Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Lokalsport Vorfreude auf Fußballfest im eigenen Land
Sport Lokalsport Vorfreude auf Fußballfest im eigenen Land
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 06.10.2018
Ausgelassen war die Stimmung in Marburg, als Deutschland 2014 Weltmeister wurde. Auch für die EM 2024 in Deutschland ist der Wunsch nach einem Fußballfest groß. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Die Bewerbung des Deutschen Fußball-Bundes erhielt am vergangenen Donnerstag den Zuschlag für die Ausrichtung der übernächsten „Euro“. Die Türkei ging zum wiederholten Male leer aus.

„Ich finde es richtig, dass wir die EM bekommen haben“, sagt einer, der bei der letzten EM im eigenen Land, 1988, das Tor der deutschen Nationalmannschaft hütete: Eike Immel. Der 57-Jährige engagiert sich heute wieder bei seinem Heimatverein TSV Eintracht Stadtallendorf, ist zu Hause wie auswärts (fast) immer dabei, wenn der zurzeit kriselnde Regionalligist auf Traditionsklubs wie Waldhof Mannheim, 1. FC Saarbrücken oder Kickers Offenbach trifft. Auf „ein Fußballfest für alle“ freut sich der ehemalige Keeper – und ist nicht der Einzige, der ins Schwärmen gerät, wenn er sich an das WM-Sommermärchen 2006 in Deutschland erinnert.

Schöne Erinnerungen an Euro 1988

„Diese WM habe ich schon sehr genossen. Das war ein einzigartiges Erlebnis“, sagt TSV Ernsthausens Vorsitzender und Marburgs Kreisjugendfußballwart Reiner Schrauf, der seinerzeit noch Jugendtrainer der JSG Emsdorf/Langenstein war und sich zwar nicht auf einen exorbitanten Zulauf junger Fußballer erinnert, aber allerorts an große Begeisterung. Immel formuliert es so: „Die Welt hat damals gesehen, dass wir keine humorlosen Bürokraten sind.“ Noch ein ganzes Stück größer als bei der EM 1988 sei die Euphorie gewesen.

Immel erinnert sich an eine „Euro“ 1988, die „gigantisch“ gewesen sei: „Als wir vom Mannschaftshotel ins Stadion fuhren, säumten hunderttausende Menschen die Straßen und haben uns zugejubelt.“ Dreimal in der Gruppenphase und einmal in der K.-o.-Runde erlebten Immel, Lothar Matthäus und Co. solche Szenen – bis die DFB-Elf im Halbfinale mit 1:2 an den Niederlanden scheiterte und schließlich zusehen musste, wie die Elftal mit einem 2:0-Finalsieg gegen die Sowjetunion den Titel mit nach Hause nahm.

Tezgider: Erdogan hat EM nicht verdient

Groß wäre die Euphorie bei der Austragung eines solchen Turniers sicher auch in der Türkei gewesen, wo Fußball Volkssport ist. Angesichts der politisch brisanten Lage in der Türkei hält Ugur-Hakan Tezgider – wie Eike Immel – die Entscheidung der Uefa, die EM nicht an die Türkei zu vergeben, für nachvollziehbar.

„Den Menschen dort hätte ich die EM gegönnt“, sagt der 29-jährige Tezgider, „aktuell ist es aber besser so. Wer Menschenrechte so missachtet wie der türkische Staatschef (Recep Tayyip Erdogan, Anmerkung der Redaktion), der hat es nicht verdient, noch mit der EM belohnt zu werden. Das wäre nur eine Form der Wertschätzung gewesen“, sagt der Vorstandsvorsitzende des FC Intertürk Neustadt, der zu etwa 90 Prozent türkische Kicker in seinen Reihen hat, sich aber ausdrücklich als Verein für Fußballer aller Nationen versteht.

Immel: EM tut deutschem Fußball gut

In der türkischen Gemeinschaft hierzulande seien 
die Meinungsverschiedenheiten bezüglich der EM-Vergabe groß, einen Rückschlag für den türkischen Fußball befürchtet Tezgider aber nicht. „Die Türkei war schon vorher auf einem guten Weg, was man nicht nur an den Stadien sieht. Es wird sich nichts zurückentwickeln“, meint der 29-Jährige, der in Marburg geboren ist und wie seine Eltern türkischer Staatsbürger ist, aber einen Antrag auf die deutsche Staatsbürgerschaft gestellt hat.

Immel ist überzeugt, dass die EM „dem deutschen Fußball guttun wird“, hätte die Bundesliga im internationalen Vergleich doch zuletzt Boden verloren – etwa gegenüber der spanischen Primera Divison oder der englischen Premier League. Auf einen Aufschwung im Jugendbereich hofft derweil Kreisjugendwart Schrauf, warnt er doch gerade bei den A- und B-Junioren vor rückläufigen Spielerzahlen, was für die Vereine vor Ort eine „ganz große Gefahr“ für die Zukunft darstelle – zumal die Zahl der am Spielbetrieb teilnehmenden Vereine in den vergangenen Jahren schon abgenommen habe.

U-17-Nationalspieler würde „nicht nein sagen“

Eike Immel ist überzeugt, dass junge Spieler nun für das Turnier im eigenen Land besonders motiviert sind. „Jeden Spieler, der heute 17 oder 18 Jahre alt ist, wird diese Entscheidung enorm pushen“, sagt der Ex-Torwart. Jonas Pfalz kann dies bestätigen. Der gebürtige Wehrdaer zählt mit seinen 17 Lenzen zu den größten Talenten aus dem hiesigen Landkreis, spielt derzeit mit Borussia Mönchengladbach in der U-19-Bundesliga West und verbucht neun Einsätze in der deutschen U-17-
Nationalelf auf seinem Konto.

Im Sommer 2024 wäre der offensive Mittelfeldspieler 23 Jahre alt und „würde nicht nein sagen“, wenn er bei der Europameisterschaft dabei wäre. Doch auch er weiß, dass der Weg noch weit ist. Etwas Profiluft schnuppern durfte Jonas aber schon. In der vergangenen Länderspiel-Pause Anfang September wurde der Linksfuß bei einem Testspiel der „Fohlen“ in Willingen gegen Zweitligist VfL Bochum (2:1) in der 41. Minute für Raffael eingewechselt und spielte bis zum Ende durch. „Mit Spielern wie Oscar Wendt oder Christoph Kramer zu spielen, war schon klasse“, schwärmt Jonas Pfalz.

von Marcello Di Cicco