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Schwimmtrainer Wolfgang Schüddemage gibt auf

Hallenbadsanierung Stadtallendorf Schwimmtrainer Wolfgang Schüddemage gibt auf

Den Schwimmtrainer Wolfgang Schüddemage wird es nach dem 15. Dezember nicht mehr geben. Diese Entscheidung des mit Abstand erfolgreichsten heimischen Sporttrainers wurde am Freitagabend in Stadtallendorf bekanntgegeben.

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Wolfgang Schüddemage vor seiner alten Wirkungsstätte. Das Stadtallendorfer Hallenbad präsentiert sich derzeit als Beton-Skelett.

Quelle: Matthias Mayer

Stadtallendorf. Seit 33 Jahren coacht Wolfgang Schüddemage die Leistungsgruppe der Schwimmabteilung des TSV Eintracht Stadtallendorf. Allein bis 2004 haben die von ihm betreuten Aktiven bei Deutschen Meisterschaften in der olympischen Sportart Schwimmen weit mehr als 100 Podest-Platzierungen erreicht. Auch in diesem Jahr gab es für die Eintracht-Asse bei den „Deutschen“ einen kompletten Medaillensatz: Die große nationale Freistil-Hoffnung Jonathan Berneburg und Emanuel Nörrenberg, dessen Vater schon für die Eintracht startete, gewannen Gold, Silber und Bronze.

Die OP sprach mit dem Erfolgstrainer über seine Beweggründe für den Abschied nach 33 Jahren und über seine Jahre bei der Eintracht.

OP: Sie wollen nicht länger Trainer der Leistungsgruppe des TSV Eintracht Stadtallendorf sein. Warum?

Wolfgang Schüddemage: Weil sich die Infrastruktur für den Leistungssport Schwimmen mit Beginn der Umbauarbeiten am Stadtallendorfer Hallenbad dramatisch verschlechtert hat.

OP: Woran machen Sie das fest?

Schüddemage: Da kommen zwei Punkte zusammen: Vor dem Umbau wurde uns von­seiten der Stadt zugesagt, dass wir die in unserem Nutzungsvertrag festgeschriebenen Trainingsstunden während der Bauphase in Ausweich-Bädern bekommen werden. Das hat sich nicht bestätigt. Im Hallenbad der Bundeswehr und im Kirchhainer Hallenbad haben wir zusammen zwölf Trainingsstunden. Zum Vergleich: Zu der großen Zeit von Johannes Oesterling hatten wir 30 ­Wochenstunden für die Wasserarbeit. Das als drittes Ausweichbad für das Anfängerschwimmen angedachte Hallenbad in Mengsberg erwies sich leider als Schildbürgerstreich, da dieses Bad zwischen April und Oktober geschlossen ist. Fünf Trainingszeiten waren damit futsch.

Damit komme ich zum zweiten Punkt. Wegen der unzureichenden Trainingszeiten laufen uns die Schwimmer davon. Meine Leistungsgruppe ist in Auflösung begriffen. Von den zwölf Schwimmerinnen und Schwimmern sind nur vier geblieben. Ein Beispiel: Jonathan Berneburg ist jetzt als Deutscher Meister aus Stadtallendorf nach Saarbrücken gewechselt, weil er da bessere Trainingsbedingungen hat. Bei uns hat er Grundlagentraining, Aufbautraining und Anschlusstraining durchlaufen. Jetzt stünden wir auf der Schwelle zum Hochleistungstraining, für das mindestens 20 bis 24 Wochenstunden Wassertraining notwendig sind. Die können wir heute noch nicht einmal ansatzweise bieten.

OP: Ihre Leistungsgruppe hat ­also keine Zukunft mehr?

Schüddemage: So ist es. Was viel schlimmer ist, dass uns die Anfängergruppen weggebrochen sind. Die können wir überhaupt nicht versorgen. Die Schwimmabteilung bekommt täglich Abmeldungen. Der Mitgliederbestand hat sich in der kurzen Zeit seit der Stilllegung des Hallenbades halbiert. Das ist für die Schwimmabteilung wirtschaftlich existenzbedrohend. Um über die Runden zu kommen, haben wir bereits unseren Bus verkauft. Das bedeutet aber auch: In zwei Jahren, wenn das runderneuerte Bad fertig sein soll, müsste ein kompletter Neuaufbau erfolgen. Dazu bin ich zu alt, dazu stehe ich nicht zur Verfügung.

