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Lokalsport Von Nettigkeiten und Morddrohungen
Sport Lokalsport Von Nettigkeiten und Morddrohungen
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00:16 03.01.2019
Nach dem Abpfiff der B-Liga-Partie zwischen dem SV Schönstadt und dem VfR Niederwald kam es auf dem Fußballplatz in Schönstadt zu Tumulten.  Quelle: Marcello Di Cicco
Schönstadt

„Es ist heute das erste Mal vorgekommen, dass ich bei einem Spiel Morddrohungen erhalten habe“, sagt Andreas Stey (30), inzwischen schon wieder etwas gefasst, als er in seiner Kabine sitzt und tief durchatmet. Keine Stunde ist es her, dass er über einen Spielabbruch nachdachte, dass er massiv bedroht und körperlich attackiert wurde, dass er von Spielern wie Platzordnern geschützt und vom Spielfeld begleitet werden musste. Für ihn einmalig in seiner 14-jährigen Karriere als Unparteiischer. Doch von vorn.

Es ist der 3. Oktober, Tag der Deutschen Einheit. Ein Feiertag, der in den hiesigen Amateurklassen genutzt wird, um Spieltage auszutragen. So auch in der Kreisliga B Marburg I, einer von drei Ligen, die die unterste Klasse im Punktspielbetrieb des Fußballkreises Marburg darstellen. Etwa 40 Minuten vor dem Anpfiff schlägt Stey am Schönstädter Vereinsheim am Ortsrand auf.

„Andreas Stey, Schiedsrichter“, stellt sich der 30-Jährige vor und wird um das Gebäude herum in dessen Untergeschoss begleitet, in den Kabinentrakt, wo er seine Grußformel bei Heim- und Gästemannschaft zum Check der Spielkleidung wiederholt. Der Umgang miteinander ist locker und freundlich – noch.

„Die Schiedsrichterkabine gehört zu den schöneren“

Da sitzt er nun, der großgewachsene, schlanke Stey, selbst Spielertrainer bei der zweiten Mannschaft des A-Kreisligisten FV Wehrda, gleicht Spielberichtsbogen mit den Spielerpässen ab. „Diese Schiedsrichterkabine gehört zu den schöneren“, sagt Stey über den etwa 1,5 x 3 Meter großen Raum, in dem sich neben Sitzbank, Spiegel, Kleiderhaken, Heizkörper und Waschbecken eine Dusche befindet – und den er ganz für sich allein hat, denn „neutrale“ Assistenten gibt es in dieser Liga nicht.

„Vor den Spielen schaue ich mir Tabellensituation und Fairnesstabelle an.“ Der Tabellenvierte empfängt den Liga-Zehnten. Mit ein paar Linien seines roten Kugelschreibers funktioniert Stey den Bogen mit den Mannschaftsaufstellungen in seine ganz eigene Spielnotizkarte um. Es wird von Vorteil sein, bietet das zweckentfremdete Papier doch mehr Platz für Notizen.

Nach der Kontrolle beider Tornetze, der Linien und des Geläufs bleiben noch ein paar Minuten Zeit bis zum Anpfiff. Zeit, um über „die Schiedsrichterei“ zu sprechen. „Die schönsten Spiele sind die, in denen der Schiedsrichter eine Randfigur ist und in denen die Spieler im Mittelpunkt stehen. Allerdings muss man als Schiedsrichter der Chef auf dem Platz sein.

Akzeptanz verschafft man sich mit klaren Gesten und Laufbereitschaft“, meint Stey und schiebt eine Einschätzung hinterher, die genau das auf den Punkt bringt, was an diesem Tag noch geschehen wird: „Schiedsrichter werden heutzutage weniger als Menschen wahrgenommen, sondern als Konfliktpunkt.“

Spielverbot für den VfR Niederwald

Lesen Sie hier unseren Bericht über das Spielverbot für den VfR Niederwald.

Eine kurze Ansprache an beide Mannschaften vor dem Einlaufen. Abklatschen mit allen Spielern. Durchzählen. Anpfiff. Binnen 36 Minuten gehen die Gäste aus Niederwald mit 3:0 in Führung und konterkarieren damit den Spielverlauf. Sonne und Wolken wechseln sich an diesem frühen Herbstnachmittag ab. Gut 100 Zuschauer säumen das an den äußeren Begrenzungen mit etwas Herbstlaub bedeckte Grün, rauchen eine Zigarette, trinken etwas oder essen eine Bratwurst – und so mancher kommentiert das Geschehen. Auch lautstark.

„Gut gesehen“, aber auch „Das nächste Mal: Augen auf!“ klingt es dem Referee entgegen, der sich inzwischen mit einem Handgriff mehrmals des Vorhandenseins seiner Karten vergewissert, war ihm seine Rote Karte in der 6. Minute doch aus der Gesäßtasche gerutscht.

