Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Verliebt in die zweite Heimat

Fußballer Iori Shintani Verliebt in die zweite Heimat

Er fühlt sich wohl in Deutschland. Seit Februar 2014 lebt der Japaner Iori Shintani in Marburg, lernt die Sprache, spielt Fußball. Der Angreifer der Sportfreunde Blau-Gelb hofft, bald ein neues ­Visum zu bekommen.

Möchte noch einige Zeit in Deutschland bleiben – und weiter für die SF BG Marburg Fußball spielen: Iori Shintani (links; hier gegen den Braunfelser Simon Schmidt).

Quelle: Miriam Prüßner

Marburg. Sehr höflich, stets gut gelaunt und meist eher zurückhaltend ist Iori Shintani - und viel zu bescheiden, zumindest wenn es um seine Sprachkenntnisse geht: „Mein Deutsch ist schlecht“, behauptet er. Dabei ist die Verständigung mit ihm überhaupt kein Problem. Der 25-Jährige versteht fast alles, kann sich passabel ausdrücken. Und er hat einiges zu erzählen. Von sich, vom Fußball, von Japan, auch von Deutschland. Seiner zweiten Heimat, in die er „ein bisschen verliebt“ ist.

Vor mehr als zweieinhalb Jahren kam Shintani nach Marburg. „Ich wollte die Fußballkultur in Deutschland kennenlernen“, nennt er den Hauptgrund. Der Sport spielt im Leben des Japaners, der aus einem Dorf in der Nähe der Millionenstadt Kyoto stammt, seit seiner Kindheit eine Rolle. Zwar ist Baseball im Kaiserreich deutlich populärer, doch ein Freund animierte den damals Siebenjährigen, mit zum Fußballtraining zu kommen. Shintani hatte viel Spaß am Kicken, blieb dabei. Einige Zeit hütete er als Keeper das Tor, später wurde er zum Stürmer. Während seines Studiums an der Tenri-Universität spielte er für die Hochschulmannschaft auf durchaus ansprechendem Niveau.

Zwischen der Marburger Philipps-Universität und der Hochschule aus der Präfektur Nara besteht eine Partnerschaft, die es Shintani im Sommer 2013 ermöglichte, für mehrere Wochen nach Marburg zu kommen. Vorher reifte bei ihm der Entschluss, in Deutschland Fußball spielen zu wollen. Der Marburger Japan-Kenner Jörg Chylek vermittelte ihm Probetrainings bei verschiedenen Clubs, unter anderem beim damaligen Gruppenligisten SF BG Marburg und bei Hessenligist FC Ederbergland.

Sprache war ein Problem

Shintani hat seine Entscheidung, ohne Kenntnisse der Sprache in ein fremdes Land zu gehen, nie bereut - auch wenn es zu Beginn für ihn nicht einfach war, nicht zuletzt beim Fußball. Er entschied sich 2014 für die sportlich anspruchsvolle Möglichkeit, nahm ein Angebot der Ederbergländer an. Immer wieder deutete er seine Fähigkeiten an, beeindruckte mit seiner Ballsicherheit, seiner Schnelligkeit, seinem Einsatz.

Und doch war er bei den Hessenliga-Partien meist nur Zuschauer. Die Sprache war ein Problem: „Ich habe den Trainer und meine Mitspieler nicht verstanden, ich wusste nicht, was ich machen soll.“ Ein anderes: Mit 1,72 Metern ist er „Normalgroß für einen Japaner“, erklärt er. Allerdings: „Die Innenverteidiger in der Hessenliga sind alle viel größer und stärker. Ich habe mich im Zweikampf manchmal wie ein Blatt Papier gefühlt.“

Durch Krafttraining hat er etwas an Muskelmasse zugelegt. „Ich bin jetzt stärker und kann besser dagegenhalten“, berichtet er. Seine körperlichen Nachteile gegenüber manchen Gegenspielern gleicht der Rechtsfuß, der aber auch mit dem „Linken“ ordentlich umgehen kann, damit zumindest ein Stück weit aus. Dass er mittlerweile in der Verbandsliga spielt - im Sommer 2015 wechselte er zu den aus der Gruppenliga gekommenen SF BG Marburg -, sieht er nicht als persönlichen Abstieg an. „Ich hätte bei Ederbergland gern mehr gespielt, das hat nicht geklappt“, erzählt er. Auch praktische Gründe sprachen für den Wechsel: „Hier kann ich mit dem Fahrrad zum Platz fahren. Vorher musste mich immer jemand im Auto mitnehmen.“

Shintani hat ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft in der Oberstadt. „Zuerst habe ich in Cappel auch in einer WG gewohnt. Aber ich bin lieber mittendrin“, erzählt er. Wenn es passt, geht er gern feiern. Bier schmeckt ihm, auch das deutsche Essen mag er. Und wenn seine Teamkameraden nach Trainingseinheiten oder Spielen noch zusammensitzen oder etwas unternehmen, ist er dabei. „So was habe ich aus Japan nicht gekannt. Ich finde das sehr gut“, macht er deutlich, dass seine Mitspieler für ihn auch Kumpels sind.

Einsatz für den Stammplatz

Also alles bestens? Nicht ganz. In der vergangenen Saison war er mit elf Toren am Klassenerhalt der Blau-Gelben beteiligt. Aktuell läuft es für seinen Club sportlich rund - mit Platz drei nach fast der Hälfte der Saison hatte wohl niemand gerechnet. Shintani selbst ist nicht ganz zufrieden, kam er zuletzt doch nur unregelmäßig zum Einsatz. „Wir haben einen großen Kader“, sagt der Offensivspieler, dessen sportliches Vorbild der frühere Mainzer Shinji Okazaki (jetzt bei Leicester City) ist: „Er kämpft immer und läuft für die Mannschaft, obwohl er Stürmer ist. So versuche ich das auch zu machen.“ Die aktuelle Situation nimmt er als Ansporn: „Ich muss weiter besser werden, dann spiele ich auch wieder.“

Und dann ist da noch die Sache mit dem Visum. Sein aktuelles ist bis Anfang nächsten Jahres gültig. Geht es nach ihm, soll seine Zeit in Deutschland aber nach drei Jahren noch nicht zu Ende sein: „Ich fühle mich sehr wohl hier, möchte gern noch lange bleiben.“ Aktuell ist der studierte Sportwissenschaftler auf der Suche nach einer Anstellung, um ein Arbeitsvisum bekommen zu können. Für Angebote verschiedener Art ist er offen. Und was, wenn er sich eine Stelle aussuchen könnte? „Dann würde als Touristenführer arbeiten wollen und anderen Leuten zeigen, wie schön es hier ist.“

von Stefan Weisbrod

../dpa-ServiceLine-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-170707-99-155169_large_4_3.jpg
Fotostrecke: Wie werde ich Sounddesigner/in?