OP: Es dürfte schwer werden, einen neuen Trainer zu finden, der sich fünf Trainingseinheiten plus die Wettkämpfe an den Wochenenden ans Bein bindet.

Schüddemage: Das befürchte ich auch, zumal es nicht bei den fünf Trainingseinheiten bleibt. Je nach Niveau musst Du jeden Tag trainieren und an manchen Tagen auch zweimal. Hinzu kommen die beschränkten finanziellen Möglichkeiten der Schwimmabteilung. Sobald ein Bewerber erfährt, dass er höchstens den Mindestlohn erwarten darf, zieht er gleich weiter. Die Trainer halten heute die Hand auf - auch im Bezirk. Da bewegen sich die Gehälter teilweise auf gutem A12-Niveau.

OP: Lässt sich bei dieser Gemengelage eine Prognose zur Zukunftsfähigkeit der Schwimmabteilung stellen?

Schüddemage: Das ist schwer zu sagen. Das hängt davon ab, wie sich die Eltern entscheiden, ob sie bereit sind, sich auch im Vorstand zu engagieren. Und es hängt auch davon ab, ob sich ein neuer Trainer für die Leistungsgruppe findet. Vielleicht macht es ja einer der jetzigen Übungsleiter.

OP: Es gab Kritik aus der Schwimmabteilung an der weniger schwimmsportfreundlichen Ausrichtung des Hallen­bades nach dem Umbau. Worum geht es konkret?

Schüddemage: Der Schwimmsport wird nach dem Umbau auf die Zeit vor 1996 zurückgeworfen, denn ab 1996 hatte das Hallenbad eine elektronische Zeitmessanlage. Das neue Bad wird diese nicht haben. Das bedeutet: Es können keine hochwertigen Wettkämpfe mehr in Stadtallendorf ausgetragen werden. Und die sind wegen des hohen Startgeld-Aufkommens eine unverzichtbare Einnahmequelle für alle Schwimmvereine.

OP: Was hätte eine solche Zeitmessanlage denn gekostet?

Schüddemage: Das günstigste uns vorliegende Angebot liegt bei 15000 Euro.

OP: Das ist, gemessen an dem Whirlpool, der 265000 Euro kosten soll, kleines Geld ...

Schüddemage: ... was ich genauso sehe.

OP: Von der harten Gegenwartsrealität zurück in die ruhmreiche Vergangenheit. Sie haben mit Athleten wie Johannes Oesterling, Stefan Almeling, Jens Beck, Christian Meißner und Kalli Wege herausragende Erfolge erzielt. Was war Ihr schönster Sieg?

Schüddemage: Die Antwort wird vielleicht überraschen: Unser Aufstieg in die zweite Bundesliga mit dem sehbehinderten Paralympicssieger­ Karsten Ottmar, dem gehörlosen Helmut Müller, Jens Beck und Peter Mühling. Das war ein unvergesslicher Moment. Ich saß damals in Mainz etwas erhöht auf der Tribüne und habe zugeschaut, wie die Burschen zusammen gefeiert haben. Das war eine echte Mannschaft, die damals mit dem Damen-Team gleichgezogen hatte, die ein Jahr später sogar in die 1. Bundesliga aufsteigen sollte.

OP: Und die größte Enttäuschung?

Schüddemage: 1998 gewinnt Jens Beck die Olympiaqualifikation. Du guckst den Bundestrainer an und weißt sofort, der nimmt ihn nicht mit. Der war zugleich Heimtrainer in Warendorf und hat einen seiner Schützlinge nominiert. Der war bei der Quali Fünfter. Es ist unheimlich schwer, einem 18-Jährigen zu erklären, dass seine bessere Leistung nichts wert sein soll.

OP: Der Weg zum Hochleistungsschwimmer ist lang und beinhart. Wie schafft es ein Coach, seine Athleten bei Laune zu halten, die fünf bis sechs Tage pro Woche im Becken Kacheln zählen, sich im Kraftraum und beim Waldlauf schinden?

