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Viele Ursachen für das Schwimmer-Debakel

Olympia-Analyse Viele Ursachen für das Schwimmer-Debakel

Falsche Vorbereitung, unzureichende Förderung, fraglicher Qualifikationsmodus - geht es nach heimischen Trainern und Wissenschaftlern, ist die Pleite der deutschen Beckenschwimmer in Rio hausgemacht.

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Marco Koch im olympischen Becken von Rio. Zu einer Medaille hat es für die hessische Schwimmhoffnung nicht gereicht.

Quelle: Michael Kappeler

Marburg. Für die deutschen Schwimmfans hielten die vergangenen Tage viele Enttäuschungen bereit: „Medaille verpasst - Sieg sowieso“, hieß es für Marco Koch, Paul Biedermann und Franziska Hentke, die Vorzeigeathleten des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV). Gründe, dass Biedermann und Co. nach den Olympischen Spielen von London 2012 erneut leer ausgingen, gibt es viele.

Da ist zum einen die Tatsache, dass nur fünf der 27 deutschen Athleten ihre persönliche Bestzeit steigern konnten. Hätten Koch, Biedermann und Hentke ihre Zeiten von den Deutschen Meisterschaften im April nur um wenige Hundertstelsekunden verbessert, wären Medaillen drin gewesen.

„Wenn Bestleistungen wiederkehrend rar sind, muss man durchaus die Methoden der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung hinterfragen“, meint Professor Dr. Ralph Beneke (Archivfoto), Leiter der Abteilung Medizin, Training und Gesundheit des Instituts für Sportwissenschaft und Motologie der Philipps-Universität Marburg.

Warum es für Marco Koch nicht gereicht hat, glaubt Wolfgang Schüddemage  (Archivfoto) zu wissen. Der 70 Jahre alte A-Lizenz-Inhaber trainierte über viele Jahre erfolgreich in der Schwimmabteilung des TSV Eintracht Stadtallendorf. Mit Koch, der wie Schüddemage gebürtig aus Michelstadt im Odenwald stammt und der in Wolfgang Schmucker einst denselben Trainer wie Schüddemage hatte, ist der Stadtallendorfer befreundet.

So sei nicht nur Kochs Start bei der EM im Mai als „negativ“ einzuschätzen, sondern insgesamt die „zu vielen Wettkämpfe auf absolutem Weltniveau“, die der Sportler des DSW Darmstadt seit Ende Januar absolvierte. „Hinten raus, auf den letzten 20 Metern, war Marco immer relativ stark. In Rio ging dort gar nichts“, stellt Schüddemage fest, den ärgerte, dass den Fernsehzuschauern bei den Öffentlich-Rechtlichen im Anschluss an die Liveübertragungen der Rennen zu späten Nachtstunden „keine Zeiten und Tableaus“ gezeigt wurden.

Als nicht leistungsförderlich sieht Schüddemage die Etablierung der Elitegruppe, in der sich das deutsche Spitzentrio individuell mit eigenen Trainern vorbereiten konnte. Auch Beneke sieht eine isolierte Vorbereitung kritisch: „Eine starke Trainingsgruppe und der informelle Austausch solcher Trainingsgruppen sind einer der Schlüssel zum Erfolg.“

Alle Vorbereitungen halfen nichts

Da half es auch nichts, dass die deutschen Schwimmer kurz vor den Spielen in Brasilien ein Trainingslager absolvierten, um sich an die dortigen Bedingungen zu gewöhnen - oder dass auf der Schwimmer-Etage im Olympischen Dorf Fenster abgeklebt und spezielle Tageslichtlampen genutzt wurden, um den gewohnten Biorhythmus zu garantieren. „Lebensumstellungen im Olympischen Dorf steckt der eine besser, der andere schlechter weg“, gibt Beneke zu bedenken.

Was also tun, um den deutschen Schwimmsport wieder auf internationales Spitzenniveau zu heben? Der 66-jährige Manfred Hellmann (Archivfoto), langjähriger Trainer mit B-Lizenz und Sportlicher Leiter der Schwimmabteilung des VfL Marburg, fordert wie Schüddemage ein Umdenken in Sachen Qualifikationsmodus.

„Viele deutsche Sportler schwimmen die Qualizeiten zu einem ungünstigen Zeitpunkt“, meint Hellmann, der dafür plädiert, ähnlich wie in den USA im Vorfeld von Olympia sogenannte Trials zu etablieren, bei denen sich Sportler qualifizieren müssen. „Dann haben alle einen Saisonhöhepunkt“, begründet Hellmann - und Schüddemage fügt an: „Unabhängig vom Namen kommen dort dann die ersten beiden durch - fertig!“

Geht es nach Hellmann, könne zur besseren Finanzierung des Schwimmsports auch ein anderes Fördersystem helfen. So zahlten Vereine an den Verband derzeit 15 Euro nur für Aktive, die an einem Wettkampf teilnehmen. (Große) Vereine, die mehrheitlich aus passiven Mitgliedern bestehen, zahlten entsprechend weniger. „Es würden mehr Gelder generiert, wenn jedes Mitglied eines Vereins zahlt. Ob dies zwei oder fünf Euro wären, darüber kann man ja streiten.“

Experten sind sich einig: Würdigung fällt zu gering aus

Einig sind sich die Experten, dass die monetäre Würdigung eines Olympia-Sieges (20.000 Euro) zu gering ist. „Wenn eine Millionen Euro für einen Sieg gefordert wird, fasse ich mir aber an den Kopf. Ich schätze mal, dass 85 Prozent aller deutschen Olympia-Teilnehmer bei der Polizei, Bundespolizei oder Bundeswehr sind. Die haben also ein gesichertes Einkommen“, begründet Schüddemage, für den es auch kein Leichtes ist, das sportliche Fördersystem umzustellen, denn: „Dies hieße, unser Bildungssystem umzukrempeln.“

An der Basis umdenken und ansetzen - dies fordert Hellmann, der vorrechnet: „In unserem Arbeitsleben reden wir über die 36- oder sogar 32-Stunden-Woche. Unseren Kindern muten wir aber eine 42-Stunden-Woche zu. Und dann wollen wir noch, dass sie darüber hinaus Sport machen“, mahnt der VfLer an, dass von zehn Kindern, die mit dem Wettkampfschwimmen anfangen, nur eines übrigbleibt, das jenem auch treu bleibt.

„99,9 Prozent der Kinder und Jugendlichen bringt der Schwimmsport außer der persönlichen Entwicklung nichts - im Gegenteil zum Golf oder Fußball, wo man immerhin den Sprung auf eine andere Ebene schaffen kann“, meint Hellmann, dem Beneke beipflichtet, dass der deutsche Schwimmnachwuchs bei der Ausübung des Sports „erheblich mehr Idealismus“ benötigt als in anderen Ländern.

von Marcello Di Cicco

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