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Ultras polarisieren in der Fanszene

Serie (F)ansichten Ultras polarisieren in der Fanszene

Für die einen sind sie unbelehrbare Idioten, für die anderen der Garant für ein stimmungsvolles Stadionerlebnis. An den Hardcore-Fans, die sich als „Ultras“ bezeichnen, scheiden sich die Geister.

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Fahnen, Trommeln und Gesang: Ultras haben sich, wie hier die von Arminia Bielefeld, der lautstarken und farbenfrohen Unterstützung des eigenen Teams verschrieben.

Quelle: Bernd Thissen

Marburg. Helmut Schellenberg vom 1.-FC-Kaiserslautern-Fanclub „Marburger Betzebuben“ hat eine klare Meinung: „Ultras schaden nur dem Verein“, sagt er. Immer wieder gibt es Vorfälle, die in der Öffentlichkeit ein schlechtes Licht auf den jeweiligen Verein werfen. Mal ist es das Abbrennen von Pyrotechnik im Stadion, mal sind es Übergriffe auf gegnerische Fans oder Polizei. Fällige Strafen bleiben meistens am Club hängen.

Torsten Selzer vom Borussia-Mönchengladbach-Fanclub „Rauten-Sumpfis Neustadt“ sieht jedoch ganz andere Aspekte im Vordergrund. „Die Ultras sind im Erscheinungsbild insgesamt eher positiv“, sagt er. Aus seiner Sicht sind die Gruppen eindeutig die „Stimme der Fans“, als die sie sich selbst gerne betrachten. „Mir ist die Stimmung im Stadion sehr wichtig. Die Ultras tragen weit über 80 Prozent dazu bei. Ihre totale Hingabe zu ihrem Verein macht die Faszination aus“, findet Selzer. Gerade auf junge Fans wirken die Fangruppierungen anziehend. Mit der lautstarken Unterstützung für das Team, den liebevollen Choreographien im Stadion, den gemeinschaftlichen Reisen zu Auswärtsspielen und ihrem zum Teil einschüchternden Auftreten nach außen,vereinen die Ultras das Bild von Abenteuer und kameradschaftlicher Gemeinschaft auf sich.

Entstanden ist die Ultra-Bewegung in den 1960er-Jahren in Italien. In den 1990er-Jahren fanden sie den Weg auch in die deutschen Stadien. Heutzutage finden sich Ultra-Gruppen in der Anhängerschaft nahezu jedes Vereins in den oberen drei bis vier Ligen. Ziel der Ultras ist es, die Fankultur, so wie sie von ihnen verstanden wird, zu erhalten. Der zunehmenden Kommerzialisierung des Sports stehen sie daher kritisch gegenüber. Zudem steht die bedingungslose Unterstützung des eigenen Vereins im Vordergrund.

„Es gibt schon eine gewisse Gewaltbereitschaft“

„Man muss schon unterstreichen, dass es auch gute Dinge gibt - die tollen Choreographien zum Beispiel. Aber die Szene ist da auch gespalten in friedliche Ultras und radikale Ultras“, sagt Schellenberg. Der gewaltbereite Teil werde jedoch nicht ausgegrenzt. Komme es zu entsprechenden Auseinandersetzungen, hülle sich der friedliche Teil der Fans in Schweigen. „Wer etwas sagt, bekommt auf die Fresse“, so der Kaiserslautern-Fan.

„Es gibt schon eine gewisse Gewaltbereitschaft - es sind immer einige dabei, die den Ärger ein wenig suchen. Gerade wenn der Alkoholpegel schon ein wenig höher ist, lässt sich der ein oder andere mal provozieren“, sagt Alex Weber von den „Burgwaldböcken“. Der Fan des 1. FC Köln gehört zwar nicht den bekannten Gruppierungen „Wilde Horde“, „Boys“ oder „Coloniacs“ an, definiert sich aber selbst als Ultra und pflegt gute Kontakte zu einigen Mitgliedern dieser Gruppen. Gewalt im Stadion lehnt er entschieden ab, befürwortet aber den im Stadion verbotenen Gebrauch von Pyrotechnik, für den Ultras ebenfalls häufig kritisiert werden.

Dass Ultras ein schlechtes Image anhaftet, ist nach Einschätzung von Weber zu einem großen Teil der Berichterstattung geschuldet. „Skandalnachrichten verkaufen sich besser“, sagt er. Gerade bei den Kölner habe es in jüngerer Vergangenheit „zwei, drei Unannehmlichkeiten“ gegeben, die die Wahrnehmung bestimmten.

„Für einen Normalsterblichen müsste man auch einmal erklären, was Ultras jedes Wochenende und darüber hinaus auf sich nehmen“, meint Weber. Ganze (Urlaubs-)Tage und sehr viel Geld würden auf die Fahrten zu Heim- und Auswärtsspielen verwendet, zusätzlich verbrächten die Fans viele Stunden für die Planung dieser Fahrten, das Erfinden neuer Fangesänge oder die Vorbereitung von Choreographien. An sieben Tagen die Woche leben Ultras jeweils 24 Stunden für ihren Verein. Bei allen Auswüchsen waren sie verantwortlich für die Verdrängung der noch viel gewaltbereiteren Hooligans aus den Stadien. Nicht wenige Gruppen engagierten sich zudem im sozialen Bereich, hebt Weber hervor. So habe die „Wilde Horde“ beispielsweise für das letzte Heimspiel des Jahres gegen Borussia Dortmund eine Spendenaktion für die Kölner Tafel geplant.

„Ultras feiern sich ein Stück weit selbst“

„Viele Außenstehende verbinden Ultras mit Hooligans und sehen nur diese negative Seite - das kann man so nicht ganz stehen lassen“, findet auch Werner Fleckna vom Eintracht-Frankfurt-Fanclub „Adlerhorst“. Was die Atmosphäre bei den Spielen betreffe, leisteten sie „Hervorragendes“. Allerdings, so wendet Fleckna ein, „feiern sie sich manchmal auch ein Stück weit selbst“. Szene-Spielchen wie das gegenseitige Klauen von Fahnen und anderen Fan-Utensilien empfindet Fleckna als peinlich. Gerade Eintracht Frankfurt war in dieser Hinsicht zuletzt in die Schlagzeilen geraten, als beim Hessenderby Darmstädter Fahnen im Frankfurter Block verbrannt wurden.

„Zwischen den Gruppen gehören diese Dinge einfach dazu“, meint Weber. Es müsse jedoch gewährleistet sein, dass „normale Fans“ nicht in solche Aktionen mit einbezogen und etwa auf der Anreise zu Spielen angegriffen werden. Auch Überfälle auf Unbeteiligte hat es rund um Bundesliga-Spiele schon gegeben.

Einen grundsätzlichen Konflikt zwischen Ultras und anderen Zuschauern sehen die heimischen Fans, in einigen Dingen - etwa bei der Anfeuerung der Mannschaft - gehen die Ansichten aber weit auseinander. Während sich die Ultras laut Weber über „die Canapé-Trinker an der Mittellinie“ (gemeint sind VIPs) aufregen, die keinen Beitrag zur Lautstärke des Gesangs leisten, empfinden andere Fans die Art der Gesänge zum Teil als unangemessen. „Früher war die Stimmung mehr spielbezogen und ging vor allem über kurze Anfeuerungsrufe“, sagt Fleckna. „Heute ist es oft einfach nur ein dauerhafter Singsang.“

von Peter Gassner

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