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Überraschung am Kassenhäuschen

Eintrittspreise im Amateurfußball Überraschung am Kassenhäuschen

Über die Eintrittspreise entscheiden die Vereine - und das wird in den heimischen Fußballkreisen wohl auch so bleiben.Gerade in Sachen Ermäßigungen würde sich so mancher Fan mehr Einheitlichkeit wünschen.

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Nicht auf jedem Fußballplatz gelten die gleichen Regeln für Ermäßigungen – selbst wenn die Vereine einer Liga das bei der Rundenbesprechung vereinbart haben.Foto: imago

Marburg. „Mein Herz schlägt für Werder“, sagt Steffen Fleischer. In der Bundesliga hat der Norddeutsche eine lange Leidenszeit hinter sich und ein Ende ist noch nicht absehbar. Nicht viel anders ergeht es dem 58-jährigen Sportlehrer, wenn er an seinen Lieblingsverein in hiesigen Gefilden denkt. Für den VfB Marburg geht es nach langer Durststrecke erst jetzt langsam wieder aufwärts. Fleischer hielt den „Schimmelreitern“ aber immer die Treue, „in guten wie in schlechten Zeiten“, so heiße es schließlich.

Der 58-Jährige ist bei fast jedem Spiel des VfB dabei, ob daheim oder auswärts. Seit etwa zwölf Jahren ist er Fan. Damals kamen zu Hessenliga-Zeiten schon mal 1000 Zuschauer an die Gisselberger Straße, erinnert er sich. Jetzt schauen sich 100, bei Schlagerspielen vielleicht 200 Zuschauer die Auftritte des derzeitigen Tabellendritten der Gruppenliga Gießen/Marburg an.

VfB schafft Rabatte ab

Trotzdem: Fleischer liebt den Amateurfußball, liebt es, draußen zu sein, Leute zu treffen, eine Bratwurst zu essen. „Ich finde es sinnvoller, den Fußball live in den unteren Klassen zu unterstützen, als sich im Fernsehen Bayern-München-Spiele anzugucken.“ Solche Fans sollten einen hohen Stellenwert haben, findet Fleischer. Und genau deshalb ärgert er sich derzeit über seinen Lieblingsverein.

Nicht nur, dass die Sitzmöglichkeiten - übrigens ausrangierte Bänke aus dem alten Frankfurter Waldstadion - abgebaut worden seien, als der VfB das Stadion an die Stadt Marburg verkauft habe. Nein, die „Schimmelreiter“ haben auch die Ermäßigungen gestrichen. Fleischer, der einen Schwerbehindertenausweis mit GdB (Grad der Behinderung) 50 hat, muss nun den vollen Preis zahlen. Dabei komme es ihm gar nicht auf den einen Euro an, den er jetzt mehr zahlen muss. „Alle Vereine leiden unter sinkenden Zuschauerzahlen. Gerade in diesen Zeiten geht es ums Prinzip“, betont Fleischer.

Uwe Müller, der Schatzmeister des VfB Marburg, gibt eine ganz klare Antwort auf die Frage, warum der Verein die Ermäßigungen abgeschafft hat: „Weil wir beschissen worden sind. Jeder kommt mit irgendetwas, das ist an der Kasse überhaupt nicht kontrollierbar.“ Jugendliche und junge Erwachsene ließen ihre Ausweise zu Hause, um sich den Eintritt zu erschleichen. „Es gab Anfeindungen, auch gegen meine Person. Kassierer sind angepöbelt worden“, führt Müller aus. „Wir haben das nicht mehr eingesehen.“ Also sei der Vorstandsbeschluss gefasst worden: „Machen wir es strikt.“ Beim VfB zahlen seitdem alle Besucher - auch Schwerbehinderte, Rentner, Studenten, Frauen - 4 Euro Eintritt. Jugendliche unter 16 Jahren können die Spiele gegen Vorlage des Ausweises kostenlos sehen.

Auf den regulären Eintrittspreis von 4 Euro hatten sich die Gruppenligisten bei der Vorrundenbesprechung verständigt. Verbindlich sind die Vorgaben jedoch nicht. „In der Satzung steht es nicht explizit drin“, sagt Jürgen Radeck vom Hessischen Fußball-Verband (HFV). Der Vorsitzende des Verbandsausschusses für Spielbetrieb und Fußballentwicklung ergänzt: „Das sind Regularien, die man im Kreis oder in den Spielklassen selbst festlegt. Teilweise ist das unterschiedlich geregelt.“

Auch HFV-Mann Jörg Wolf, der Beauftragte für den Spielbetrieb der Region Gießen/Marburg, sagt: „Die Vereine sind völlig frei. Der Verband schreibt in keiner Klasse die Eintrittspreise vor.“

Ermäßigungen sind ebenfalls Sache der Vereine. „Der Verband greift nicht ein“, sagt Wolf. Wohl gebe es die Empfehlung der Klassenleiter, Inhabern der Ehrenamtskarte des Landkreises Marburg/Biedenkopf freien Eintritt zu gewähren. „Die ersten Vereine sind aber ausgeschert“, weiß Wolf. Gleiches gelte für Rabatte für Rentner, Jugendliche und Schwerbehinderte.