Erst in der 39. Minute kommen die farbigen Kartons erstmals zum Einsatz. Dann allerdings Schlag auf Schlag. Gab es bislang von Stey nur kleinere Ermahnungen oder ihm gegenüber mal ein „Das ist nicht Ihr Ernst?“, ist der Calderner nun richtig gefordert. Innerhalb von fünf Minuten zückt er allein gegen die Gäste dreimal die Gelbe und einmal die Gelb-Rote Karte – wegen „Unsportlichkeit“, wie es im Fachjargon heißt.

Stey wird einen Sonderbericht schreiben

„Der Spieler hat zweimal die Zuschauer beleidigt, weil sie das Spiel kommentiert hatten. Wer 2,50 Euro Eintritt zahlt, darf seine Meinung kundtun“, wird Stey in der Halbzeitpause erklären. Spätestens jetzt steht fest: Stey wird einen Sonderbericht schreiben. Denn ihm gegenüber seien teils arge Beleidigungen vonseiten des sanktionierten Spielers gefallen: „Nuschelhannes“ habe eine gelautet, „ein Vogel vor dem Herrn“ die andere.

Auf dem Weg in die Kabine fragt ein Zuschauer, was es mit der „Ampelkarte“ auf sich hatte. Stey gibt Auskunft – und holt sich eine Apfelschorle am Getränkestand. Zwölf Minuten durchatmen heißt es nun auch für den unparteiischen Mann, der einen Drei-Tage-Bart trägt, seine dunkelblonden Haare seitlich kurz geschnitten und in der Mitte nach hinten gegelt hat und bis auf sein blaues Trikot komplett in schwarz gekleidet ist.

„Das Spiel ist ihm schon in der ersten Hälfte entglitten. Er hat Brisanz in die Partie gebracht“, wird Niederwalds Sportlicher Leiter Niklas Noeth später Steys Leistung beurteilen. Nach Wiederanpfiff wird es zusehends hitziger – auf, aber auch neben dem Platz. Einen Foulelfmeter bekommt der VfR kurz nach dem 1:3 (51. Minute) verwehrt (57.).

Im weiteren Verlauf gerät der Unparteiische stärker ins Visier der Kritik, greift nach dem 1:4 (59.) und 2:4 (61.) häufiger in seine Brusttasche, um Gelb zu zücken und lässt einen bereits verwarnten Niederwälder Spieler vom eigenen Kapitän ermahnen. Es ist nicht das erste Mal, dass Stey die Macht der Worte nutzt, um die Kontrolle über die nun emotionsgeladene Partie zu behalten.

"Dreckige Mistgeburt" und Handgreiflichkeiten

„Der Schiedsrichter hat vor dem Spiel eine klare Ansage gemacht, dass er Meckern bestraft. Das hat er auch durchgezogen. Er ist seiner Linie treu geblieben“, stellen Schönstadts Spielertrainer Nils Däuwel und Co-Trainer Fabian Groß nach dem Abpfiff fest.

„Schämen solltest du dich!“, ruft ein Zuschauer in der 78. Minute. Es ist die Reaktion auf Steys Entscheidung, der Heimelf einen Foulelfmeter zuzusprechen, den der SV zum 3:4 verwandelt. Wieder sei Stey im Zuge dessen beleidigt worden. Unter anderem als „dreckige Missgeburt“ habe ihn der VfR-Spieler beschimpft, der – nach einer Verwarnung kurz vor der Ausführung des Strafstoßes – nach dem Treffer Gelb-Rot sieht und sogar handgreiflich gegenüber Stey wird, als er ihn im Zorn umschubst. Stey steht schnell wieder auf, ist schockiert, ringt um Fassung. „Da war ich am Überlegen, das Spiel abzubrechen“, verrät der 30-Jährige später.

Zur Erinnerung: In diesem Spiel fällt keine Entscheidung um die Tabellenführung, schon gar nicht um Auf- oder Abstieg. Es ist kein Derby, kein Nachbarschaftsduell, in dem Prestige im Vordergrund steht. Es geht einzig und allein um Punkte. Maximal drei an der Zahl. In einer frühen Saisonphase. Die Stimmung in der Schlussphase ist aufgeheizt. „Denen haben sie doch was ins Essen gemischt“, echauffiert sich ein Zuschauer über die Zweikampfführung der Gäste. Eine Gelbe, Gelb-Rote Karte und einen Foulelfmeter gegen den VfR zum 4:4-Endstand (88.), dann überschlagen sich die Ereignisse, als Stey nach 95 Minuten die Partie abpfeift.

Die Situation wird rapide unübersichtlicher

Zwei Rote Karten nach Beleidigungen kurz nach Abpfiff zückt der Unparteiische gegen Gästespieler. Von Morddrohungen wie „Ich schlag‘ dich tot!“ oder Verunglimpfungen wie „Wichser“ und „Hurensohn“ ihm gegenüber spricht der Spielleiter später – ebenso von zwei Tritten eines Spielers gegen sein Bein.

