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Lokalsport Legenden zurück an der Gisselberger Straße
Sport Lokalsport Legenden zurück an der Gisselberger Straße
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12:29 19.09.2018
Nach vielen Jahren wieder gemeinsam im Stadion an der Gisselberger Straße: Karl-August „Charly“ (links) und Georg „Schorsch“ Tripp. Quelle: Stefan Weisbrod
Marburg

„Dort“, sagt Georg Tripp und zeigt auf eine kaum erkennbare Linie am Rande des Strafraums, „habe ich gestanden. Und da ist der Ball eingeschlagen.“ Der 77-Jährige deutet in Richtung der Stelle, an der normalerweise das Tor steht, an der es vor fast 60 Jahren auch gestanden haben dürfte. An diesem Tag im August 2018 ist kein Tor da, wohl weggeschafft, um den teils verbrannten Rasen besser pflegen zu können.

Die Erinnerungen kommen dennoch hoch. Die Erinnerungen an dieses Spiel in der Aufstiegsrunde zur zweiten Liga, an seinen ersten Treffer für die erste Mannschaft des VfL Marburg. „Schorsch“, wie ihn schon damals alle riefen, gerade 18 und noch A-Junior, erzielte das 2:0 gegen die Spielvereinigung Bayreuth, die 5000 Fans im Stadion­ an der Gisselberger Straße ­jubelten. „Es war unglaublich.“

„Charly“: „Schorsch“ war nicht Schuld an Niederlage

„Ja, das waren andere Zeiten“, bestätigt ihn Karl-August Tripp, sein drei Jahre jüngerer Bruder. Er, „Charly“, war an diesem 10. Mai 1959 auch dabei. Im Vorspiel hatte er beim 5:0-Sieg der VfL-Schüler gegen den Nachwuchs des VfB Gießen ein Tor gemacht, beim „großen Spiel“ danach war der damals 15-Jährige in der Zuschauerrolle. Er bejubelte den Treffer seines Bruders in der 61. Minute, doch danach lief es für den Hessenmeister nicht mehr rund.

Die Gäste aus Bayern machten zwischen der 69. und 76. Minute aus dem 0:2-Rückstand eine 3:2-Führung, am Ende unterlag der VfL gar 2:4. „Dann meinten noch manche, mein Bruder sei schuld gewesen“, erzählt „Charly“ Tripp halb amüsiert, halb echauffiert. „Dabei hat er doch ein Tor geschossen. Die Abwehr hat die Fehler gemacht und die Gegentore zugelassen.“ Der Traum des VfL vom süddeutschen Titel, vom Aufstieg in die zweithöchste Klasse, war nach dieser Niederlage ausgeträumt. Der Verein blieb drittklassig, Georg Tripp mit ihm. Vorerst.

Die Tore der Brüder auf dem Spielplatz zählten nicht

An ihre Jugend in Marburg erinnern sich die Brüder gern. Ihre Eltern – die Mutter Leichtathletin, der Vater Turner – waren sportbegeistert, animierten sie zur Bewegung. Früh spielten sie Fußball, meldeten sich beim VfL an. Rudi Sielaff, damals Trainer aller Nachwuchsmannschaften des Vereins, „hat uns entwickelt“, sagt „Charly“ Tripp und schwärmt noch heute: „Er hat sehr viel Wert auf Technik gelegt, damit hat er seine Spieler besser gemacht.“ Die Brüder schossen ihre Tore, wurden für Auswahlmannschaften nominiert, schafften es bis in die Teams des Süddeutschen Fußball-Verbands.

Zusammen kickten sie aber zunächst nur in ihrer Freizeit, meist auf einem Spielplatz an der Döfflerstraße im Südviertel. „Wir haben nie gewonnen“, erzählt „Charly“ mit einem Grinsen. „Wir haben zwar dauernd Tore geschossen, aber dann wurde immer gesagt, jemand von uns hätte im Abseits gestanden.“ Im Verein war ihm, Jahrgang 1944, „Schorsch“, 1941 geboren, immer mindestens ­eine Altersklasse voraus. Nur ein einziges Mal standen sie im VfL-Trikot gemeinsam auf dem Platz, ganz am Ende der Saison 1961/1962, im ersten Spiel des jüngeren Bruders, damals 17, für die Männermannschaft überhaupt – es war zugleich das letzte des älteren.