Michelbach als Vorreiter

Oder für Frauen. Da gebe es laut Wolf eine „Zweiklassengesellschaft in der Gruppenliga“ - manche Klubs würden Frauen normal abkassieren, andere umsonst auf den Sportplatz lassen.

Angeschoben hatte die Diskussion über Eintrittsgelder für Frauen der TSV Michelbach. „Die Thematik gibt es seit 25 Jahren“, sagt der 2. Vorsitzende Dieter Jacobi. Im Vorstand werde durchaus kontrovers darüber diskutiert, dennoch zahlen Frauen die in der Kreisoberliga Nord üblichen 3,50 Euro. Ermäßigungen gibt es für Rentner und Jugendliche. „Wir sind keinem Verein böse, der es anders macht. Das ist deren Recht“, sagt Jacobi. Er selbst wählt einen Vergleich, um seinen Standpunkt klar zu machen: „Stellen Sie sich vor, ich gehe mit meiner Frau ins Kino und gucke einen Western. Sie sagt: Ich gehe mit Dir mit, aber ich will nicht zahlen, weil mich Western nicht interessieren.“

Ins gleiche Horn stößt Uwe Müller vom VfB Marburg: „Frauen bekommen die gleiche Veranstaltung geboten und nehmen das Gleiche wahr. Bei Sky bekommt auch keine Frau das Fußballprogramm billiger.“ Das gelte für Rentner, Jugendliche und Behinderte gleichermaßen.

Die SF BG Marburg ziehen da zum Teil mit. Männer und Frauen zahlen sowohl in der Verbandsliga (5 Euro) als auch in der Kreisoberliga (3,50 Euro) das gleiche. Einen Euro Ermäßigung gibt es nur bei den Verbandsligaspielen für Schwerbehinderte, Rentner und Studenten. Jugendliche bis 18 Jahren haben freien Eintritt. „Es hat lange gedauert, bis akzeptiert wurde, dass Frauen Eintritt zahlen müssen“, sagt Marburgs Sportlicher Leiter Jan-Peter Troeltsch. Für ihn die richtige Entwicklung, denn: „Überall wird berechtigterweise Gleichberechtigung gefordert. Nur an der Fußballkasse sollen noch Regeln aus den 1950er-Jahren gelten?“

Eintracht Stadtallendorf dagegen gewährt Frauen sehr wohl Ermäßigungen. Mitglieder zahlen statt der hessenligaüblichen 7 Euro einen Euro weniger. Schwerbehinderte, Rentner, Studenten, Schüler und auch Frauen müssen nur 5 Euro berappen. Kinder haben freien Eintritt. „Das ist schon immer so gewesen“, sagt Hermann Weitzel. Der Jugendleiter, der im Herrenwaldstadion auch als Kassierer im Einsatz ist, weiß aber auch: „Es gibt Vereine, die überhaupt keine Ermäßigungen geben. Vellmar dagegen nimmt für Frauen gar keinen Eintritt.“

Eine einheitliche Regelung ist nicht in Sicht - und offensichtlich nicht gewollt. „Das ist Hoheit der Vereine, da hänge ich mich nicht rein“, sagt Heinz Schmidt, Fußballwart des Kreises Biedenkopf. Auch Ermäßigungen oder die Frage nach dem Eintritt für Frauen seien Sache der Klubs. Vor dieser Saison hätten die Vereine der Kreisliga B Biedenkopf aufgrund der kleinen Liga beschlossen, die Preise von 2 Euro auf 2,50 Euro zu erhöhen. Besucher von A-Liga-Spielen werden mit 3 Euro zur Kasse gebeten, Kreisoberliga-Spiele kosten 3,50 Euro. Auch Peter Schmidt, Fußballwart des Kreises Marburg, betont die Verantwortung der Vereine bei der Preisfindung: „Man gibt für einzelne Spielklassen Richtlinien ab. Da verständigen sich die Vereinsvertreter vor der Saison drauf. Das kann nicht vorgeschrieben werden.“

Kreis Bergstraße macht‘s anders

Ein anderer Fußballkreis sieht das nicht so. „Wir haben uns ­erlaubt, die Eintrittspreise in die Durchführungsbestimmungen aufzunehmen“, sagt Martin Wecht, der stellvertretende Fußballwart des Kreises Bergstraße. Inklusive der Ermäßigungen von einem Euro für Frauen, Rentner, Schwerbehinderte und Jugendliche bis 16 Jahren ist festgeschrieben, wie viel der Eintritt von der Kreisoberliga bis zur Kreisliga D kostet. Dadurch seien die Preise verbindlich und Verstöße sanktionierbar. In der Vergangenheit habe man zwar keine Probleme gehabt. „Aber wenn ein Verein meint, etwas anderes machen zu müssen, können wir ihn darauf festnageln“, sagt Wecht.

Steffen Fleischer muss damit leben, dass ihm sein Verein keine Ermäßigungen gewährt. „Schade, dass es nicht überall einheitlich ist“, sagt der Fan des VfB Marburg. Er ist enttäuscht. Und will nächste Saison zum ersten Mal seit sechs Jahren keine Dauerkarte kaufen.

von Holger Schmidt

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