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Lokalsport Wenn der „Schiri“ zwei Schatten hat
Sport Lokalsport Wenn der „Schiri“ zwei Schatten hat
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09:01 31.03.2018
Mehmet Ayik steht links neben Tim Waldinger und beobachtet dessen Auftreten auf dem Platz. So soll der Schiedsrichter-Neuling ein Gefühl für seine zukünftige Aufgabe bekommen.  Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Die Fahnen auf dem Fußballplatz am Schröcker Elisabethbrunnen müssen an diesem Samstag einiges aushalten. Der Wind kommt von Süden und ist eiskalt. Zuschauer bibbern um die Wette. Wohl denen, die in Bewegung sind. Das trifft nicht nur auf die B-Junioren des FSV Schröck und der JFV Ebsdorfergrund zu, die ihre Kreisligapartie spielen, sondern auch auf die Schiedsrichter. Denn gleich zwei Unparteiische leiten das Spiel. Ein ungewöhnlicher Anblick, der jedoch einem höheren Ausbildungszweck dient.

Es ist der 17. März. Der Tag, an dem Mehmet Ayik sein erstes Fußballspiel leitet. Ayik ist einer von 14 Schiedsrichterneulingen, die im März zum ersten Mal in Aktion sind. Alle erhalten ihre Feuertaufe bei Juniorenspielen.
Wobei der 21-jährige Stadtallendorfer vom SV Grün-Weiß Emsdorf nur ein halbes Spiel pfeift, die zweiten 45 Minuten. So sieht es das Tandem-Konzept vor, das der Hessische Fußballverband (HFV) im Mai landesweit einführen will, und für das der Fußballkreis Marburg Vorreiter ist.

„In ihrem ersten Spiel sollen die Neulinge nicht mehr auf sich allein gestellt sein. Es soll ein fließender Einstieg sein, bei dem ein erfahrener Schiedsrichter ihm von Anfang bis Ende zur Seite steht und die erste Halbzeit pfeift“, erklärt Kreisschiedsrichterobmann Markus Bengelsdorff. Nur beim Debüt der Neulinge kommt das Tandem-Konzept zum Einsatz. Dieses wird von einem sogenannten „Schiedsrichterpaten“ vom Spielfeldrand aus beobachtet und analysiert. Der Pate ist nun also mittendrin statt nur dabei. Bengelsdorff schwört auf das neue Konzept.

Daneben stehen, beobachten, lernen

Vom Kontrollieren der Spielerpässe bis zum Ausfüllen des Spielberichts nach dem Abpfiff steht Ayik Schiedsrichter Tim Waldinger vom TSV Rauschenberg zur Seite. Der 22-Jährige pfeift bereits Spiele in der Verbandsliga der Senioren, kommt in noch höheren Ligen als Assistent zum Einsatz. Waldinger pfeift die erste Hälfte.

Anpfiff: Der 21-Jährige läuft dem älteren Schiedsrichter hinterher. Ayik ist Waldingers Schatten und soll dem erfahrenen Referee auf Schritt und Tritt folgen. Die Partie selbst verläuft ohne Aufreger. Der Spielverlauf ist eindeutig, die JFV drückend überlegen und gewinnt 4:0. Einzig in der 27. Minute wird es lauter. Ein Spieler von Ebsdorfergrund krakeelt lautstark, weil er über einen Freistoßpfiff gegen ihn erbost ist. Ein Fall für Waldinger, der den Spieler zu sich zitiert und mit der universellen Armbewegung für „Jetzt ist Schluss!“ und ­einigen deutlichen Worten den Akteur auf seinen Platz verweist.

Ayik steht daneben, beobachtet, lernt. Er sieht den Respekt, den die Spieler Waldinger entgegenbringen. Der 22-Jährige misst knapp zwei Meter. Ayik­ hat mit einer Körpergröße von 1,85 Metern diesen Luxus nicht.

Doch auch bei Schiedsrichtern kommt es nicht nur auf die Größe an. „Ich bin im wirklichen Leben ein sehr ruhiger Mensch. Aber ich weiß, dass ich auf dem Platz sehr energisch und manchmal auch laut sein muss. Das kriege ich hin“, versichert der 21-Jährige.

Warum er sich für den Schiedsrichterlehrgang, der am 18. Januar begann, gemeldet hat? „Ich kann wegen meiner Arbeit schon seit der C-Jugend nicht mehr spielen. Aber ich liebe Fußball. So bin ich wieder dabei“, erklärt der Stadtallendorfer.

Lob und konstruktive Kritik

In der 39. Minute korrigiert Ayik seinen Fehler selbst. Er ist zu weit von der Route namens „flexible Diagonale“ – der Laufweg eines Referees von einem Strafraumeck zum anderen – abgekommen. Näher am Geschehen sein zu wollen, ist eine natürliche Reaktion. Doch Waldinger gibt Folgendes zu bedenken: „In der Regel sollte man 15 bis 20 Meter vom Spielgeschehen entfernt sein. Dann hat man den besten Gesamtüberblick. Ansonsten ist man zu nah dran und hat nicht die beste Übersicht.“ Ayik guckt sich um, bemerkt, dass er vom richtigen Weg abgekommen ist und entfernt sich.

3:0 zur Pause und kaum kniffelige Situationen. Doch das kann sich ändern. Ayik sitzt in der Schiedsrichterkabine. Jetzt wird’s ernst. „Ein bisschen nervös war ich in der Halbzeit schon. Die Presse war da. Außerdem hat der HFV das Spiel mit Kamera aufgezeichnet. Aber auf dem Platz lief es gut“, erinnert sich der Debütant.

Waldinger lobt den Neuling, hat aber auch konstruktive Kritik, die er dem Stadtallendorfer nach der Partie liefert. Zwei Foulspiele pfeift Ayik nicht ab. „Der erfahrenere Schiedsrichter soll nur bei Entscheidungen wie Spielabbruch oder Platzverweisen eingreifen“, erklärt Waldinger.

Die Autorität des Debütanten soll nicht untergraben werden. „Er hat die Pfeife schon im Mund gehabt, dann aber doch nicht gepfiffen, weil sich niemand beschwert hat. Aber es waren Fouls“, meint der 22-Jährige. Doch wenn nach dem Spiel keiner über die Schiedsrichterleistung spreche, sei es meist ­eine gute Vorstellung gewesen.

Am 11. April wird Ayik dann völlig auf sich alleine gestellt sein, ohne Tandem-Partner sein erstes Spiel bei den E-Junioren pfeifen. Dann liegen die Herausforderungen nicht nur auf dem Platz, sondern er wird sich mit lautstarken Eltern herumschlagen müssen. „Ich werde das dann einfach ausblenden. Denn ich muss mich ja auf das Spiel konzentrieren und da freue ich mich drauf“, kündigt Ayik an.

von Benjamin Kaiser