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Vier für Rio: Vorfreude und Bedenken

Goalball bei den Paralympics Vier für Rio: Vorfreude und Bedenken

Das Maracanã-Stadion. Ein legendärer Ort. Hier wird die Geschichte der Goalballmannschaft mit dem Einlauf unter der deutschen Fahne beginnen. Ein besonderes Abenteuer – auch für das Trainerteam.

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Das Goalball-Trainierteam für Rio: Tobias Vestweber (Videoanalyst, von links), Johannes Günther (Cheftrainer), Anna Heller (Physiotherapeutin) und Stefan Weil (Co-Trainer). Foto: Dennis Siepmann

Marburg. 2009 lag der Sport am Boden. Zumindest in Deutschland. Abstieg – das Team international nur noch zweitklassig. Genau in dieser schwierigen Zeit übernahm Johannes Günther das Kommando bei der Nationalmannschaft zusammen mit Stefan Weil als Co-Trainer. Beide waren zuvor schon vier Jahre als Trainer an der Blista in Marburg tätig. „Wir haben wirklich einiges auf den Deckel bekommen“, sagt Günther über die ersten Erfahrungen als Cheftrainer. Heute kommt ihm dieser Satz sogar mit einem Grinsen über die Lippen. Denn in den vergangenen sechs Jahren hat sich viel getan im deutschen Goalball.

Marburg hat sich zu einem Zentrum des Sports entwickelt und trägt mittlerweile sogar den offiziellen Titel „paralympischer Trainingsstützpunkt“. Drei der sechs Nationalspieler haben deshalb ihren Lebensmittelpunkt in die Unistadt verlegt, um hier unter professionellen Bedingungen trainieren zu können.

Besondere Unterstützung erhalten die Goalballer vor allem von der Uni, sagt Günther. Dazu gehört sogar ein bisschen Rio-Feeling: Ein Teil des Hallenbodens in der Uni-Sporthalle, der extra gekauft wurde, ist derselbe, den die Sportler auch in der Future Arena in Rio de Janeiro vorfinden werden. Möglich macht dies ein gemeinsames Projekt mit der Sportmedizin der Universität Marburg unter der Leitung von Professor Ralph Beneke. Sind die Sportler einmal nicht in der Halle anzutreffen, trainieren sie im Vita-Fitness. Bei einer Verletzung kümmert sich Arzt Mathias Schierl um die Sportler, der auch mal seine Freizeit für das Team opfere. „Wir sind total froh über diese vielen Helfer“, sagt Günther. Eine weitere Stütze ist die Arbeit von Videoanalyst Tobias Vestweber, der seit 2013 Teil des Teams ist. „Er zeigt uns die Stärken und Schwächen unserer Gegner auf dem Präsentierteller“, sagt Günther.

Mit den professionellen Strukturen wird der Aufwand für das Trainerteam natürlich auch immer größer – gerade in Vorbereitung auf die Paralympics, die am 7. September beginnen. Bis zum Abflug der Boeing 747 am 31. August wird täglich trainiert. Alles dreht sich um die Spiele. Es gab eine offizielle Einkleidung, diverse Impfungen und sogar einen Leitfaden zum Auftreten vor Ort für die Rio-Fahrer. Wird das nicht langsam alles etwas viel?

„Wenn es keinen Spaß mehr machen würde, wären wir schon längst nicht mehr dabei“, sagt Günther. „Es ist immer noch ein Hobby, aber natürlich auch ein bisschen mehr“, ergänzt Co-Trainer Stefan Weil. Klar müsse man viel Zeit investieren, um den Spagat zwischen Privatleben und Sport hinzubekommen.

Das Trainer-Team aus Marburg ist über die Jahre immer näher zusammengerückt. „Sicherlich sind wir vier mehr als eine Zweckgemeinschaft“, sagt Anna Heller. Als Physiotherapeutin begleitet sie das Team seit nunmehr fünf Jahren. Fast immer mit dabei ist ihr Töchterchen Antonia. Die Vierjährige wächst mit Goalball auf. Auf Wettkämpfen kann es dann auch mal passieren, dass die Zuschauer von der Kleinen mit einem „Quiet please“ bedacht werden, wenn sie zu laut sind. Eine nette Geschichte, die zeigt, wie vertraut das Betreuerteam ist.

Gedanken machen sich die Marburger um die Sicherheit in Brasilien. Nachrichten von vermeintliche Überfällen auf Sportler und Touristen oder dem tragischen Unfalltod des deutschen Kanu-Trainers Stefan Henze sind präsent. „Henze war ja sozusagen einer von uns. Ein Teil des deutschen Teams. Er fuhr den selben Weg, den wir auch fahren werden. Dass macht einen schon nachdenklich“, sagt Günther.

Natürlich beobachten die Marburger auch die laufenden Wettbewerbe der Olympischen Spiele. Dabei rückten besonders die Zuschauer in den Fokus. „Es ist schon auffällig, dass viele Athleten, gerade wenn sie gegen Brasilianer antreten, ausgepfiffen werden. Damit müssen wir wohl auch rechnen“, sagt Günther, der bereits die Partie gegen den Gastgeber in der Gruppenphase vor Augen hat.

Gespielt wird in Rio in zwei Gruppen à fünf Mannschaften. Die deutsche Goalball-Auswahl trifft im Auftaktspiel auf Afrikameister Algerien. Danach folgen die Spiele gegen Schweden und Kanada und eben Brasilien. Für Johannes Günther ist diese Konstellation sogar „Losglück“: „Die Favoriten sind allesamt in der anderen Gruppe.“ Im weiteren Verlauf des Turniers spielen die ersten Vier jeder Gruppe über Kreuz das Viertelfinale aus. Das Erreichen dieser Runde ist das Minimalziel des Trainerteams. Denn „im Viertelfinale bekommen wir dann auf jeden Fall einen Brocken“, ist sich Günther sicher.

Es seien vor allem die Gegensätze – besonders zwischen Arm und Reich, denen man vor Ort wohl begegnen wird, meint Anna Heller. „Ich gehe von einer bombastischen Eröffnungsfeier aus, aber rechne auch damit, vielleicht mal kein warmes Wasser auf dem Zimmer zu haben“, sagt die Physiotherapeutin. „Keiner von uns war bisher in einem Schwellenland“, ergänzt Weil.

Auch wenn es einige Unwägbarkeiten gibt, wird sich das Marburger Team aber nicht im Olympischen Dorf verkriechen. Für die Übergabe einer Spende geht es mit einem ortskundigen Führer in die Favela Vidigal. Dem Team gehe es darum, den Menschen vor Ort etwas zurückzugeben, erklärt Günther: „Wir sind gerade dabei, die 2000 Euro zu knacken“, sagt der Cheftrainer. Das Geld ist für die Kindertagesstätte Santa Clara bestimmt, die sich die Marburger dann auch vor Ort anschauen werden.

von Dennis Siepmann

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