Schüddemage: Solange Du eine Trainingsgruppe hast, ist das atmosphärisch ein Selbstläufer. Die Schwimmer motivieren sich gegenseitig und haben auch im Trainingsalltag viel Spaß. Sobald Du mit dem Athleten allein bist, wird es schwierig. Ich habe sechs Jahre lang Frühtraining gemacht. Um 4.15 Uhr aufstehen, um 5.30 Uhr Trainingsbeginn, um 7.30 Uhr Trainings­ende. Dann ab zum Beruf in die Schule. Das ist ein belastender Start zur Unzeit in den Tag - für die Athleten wie für den Trainer. Als Christian Meißner und Johannes Oesterling noch zusammen trainierten, lief das ganz gut. Als Hannes morgens mit mir allein trainierte, hätte es vermutlich richtig geknallt, wenn der Hannes nicht die Fähigkeit besessen hätte, ungemein zielgerichtet zu trainieren. Ohne diese Fokussierung hätten wir uns vielleicht gegenseitig die Bretter um die Ohren geschlagen.

OP: Was bleibt für Sie in der Rückschau auf 33 Jahre Schwimmtrainer in Stadtallendorf hängen?

Schüddemage: Da bleibt die beglückende­ Erinnerung an die besagte Aufstiegsmannschaft, die durch und durch eine sozial eingestellte Truppe war. Es bleibt die traurige Geschichte um Jens Beck, der um das größte sportliche Erlebnis seines Lebens gebracht wurde. Und es bleibt die Erkenntnis, dass ich mich einmal im Jahr 2000 habe korrumpieren lassen. Zum Endlauf um die Olympia-Qualifikation trat der Olympia-Kader in den nicht frei verkäuflichen Haianzügen an, in denen später eine Flut von Weltrekorden geschwommen wurde und die noch später verboten wurden. Neben diesen Leuten stand der 17-jährige Johannes Oesterling im Badehöschen auf dem Startblock. Ich wollte das Rennen wegen fehlender Chancengleichheit anfechten, habe mich dann aber auf einen Kuhhandel eingelassen.

Der Johannes sollte für die EM in Helsinki einen Anzug bekommen und sich dort seinen Konkurrenten um einen Staffelplatz unter gleichen Bedingungen stellen können. Das wurde eine Luftnummer, da die Olympia-Schwimmer in Helsinki komplett antraten, und somit kein Startplatz für Hannes frei war. Stattdessen musste er bei der Junioren-EM starten, gewann dort mit Christian Meißner einige Europameisterschafts-Titel, was aber kein Ersatz für eine mögliche Olympia-Teilnahme war. Da trösten auch der spätere Gewinn der Bronzemedaille bei der EM 2003 in Barcelona und die Olympia-Teilnahme 2004 nicht.

Über den Trainer:

Wolfgang Schüddemage stammt aus Michelstadt im Odenwald, wo er schon früh mit dem Schwimmsport in Berührung kam. Er wurde Wettkampf-Schwimmer und lernte Wasserball – „die foulste Sportart, die es gibt“ – kennen. Gespielt wurde von April bis Oktober in Freibädern, die zum Teil nicht gechlort wurden. „Im trüben Wasser konnte der Schiedsrichter die Gemeinheiten unter Wasser nicht sehen“, erinnert er sich an diese harten Zeiten. Schon als Jugendlicher übernahm er in seinem Heimatverein die Betreuung von Kindergruppen – seine ersten zaghaften Versuche im Trainer-Metier. Das Studium verschlug den Südhessen nach Marburg an die Philipps-Universität, die er als Diplom-Sportlehrer mit Fakultas für den Mathematikunterricht verließ. Als Trainer fungierte er ab 1971 beim TSV Frankenberg und ab 1978 bei der von ihm mitbegründeten Schwimmabteilung des TSV Kirchhain. Das hoch moderne Hallenbad und die großzügigen Trainingszeiten zogen ihn am 2. Januar 1981 zum TSV Eintracht Stadtallendorf. Dort avancierte er zum Medaillenschmied, der sein Leben über einige Jahre zwischen Bad und Schule führte. Heute sieht der Vater zweier Kinder diese Zeit als Zumutung gegenüber seiner Familie an.

von Matthias Mayer

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