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Zwischen Motorsäge und Mutterschaft

Sportholzfällerin Zwischen Motorsäge und Mutterschaft

Wenn Nina Pokoyski zur Tat schreitet, werden die Dinge schnell zu Kleinholz verarbeitet. Als eine von wenigen Frauen nimmt sie als Sportholzfällerin an der "Stihl Timbersports Series" teil.

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Nina Pokoyski schneidet mit der „Stock Saw“ zwei Scheiben aus einem Holzblock – die erste von oben, die zweite von unten. Die „Stock Saw“ ist eine von drei Disziplinen beim Sportholzfällen der Frauen.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Rrrrrrrrrrrrrmmm. Nina Pokoyski zieht kräftig am Starterseil ihrer Motorsäge. Nach einem lauten Aufdröhnen herrscht für einen kurzen Moment Stille. Die energische Frau ist mit schwerer Ausrüstung bekleidet - Schutzbrille, Kopfhörer, Ketten um die Waden, darüber eine Schnittschutzhose. Noch einmal setzt sie zum Start der Säge an. Rrrrrmmm, rrrrmmm rrrrmmm rrrrrrrrrrrmmmmmmm. Beim zweiten Versuch klappt es.

Kurz darauf fliegen unter den ohrenbetäubenden Motorgeräuschen die Späne. Innerhalb weniger Sekunden schneidet die 31-Jährige mit ihrer „Stock Saw“ zwei dünne Scheiben aus dem dicken Baumstamm, der vor ihr auf etwa einem halben Meter Höhe an einem speziellen Ständer festgeschraubt ist. Hinter ihr türmen sich schon die Berge von Trainingsmaterial, das sie bereits zu Kleinholz verarbeitet hat.

Mit ihrem Hobby ist Pokoyski eine echte Exotin. Als eine von nur fünf Frauen nimmt sie als Sportholzfällerin an den Wettkämpfen der „Stihl Timbersports Series“ teil. In mehreren Disziplinen mit Axt und Säge treten die kräftigen Athleten dort an, um den König unter den Holzfällern zu ermitteln.

Männliche Athleten stehen viel stärker im Fokus

Eigentlich eine vermeintliche Männerdomäne. Jahrelang ging mit Pokoyski und der deutschen Meisterin Svenja Bauer nur ein weibliches Duo an den Start. Seit vergangenem Jahr ist die Zahl immerhin auf fünf deutsche Starterinnen gestiegen. Hinter den männlichen Kollegen stehen diese aber sowohl finanziell als auch im Ansehen noch deutlich zurück. Während die Männer zum Teil spezielle Show-Wettkämpfe absolvieren und auch im Fernsehen zu begutachten sind, ist das Interesse an den Frauen-Wettkämpfen gering.

Im Vordergrund steht für Nina Pokoyski aber ohnehin der Spaß an ihrem Hobby. Gerade, „dass es etwas ist, das nicht jeder macht“, stellt für sie einen besonderen Reiz dar. Früher spielte sie Fußball und Lacrosse - jetzt sägt und hackt sie auf Baumstämme ein. „Ich mag einfach das Drumherum, die Waldarbeit und den Geruch“, erläutert sie. Der massive Holzblock, den sie gerade mit der Säge bearbeitet hat, kommt von der Pappel - „das riecht irgendwie nach Biber“, sagt sie. Ihr Lieblingsgeruch stammt jedoch vom Walnussbaum.

Begünstigt wurde ihre Leidenschaft zudem durch den Beruf ihres Mannes. Ehegatte Clemens arbeitet als Förster. So fing die Holzfäller-Karriere von Nina Pokoyski 2009 auf einer Forstmesse in Hannover an. Dort entdeckte sie einen Hinweis auf einen Wettkampf und begeisterte sich spontan für die ungewöhnliche Sportart. „Ich fand es superspannend und habe mich sofort im Internet informiert, ob das auch Frauen machen dürfen“, erinnert sie sich. Dürfen sie. Und so nimmt Pokoyski seitdem an den Wettkämpfen der vom Motorsägen-Hersteller Stihl gesponserten „Timbersports Series“ teil, deren Saison im April beginnt.

Während die Männer in sechs Disziplinen gegeneinander antreten, gehen die Frauen in nur drei Disziplinen an den Start - beim „Underhand Chop“ (mit der Axt, auf einem liegenden Stamm stehend, diesen zerteilen), mit der „Stock Saw“ (Scheibenschneiden mit der Motorsäge) und mit der „Single Buck“ (Scheibenschneiden mit der Handsäge). Gefragt sind die richtige Technik, aber auch Kraft und Ausdauer. Für Pokoyski genau das Richtige, um sich „körperlich auszupowern“ und einen Ausgleich zum Alltag als zweifache Mutter zu schaffen.

Vorbild snd USA und Kanada

Gemeinsam mit ihrem Mann Clemens, den Söhnen Valentin (4) und Constantin (2) und den beiden Tickerteckel-Hunden Holly und Pia lebt die gelernte Rettungsassistentin in einem Haus in Elnhausen, verdient nebenbei etwas durch den Versand von Outdoor-Bekleidung und Hundebedarf. „Es ist nicht einfach dabei zu bleiben, wenn man Mutter wird“, sagt Pokoyski. Aufgrund ihres Familienlebens bleibt ihr zum Training deutlich weniger Zeit als ihren Konkurrentinnen.

Nach längerer Elternzeit möchte sie bald auch wieder in ihrem eigentlichen Beruf arbeiten. Aufgeben möchte sie das Holzfällen trotz allem aber nicht. Schließlich sind sogar die Kleinsten schon Fans ihrer Mutter und besitzen eigene Spielzeug-Kettensägen aus Plastik.

Stattdessen würde sie sich freuen, wenn ihre Sportart in Deutschland weiter verbreitet würde. Vorbild in dieser Hinsicht sind die USA und Kanada, wo Timbersports inzwischen sehr populär geworden sind und es zu einer College-Sportart gebracht haben. Dort, weiß Pokoyski, „machen das auch echt viele Frauen“.

von Peter Gassner

 
Timbersport Series

Die Stihl Timbersports Series ist ein internationaler Holzfällerwettbewerb. Entstanden sind die Holzfäller-Wettkämpfe um 1870 im australischen Tasmanien, wo Forst­arbeiter gegeneinander antraten. Von dort gelangte der Sport zunächst nach Australien, wo ihn der Motorgeräte­hersteller Stihl aufgriff. Seit 1985 wurden die Wettkämpfe durch den Veranstalter professionalisiert. Seit 2001 finden hierzulande deutsche Meisterschaften statt.

Die Männer, die den Großteil der Athleten ausmachen, treten in sechs Disziplinen gegeneinander an. Mit der Axt beim „Standing Block Chop“ (stehender Holzblock), dem „Underhand Chop“ (stehend auf einem quer liegenden Holzblock) und dem „Springboard“ (auf an einem Stamm befestigten Brettern stehend). Dazu mit einer konventionellen Handsäge beim „Single Buck“ (Scheibenschneiden) und mit einer Motorsäge bei der „Single Buck“ (Scheibenschneiden) und der „Hot Saw“ (Scheibenschneiden mit einer 27 Kilogramm schweren Säge). Die Frauen treten nur in drei Disziplinen an.

 
 
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