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"Stadionkasper" mit Helfersyndrom

OP-Serie: Gute Seele des Vereins "Stadionkasper" mit Helfersyndrom

Beim Fußball-Gruppenligisten ist er bei jedem Spiel dabei und zuständig für Stadionansagen und Musik. Doch hinter dem 69-Jährigen steckt viel mehr als nur der lauteste Mann im Bauerbacher Waldstadion.

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Flotte Sprüche, spontane Metaphern und Spitznamen: Walter Matt ist Stadionsprecher beim Gruppenligisten SV Bauerbach und macht gerne den „Stadionkasper“.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Januar 1946: Europa leidet immer noch an den Schäden und Opfern des Zweiten Weltkriegs. Ebenso wie ganze Städte liegt auch das Ansehen Deutschlands, das seine Nachbarländer, insbesondere Polen, mit Vernichtung und Verderben überzogen hat, in Trümmern. Im selben Monat wird Kunigunde Matt, Ehefrau von Wehrmachtssoldat Ludwig Matt, schwanger. Dass der Sohn sich um die Völkerverständigung  sowie Freundschaft mit Polen verdient machen und Träger des Bundesverdienstkreuzes werden wird, ahnt das Ehepaar zu diesem Zeitpunkt nicht.

70 Jahre später ist Walter Matt aus dem Vereinsheim des SV Bauerbach, den er 1965 mitgegründet hat, nicht mehr wegzudenken. Er ist Stadionsprecher beim Gruppenligisten. Wenn er mit Mikrofon in der Hand hinter dem Mischpult im Bauerbacher Waldstadion steht, ist Matt in seinem Element. Es ist ein übliches Bild bei Heimspielen des SVB: Wenn Walter Matt spricht, drehen sich Zuschauer um und suchen nach der Quelle der gut gelaunten Stimme. Flotte Sprüche, spontane Metaphern und Spitznamen – manchmal herzerwärmend, manchmal zum Lachen, aber nie langweilig. Von zierlicher Statur misst Matt 168 Zentimeter. Doch seine Stimme ist kräftig und sein Enthusiasmus groß. „Ich mache den Stadionkasper“, kichert er, der seine besten Fußballerjahre dem TSV Kirchhain schenkte. Beim SVB spielte er als 19-Jähriger und in der Altherrenmannschaft.

Einige Funktionäre anderer Vereine aus der Region seien bereits an ihn herangetreten, um sich Tipps für Musik und Stadionansagen abzuholen. Matt stand mit Rat und Tat zur Seite. Doch auch von Kritik blieb er nicht verschont. Matt lacht und berichtet davon, dass er die türkische Nationalhymne gespielt hat, als der Verein FC Türk Gücü Breidenbach im Bauerbacher Waldstadion gastierte. „Die haben mit Stolz erfüllt angefangen zu singen“, erinnert sich Matt. Weil er der gegnerischen Mannschaft Extra-Motivation lieferte, habe er aus den eigenen Reihen Kritik eingesteckt. „Ich möchte objektiv sein und nicht die Gastmannschaft niederreden oder degradieren“, beteuert er. Auf Respekt lege er Wert.

Der 69-jährige Balljunge

„Ich wurde vor zehn Jahren von einem alten Freund gefragt, ob ich das machen kann. Er hat mir gesagt, dass ich zum Radio oder ins Fernsehen gehöre“, grinst Matt. Doch sein beruflicher Weg war schon geebnet. 1969 hatte er eine Ausbildung bei der Polizei begonnen. 2006 wurde er pensioniert. Doch auch davor kümmerte er sich beim SVB um verschiedene Dinge. „Alles, was kein anderer machen will, war meine Aufgabe“, lacht Matt. Auch mit 69 Jahren fährt er ab und an noch im Stadion vorbei und guckt, ob es Müll gibt, den es abzutransportieren gilt.

Auch wenn der Ball im Waldstadion über den Zaun fliegt und es sich im umliegenden Unterholz gemütlich macht, ist Matt der Mann der Stunde. Denn er ist nicht nur Stadionsprecher, sondern auch der wohl betagteste
Balljunge im Fußballkreis Marburg. „Oh Gott, wo ist der denn jetzt hin?“, kichert Matt häufig. Solche Situationen nimmt er mit Humor. Nach den Spielen schlägt er sich dann im „Kampfanzug“, wie er selbst sagt, als Ein-Mann-Suchtrupp ins Dickicht, um den verschollenen Ball wiederzufinden. „Irgendjemand muss es ja machen“, sagt er, der sich für seine Emotionen nicht schämt.

Sichtlich bewegt berichtet er vom Kniefall von Warschau des damaligen Bundeskanzlers Westdeutschlands, den er als 19-Jähriger miterlebte. Die Erinnerungen treiben ihm Tränen in die Augen, die er hastig wegwischt. Kein Wunder, dass er in die SPD eintrat. Das Wort „sozial“ nimmt im Wortschatz des Sozialdemokraten, der zwei Amtszeiten als Ortsvorsteher Bauerbachs wirkte, einen besonderen Platz ein.

Matt will Sportvereine zu mehr Engagement anhalten

Im Kontakt mit den Spielern des SVB waren Gefallen und Gefälligkeiten keine Seltenheit. Matt suchte sich immer die­jenigen, die auf wackeligem Untergrund standen. „Nicht alle haben ein gesichertes Umfeld und ein gutes Elternhaus“, sagt der 69-Jährige. Auch wenn er nie große Zuversicht trug, hoffte er insgeheim, dass der ein oder andere „problematische“ Spieler auf einen grünen Zweig kommen würde.

Zu mehr Engagement bei der Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen will Matt die Marburger Sportvereine anhalten. Seit mehreren Jahrzehnten organisiert er Hilfstransporte – damals durch den „Eisernen Vorhang“ –, Veranstaltungen und Austausche, die Deutsche und Polen zusammenbringen. „Verein bedeutet Gemeinschaft und sie müssen ihre integrative Kraft nutzen.“ Für seine Verdienste um die deutsch-polnischen Beziehungen erhielt er 2012
das Bundesverdienstkreuz.

„Zu helfen liegt bei uns in der Familie, aber bei Walter ist das ganz besonders ausgeprägt“, meint Monika Matt. Bisweilen muss die Ehefrau den Gatten zügeln. Aus reiner Nächsten­liebe handelt der Katholik jedoch nicht. „Ich bin ein­deutig ein Egoist. Ich helfe, weil es mich erfüllt und es sich gut
anfühlt. Helfersyndrom eben“, meint Matt.

von Benjamin Kaiser

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