Doch damit nicht genug. Die Situation wird rapide unübersichtlicher. Während einige Spieler erschöpft auf dem Boden sitzen, wird Stey nur wenige Meter entfernt von Niederwälder Spielern und einem Verantwortlichen gute 20 Meter bis zur Grundlinie gedrängt. Die Angst steht ihm ins Gesicht geschrieben. Wieder seien Beleidigungen und Drohungen gefallen. Eine davon: „Dich pack‘ ich noch, dann ist es aus mit dir!“

Erst als ein VfR-Spieler und Kicker der Heimmannschaft dazwischengehen, den Referee schützend in ihre Mitte nehmen und als Platzordner den Schiedsrichter im großen Bogen zurück zur Kabine begleiten, entspannt sich kurzzeitig die Situation. Auf der asphaltierten Straße, die Sportplatz und Vereinsheim voreinander trennt, hält plötzlich ein VfR-Spieler den Schiedsrichter und seine Begleiter an.

„Dafür habe ich keine Worte. Ich kann mich nur entschuldigen“, sagt er zu Stey und atmetet resignierend durch. Nach einem weiteren kurzen Tumult samt Beleidigungen am Eingang zum Kabinentrakt kommt Stey langsam runter. „Das ist neu für mich“, atmet er tief durch, nimmt einen Schluck aus der Wasserflasche und zieht an seiner Zigarette, von denen er heute ein paar mehr als sonst benötigt, um die Ereignisse zu verarbeiten.

Der erste Schock ist verarbeitet

Einige Schönstädter Spieler und Verantwortliche setzen sich nach und nach am Eingang des Kabinentraktes rings um Stey, nehmen sich ein Getränk aus dem Kasten der Mannschaft, sprechen mit ihm: zunächst nur über das Spiel. „Die waren ja schon vorher Letzter in der Fairness-Wertung“, stellt ein Schönstädter Kicker fest, ehe die Runde im weiteren Verlauf, als der erste Schock verarbeitet ist, auch über Steys Trainertätigkeit in Wehrda spricht. Plötzlich läuft ein Niederwälder Spieler den Fußweg zu den Kabinen hinab und zwischen allen Beteiligten hindurch. Es wird ruhig.

„Ist jemand gestorben?“, fragt er gut gelaunt. Keine Antwort aus der Runde. Stey indes wirft immer wieder eine andere Frage in den Raum: Hätte er mehr deeskalieren können? „Ich war so gut wie möglich auf Ballhöhe, habe versucht, Ruhe ins Spiel zu bringen, indem ich am Ende die Freistöße langsam ausführen ließ und darauf geachtet habe, dass es keine Schubserei bei den Tornetzen gibt“, reflektiert der 30-Jährige.

Inzwischen schreibt er in seiner Kabine seine Notizen ins Reine und duscht sich anschließend, ehe er – nach kurzer Wartezeit im Vereinsheim – mit dem Laptop den elektronischen Spielbericht ausfüllt. Allein die Karten-Bilanz hat es in sich.
Zweimal Gelb für Schönstadt, zweimal Rot für Niederwald (jeweils wegen Beleidigungen/Bedrohungen), dreimal Gelb-Rot (zweimal wegen „Unsportlichkeit“, einmal wegen wiederholten Foulspiels) für Niederwald und fünfmal Gelb für Niederwald. Macht zwölf Strafen. „Im Sonderbericht werde ich binnen 24 Stunden nach Abpfiff alles abarbeiten“, erklärt Stey, der vorab telefonisch Klassenleiter Peter Schmidt über die Vorfälle informiert. Bei einer weiteren Zigarette lässt er sein 478. Spiel als Schiedsrichter Revue passieren.

„Jede Woche brauche ich das nicht“

„Jede Woche brauche ich das nicht.“ Warum es immer wenige Schiedsrichter gebe, zeigen solche Spiele. „Und jetzt stelle man sich vor, dass ein Anfänger ein solches Spiel geleitet hätte“, bemerkt Stey. Nach vier Stunden und 15 Minuten ist er beendet, der Einsatz, für den es 22 Euro Spesen und 30 Cent pro Fahrtkilometer gibt: macht in Steys Fall 34 Euro. Nicht viel. Aber des Geldes wegen mache er den Schiedsrichter-Job ohnehin nicht. Als sich der Calderner nach der Eingabe des elektronischen Spielberichtes in der Vereinskneipe verabschiedet, ruft ihm ein Gast im Rausgehen freundlich hinterher: „Komm‘ gut heim! – muss man Schiedsrichtern heutzutage ja sagen.“

von Marcello Di Cicco