, was anderweitig längst ermittelt worden war: Auch Radprofi Jan Ullrich war in die Dopingaffäre verwickelt, in deren Zentrum der spanische Arzt Eufemiano Fuentes stand. Und er habe als Berater, Mentor und zeitweiliger Renndirektor des bisher einzigen deutschen Tour-de-France-Siegers mitgeholfen, gestand Pevenage in einem Interview mit der französischen Sporttageszeitung „L’Equipe“, die als „Zentralorgan“ oder „Bibel“ der Tour-Berichterstattung gilt. „Wozu soll es gut sein, weiter zu lügen? Ich habe die Reisen von Jan nach Madrid zu Fuentes organisiert“, sagte der 56-jährige Belgier, der jahrelang jeden Kommentar zu diesem Thema verweigert hatte. Pevenage betonte aber auch: „Ich selbst habe nie verbotene Produkte gekauft oder verkauft.“

Auch wenn der von ihm betreute Ullrich längst zurückgetreten ist, könnte das Interview des Belgiers die Betriebsruhe der 97. „Großen Schleife“ empfindlich stören. Zumindest für den einstigen Ullrich-Rivalen Lance Armstrong, der zurzeit versucht, seinen achten Tour-Sieg einzufahren. Denn Pevenage klagte auch den Amerikaner indirekt an: „Wir waren keine Idioten. Wir kannten Armstrong vor seiner Krebserkrankung. Die Verwandlung nach seiner Rückkehr war unglaublich. Wir haben schnell begriffen, dass es keine Wahl gibt.“

Die Dominanz des 38 Jahre alten Texaners, der von 1999 bis 2005 siebenmal in Folge die Frankreich-Radrundfahrt gewann, hat wohl mit dazu geführt, dass Ullrich wieder in die „schlechte Spirale“ geriet. „Es entstand der Druck, das Maximum zu tun, um Armstrong zu schlagen“, sagte Pevenage. „Alle Fahrer haben sich behandelt, das war fast normal. Man hat die Illegalität dieser Methoden nicht wahrgenommen.“

Der Belgier, der selbst als Radprofi aktiv gewesen war und 1980 bei der Tour das Grüne Trikot gewonnen hatte, bezichtigte rückblickend „mindestens das halbe Teilnehmerfeld“ der Tour des Dopings. „Es gibt heute noch viele Fahrer, die Fuentes frequentiert haben und immer noch ihre Schnauze aufreißen, um große Vorträge zu halten“, behauptete Pevenage. Man habe „nur ein Minimum“ der Dopingsünder bestraft, obwohl viele „den gleichen Schwachsinn“ gemacht hätten. Teilweise hätten Profis trotz auffälliger Blutwerte weiterfahren dürfen: „Das ist wie bei einer roten Ampel, die man fünfmal ohne Strafe überfährt“, sagte Pevenage und stellte damit die Effizienz der Kontrollen bei der Tour infrage. Namen wollte er aber nicht nennen: „Ich habe schon unheimlich viel Geld an Anwälte gezahlt.“ Der Berliner Radprofi Jens Voigt wehrte sich gegen die pauschalen Verdächtigungen und forderte Pevenage auf, „Ross und Reiter“ zu nennen. Andernfalls solle er „einfach den Mund halten.“

Fuentes ist laut Pevenage nicht der einzige Arzt mit Spezialaufgaben im Radsport: „Die anderen Teams hatten auch ihre Organisationen zur medizinischen Betreuung.“ Im Bonner Team Telekom und der Nachfolgemannschaft Team T-Mobile, in denen Pevenage von 1994 bis 2003 und nochmals kurz 2006 Sportlicher Leiter war, habe man „nach der Festina-Affäre 1998 mit allem aufgehört. Unsere Mannschaft war in den folgenden Jahren wirklich sauber.“ Nachdem die Equipe ihre Ergebnisse mit der Erfolgsbilanz anderer Teams verglichen habe, sei klar gewesen, „dass einige eine Methode entwickelt haben mussten, um Epo zu ersetzen.“ Diese Angaben des Belgiers widersprechen aber den Ermittlungen der Freiburger Doping-Untersuchungskommission, laut denen im ehemaligen Bonner Rennstall von 1995 bis 2006 „systematisch gedopt“ worden sei.

