Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / -3 ° Regenschauer

Navigation:
Vorsicht, ja - Verbot, nein

Kopfballspiel im Jugendfußball Vorsicht, ja - Verbot, nein

In den USA ist das Kopfballspiel im Fußball bis zu einem gewissen Alter inzwischen tabu. Vorsicht beim Erlernen ist auch hierzulande geboten. Doch von einem Verbot halten Trainer und Wissenschaftler wenig.

Voriger Artikel
Schlägerei überschattet tolles Finale
Nächster Artikel
Deutsches Pokalfinale steigt in Marburg

Nach Meinung von Experten spielt im Jugendfußball das Kopfballspiel eine untergeordnete Rolle.

Quelle: Archivfoto

Marburg. „Mit diesem Thema wird in verschiedenen Ländern unterschiedlich umgegangen“, erklärt Professor Dr. Ralph Beneke vorweg auf die Frage, ob beziehungsweise wie gefährlich das Kopfballspiel beim Fußball für Kinder ist. Der Leiter der Abteilung Medizin, Training und Gesundheit des Instituts für Sportwissenschaft und Motologie der Philipps-Universität Marburg wirft erst einmal einen schnellen Blick in aktuelle Studienergebnisse, ehe er die Sachlage eingehend analysiert.

US-Verband reagiert auf Sammelklage der Eltern

Doch von vorn: Seit November des vergangenen Jahres herrscht in den USA ein Kopfballverbot. Demnach dürfen Kinder bis einschließlich des zehnten Lebensjahres den Ball nicht mit dem Kopf spielen. Kids zwischen 11 und 13 Jahren ist das Köpfen zumindest im Training nicht erlaubt.

Damit reagierte der US-Fußballverband auf eine Reihe von Kopfverletzungen und eine Sammelklage einer Elterninitiative. Sinnvoll oder unsinnig? Darüber kann man durchaus streiten, sind Studienergebnisse zum Thema Kopfballspiel im Fußball doch keineswegs eindeutig.

Heimische Trainer, Wissenschaftler und Funktionäre haben aber nahezu dieselbe Meinung, was ein Kopfballverbot für Kinder angeht. „Ich halte die Problematik für ‚überhyped‘ und ein solches Verbot für übertrieben“, sagt Beneke.

Kopfball spielt nachgeordnete Rolle

Zum einen, weil das Kopfballspiel in einem Großteil der betroffenen Altersklassen - hierzulande sind dies die G-, F-, E- und D-Junioren - ohnehin selten Anwendung finde. „Wenn Kinder den Ball mit dem Kopf spielen müssen, ist meist etwas im Spiel schiefgelaufen“, sagt Beneke überspitzt. Zum anderen seien moderne Spielformen im Fußball darauf ausgerichtet, „Mannschaftsverhalten schnell zu etablieren und interaktiv zu agieren“. Der Kopfball spielt dabei eine nachgeordnete Rolle.

Trainiert werde der Kopfstoß gerade bei den unteren Altersklassen schon aufgrund von Ausbildungsrichtlinien nicht gezielt, berichtet Dirk Rei­möller. Der Sportliche Leiter und Verbandssportlehrer des Hessischen Fußball- Verbandes bildet Trainer aus und fort. „Bei den G- und F-Junioren kann man im Training Luftballons oder Softbälle nehmen, wenn man das Ziel verfolgt, die Angst vor dem Kopfball zu reduzieren“, erklärt Reimöller.

Man müsse sich bei aller Vorsicht aber darüber im Klaren sein, dass Fußball - wie viele andere Sportarten - kein Gesundheitssport ist und Bewegungen enthält, „die nicht gesund sind“. „Prinzipiell gehört der Kopfball zum Spiel. Also muss man den Körper ab einem gewissen Alter darauf vorbereiten“, gibt Rei­möller zu bedenken.

Das sieht auch Thorsten Müller, Trainer am DFB-Stützpunkt Marburg, so. „Wenn man Stabi­lität, Technik und die nötige Muskulatur nicht trainiert, ist die Verletzungsgefahr größer. Allerdings würde ich lange, mit Schärfe und Druck geschlagene Flanken nicht ins Training einbauen und nicht verlangen, dass ein Spieler den Kopf hinhält“, zählt auch für Müller, dessen knapp 40 Schützlinge zwischen 11 und 14 Jahre alt sind, das richtige Maß - und der richtige Ball sowie dessen Größe, Gewicht und Beschaffenheit.

Korrekt aufgepumpte Bälle sind entscheidend

Erst ab der C-Jugend wird mit einem üblichen 430-Gramm- Ball gespielt. Die D-Junioren (350 Gramm) und G- bis E-Junioren (290 Gramm) spielen mit gewichtsreduzierten Bällen, die sich zudem nicht mit Wasser vollsaugen, wie es früher üblich war. „Wichtig ist, dass der Ball nicht zu hart, aber auch nicht zu platt ist. Denn dann kann es sein, dass man schlechte Erfahrungen macht“, betont der Stützpunkt-Coach.

„Die richtigen Bälle halte ich für entscheidend“, sagt auch Thomas Koch, Jugendleiter der SF BG Marburg, die im Kreis gerade im Bereich der unteren Altersklassen mit am besten aufgestellt sind - qualitativ wie quantitativ. Trotz der Tatsache, dass der Kopfstoß „zur Natur des Spiels“ gehört, „trainieren wir ihn bis zur E-Jugend nicht gezielt - und wenn, dann höchstens mit Softbällen“, sagt Koch. Ein Kopfballverbot spreche man aber nicht aus.

Eine neuere Untersuchung der Universität Toronto belegt, dass Zusammenstöße mit anderen Spielern oder etwa dem Torpfosten gefährlicher als das Kopfballspiel sind - „insbesondere wenn es unerwartet zu einem Zusammenprall kommt“, sagt Beneke. Beim Universitätsklinikum Gießen/Marburg (UKGM) war trotz mehrfacher Anfragen niemand zu einer Stellungnahme zu erreichen.

von Marcello Di Cicco

Voriger Artikel
Nächster Artikel
../dpa-ServiceLine-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-170407-99-988532_large_4_3.jpg
Fotostrecke: Drei Optionen für ein Orientierungsjahr