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Vom Scheitern und Weiterschwimmen

Ärmelkanalquerung Vom Scheitern und Weiterschwimmen

Eine Mandelentzündung wurde Nathalie Pohl bei der Querung des Ärmelkanals zum Verhängnis. Sechs Kilometer vor dem Ziel musste die Schwimmerin abbrechen. „Ich werde es wieder tun“, sagt sie im OP-Gespräch.

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Nathalie Pohl während ihrer Querung der „meistbefahrenen Wasserstraße der Welt“, dem Ärmelkanal.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. 32 Kilometer. So weit ist es vom Shakespeare Beach in Südengland bis zum Cap Gris Nez in Nordfrankreich. „Der Ärmelkanal gilt als der Mount Everest unter den Schwimmern“, sagt Joshua Neuloh. „Wer ihn durchqueren will, muss richtig viel und speziell trainieren.“

Seit zweieinhalb Jahren trainiert Neuloh mit Nathalie Pohl ( Foto: Thorsten Richter), die im letzten Jahr zu Marburgs Sportlerin des Jahres gewählt wurde (die OP berichtete), für die Ärmelkanalquerung.
Im Juni 2014 erreichte sie beim international top besetzten „New World Harbour Race“ in Hongkong den dritten Platz.  Im Juli 2014 durchschwamm sie so schnell wie keine andere Schwimmerin vor ihr den Bodensee in der Breite und im Juni dieses Jahres gewann sie das Langstreckenrennen „Cologne 12“.

Nathalie Pohl trainiert hart. Bis zu drei Stunden pro Tag verbringt sie im Wasser.  Die Zeit, die bleibt, investiert sie in ihr BWL-Studium. „Schwimmen ist mein Hobby“, antwortet sie auf die Frage, welche Hobbys sie habe. „Manchmal muss man sie fast überreden, auch mal etwas anderes zu machen, wie zum Beispiel shoppen gehen“, fügt Neuloh hinzu. Wasser ist ihr Element und lange Strecken wie die durch den Bodensee sind ihre Leidenschaft. Auf der Suche nach einem „neuen Abenteuer“ kam Neuloh schließlich auf die Idee, seinen Schützling den Ärmelkanal durchschwimmen zu lassen.

"Es ist so, als würde man nach dem Frühstück in eine kalte Badewanne steigen und erst am Abend wieder aussteigen“

„Der Ärmelkanal ist die meistbefahrene Wasserstraße der Welt“, weiß er. Bis zu 500 Schiffe kreuzen den Kanal pro Tag. „Das ist für die Schwimmer ungefähr so, als würden sie versuchen, als Fußgänger während der Rushhour die B3 zu überqueren.“ Erschwerend kommt hinzu, dass Wetter, Wind und Strömung oft unvorhersehbaren Änderungen unterliegen und auch im Sommer die Wassertemperatur kaum über 17 Grad ansteigt und dadurch Unterkühlung droht. „Es ist so, als würde man nach dem Frühstück in eine kalte Badewanne steigen und erst am Abend wieder aussteigen.“

Doch trotz der vielen Herausforderungen ist Nathalie Pohl begeistert von seiner Idee. Sie trainiert härter, um sich auf Kälte vorzubereiten und ihre Nahrungsaufnahme zu perfektionieren. Zudem durchschwimmt sie den Edersee und nimmt an einem Trainingscamp in Mallorca teil. Doch zwei Wochen vor dem großen Tag droht ihr großer Traum zu platzen: Sie erkrankt an einer Mandelentzündung. Statt Schwimmen ist Bettruhe angesagt.

Zwei Wochen später hat sie sich so weit erholt, dass sie nach Dover fährt. Dort angekommen ist das Wetter jedoch so schlecht, dass sie eine Woche warten muss. Am 30. August ist es endlich soweit. Um 7.30 Uhr steigen Nathalie Pohl und Joshua Neuloh an Bord eines Bootes der Channel Swimming and Piloting Federation (CS&PF), die seit mehreren Jahren die offiziellen Querungsversuche der Schwimmer begleitet, um notwendige Rettungsmaßnahmen durchzuführen und Zeiten und Rekorde zu registrieren. Keine dreißig Minuten später ist Nathalie Pohl im Wasser.

"gendwann schwimmt man nur noch ohne nachzudenken“

Am Anfang läuft es gut. Nathalie kommt gut voran. „Natürlich war es windig und kalt, aber für den Ärmelkanal waren es gute Bedingungen“, sagt Neuloh. „In den ersten Stunden hat sogar die Sonne geschienen“, erinnert sich Pohl, die sich Stunde um Stunde durch den Kanal schlägt. „Am Anfang denkt man noch viel nach, zählt die Atemzüge, schaut sich die Landschaft an oder die Schiffe, die an einem vorbeifahren. Aber irgendwann schwimmt man nur noch ohne nachzudenken.“

Das Schwimmen fällt ihr zunehmend schwerer. „Ich habe die ganze Zeit die Boot-Abgase eingeatmet und immer mehr Salzwasser geschluckt. Hinzu kam, dass ich durch die Mandelentzündung immer noch geschwächt war“, berichtet sie. Neuloh macht sich Sorgen. Nach 11 Stunden und 35 Minuten bricht er die Querung schließlich ab.  Sechs Kilometer vor der französischen Küste. 

Wie sie aus dem Wasser gekommen ist, daran kann sich Nathalie nicht mehr erinnern. „Ich bin irgendwann auf Deck zu mir gekommen.“ Inzwischen hat sich Nathalie Pohl erholt und das Schwimmtraining wieder angefangen.

Ihre Kanalquerung bereut sie nicht. Im Gegenteil: „Es war die richtige Entscheidung und ich würde es immer wieder tun und werde es wieder tun.“

von Ruth Korte

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