Ullrichs Manager Wolfgang Strohband reagierte auf Pevenages Äußerungen relativ gelassen. „Jan hat mit der Vergangenheit abgeschlossen. Ich glaube nicht, dass ihn das interessiert“, sagte er. Ullrich bestreitet weiterhin, jemals gedopt zu haben, obwohl die Beweislast gegen ihn erdrückend ist. Die Staatsanwaltschaft Bonn hatte Ullrich per DNA-Abgleich nachgewiesen, dass er Blut bei Fuentes gelagert hatte. Im Oktober 2009 legte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ mit einem umfassenden Bericht des Bundeskriminalamtes nach. Dort hieß es: „Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der Beschuldigte Ullrich das Dopingsystem des spanischen Arztes Dr. Fuentes nutzte, um sich vertragswidrig mit leistungssteigernden Mitteln und Methoden auf seine Wettkämpfe vorzubereiten.“ Zwischen 2003 und 2006 sei der Wahl-Schweizer insgesamt 24-mal zu Fuentes nach Madrid geflogen.

Pevenage selbst schilderte noch ein pikantes Detail aus dem Jahr 2006 kurz vor Beginn der damaligen Tour. „Jemand von oben“ habe ihm telefonisch geraten, Ullrich unbedingt vom Start abzuhalten, notfalls mit einem fingierten Schlüsselbeinbruch. Als dieses nicht geschah, wurde der Deutsche in Spanien als einer der ersten möglichen Fuentes-Kunden genannt. Sein Tour-Ausschluss war die Folge.

dpa

Mehr zum Thema

Mark Cavendish hat nach seiner bitteren Pleite von Reims zurückgeschlagen und die fünfte Etappe der Tour de France für sich entschieden. Der Brite setzte sich am Donnerstag im Zielsprint nach 187,5 Kilometern von Épernay nach Montargis vor dem Pulheimer Gerald Ciolek und Edvald Boasson Hagen aus Norwegen durch.

08.07.2010

Sprint-Spezialist Alessandro Petacchi hat die vierte Etappe der Tour de France gewonnen. Der Italiener ließ seinen Rivalen nach 153,3 Kilometern von Cambrai nach Reims keine Chance und feierte bereits seinen zweiten Tageserfolg bei der diesjährigen Frankreich- Rundfahrt.

07.07.2010

Rückschlag für Lance Armstrong, Glücksgefühle für Alberto Contador, Triumph für Thor Hushovd und Fabian Cancellara: Die „Hölle des Nordens“ hat ihren Tribut gefordert und die ersten Weichen im Gesamtklassement der Tour de France gestellt.

06.07.2010

Mark Cavendish hat nach seiner bitteren Pleite von Reims zurückgeschlagen und die fünfte Etappe der Tour de France für sich entschieden. Der Brite setzte sich am Donnerstag im Zielsprint nach 187,5 Kilometern von Épernay nach Montargis vor dem Pulheimer Gerald Ciolek und Edvald Boasson Hagen aus Norwegen durch.

08.07.2010

Die Klubs der Deutschen Eishockey Liga (DEL) haben die um ihre Lizenz kämpfenden Kassel Huskies scharf kritisiert. In einem offenen Brief warfen sie dem Klub vor, die Regeln der Liga zu missachten.

08.07.2010

Sprint-Spezialist Alessandro Petacchi hat die vierte Etappe der Tour de France gewonnen. Der Italiener ließ seinen Rivalen nach 153,3 Kilometern von Cambrai nach Reims keine Chance und feierte bereits seinen zweiten Tageserfolg bei der diesjährigen Frankreich- Rundfahrt.

07.07.2010