Etwa 50 Jahre, schätzt „Schorsch“ Tripp (Archivfoto), ist er nicht mehr hier, im Marburger Süden, gewesen. Früher war die Gisselberger Straße die Hauptstraße, bei der Anreise aus seiner französischen Wahlheimat verpasst er auf der Stadtautobahn zunächst die richtige Ausfahrt, kehrt am Hauptbahnhof um. „Hat sich doch einiges geändert“, sagt er, fühlt sich nach dem Gang durchs Tor zum Stadion aber wieder heimisch: „Hier sieht’s noch aus wie früher“, meint er, stößt damit auf Widerrede seines Bruders: „Na ja, der Rasen vielleicht. Drumherum aber nur noch wenig.“

Die Tripps haben Gemeinsamkeiten, sie sind aber doch unterschiedliche Typen – persönlich, auch als Fußballer. Tore haben sie beide viele gemacht. Der eine, „Schorsch“, aber meist als klassischer Mittelstürmer, als der, der genau richtig steht. Der andere, „Charly“, hingegen kam eher aus der Tiefe, setzte seine Schnelligkeit ein, lief dem Gegner davon und umkurvte auch den Torwart. Nur elf Sekunden brauchte er einst für die 100 Meter, schneller war in der Stadt keiner. Und ein exzellenter Kopfballspieler war er. Von den 24 Toren, die ihm in der Saison 1965/1966 für Mainz 05 in der damals zweitklassigen Regionalliga gelangen, erzielte er die Hälfte mit dem Kopf.

 „Charly“ trifft im Wiederholungsspiel

1964 war „Charly“ Tripp vom VfL nach Mainz gewechselt, hatte schnell seinen Stammplatz. Während es in der Liga zunächst nicht rund lief, sorgten die 05er im DFB-Pokal für Furore – vor allem dank ihres Neuzugangs aus Marburg: Nach einem 1:0-Erstrundensieg über den späteren Meister Werder Bremen kam 1860 München mit Star-Trainer Max Merkel an den Bruchweg – das 2:2 war bereits eine große Überraschung.

Verlängerung gab es keine, die Entscheidung fiel im Wiederholungsspiel in München, dort sechs Minuten vor Schluss: Kurt Sauer, ein anderer Marburger, 1963 nach Mainz gekommen, flankte, „Charly“ Tripp köpfte zum 2:1 ein – der Sieg! „Die Sechziger waren gespickt mit Nationalspielern. Das war eine Sensation, die Euphorie war riesig“, blickt er gern zurück. 24.000 Zuschauer hofften im Viertelfinale auf einen weiteren Coup, doch der 1. FC Nürnberg war zu stark, gewann mit 3:0.

Die Qualitäten des jungen Torjägers aus der zweiten Liga blieben auch den Verantwortlichen des FC Bayern nicht verborgen. 1967 wurde er nach München eingeladen, bekam einen Vertrag vorlegt, unterschrieb. Doch auf die Signatur von Vereinsmanager Robert Schwan wartete „Charly“ Tripp (Archivfoto) vergebens. Später erfuhr er: Die 75.000 Mark, die die Mainzer als Ablöse aufriefen, waren den Bayern zu viel. Dass aus dem Wechsel nach München nichts wurde, bedauert er nicht: „Es wäre schön gewesen, aber mir fehlt dadurch nichts.“

Ein Jahr später zog es ihn stattdessen zum Nord-Regionalligisten VfL Osnabrück, mit dem er als Mittelfeldspieler, später als Libero in sechs Jahren fünf Mal um den Bundesliga-Aufstieg spielte. „Die Vereine aus der West-Staffel waren immer stärker.“ Als Spielertrainer des VfL Kloster Oesede ließ der heute 74-jährige ­Vater zweier Töchter und dreifache Opa, der in Hasbergen bei Osnabrück lebt, seine Karriere­ ausklingen. Beruflich hatte er als Beamter im Arbeitsamt nur noch wenig mit Fußball zu tun.

Frankreich wird für „Schorsch“ zur zweiten Heimat

Anders sein älterer Bruder, der 1962 auszog, zunächst nach Köln. Beim 1. FC, damals amtierender Deutscher Meister, kam er in der letzten Saison vor Einführung der Bundesliga nur drei Mal in der Oberliga zum Einsatz, erzielte ein Tor. Während seine Mannschaftskameraden unter Profibedingungen trainierten, musste der Abiturient meist die Schulbank drücken – „deshalb hatte ich kaum Chancen, in die Mannschaft zu kommen“. Er wechselte nach Offenbach, überzeugte dort mit seiner Trefferquote.

Als sich 1966 sein Transfer nach Mainz, zum Club seines jüngeren Bruders, abzeichnete,­ widmete der „Kicker“ den Marburgern eine Titelgeschichte.­ „Die Tripps wollen 50 Tore schießen“, stand auf dem Cover der Ausgabe vom 25. April. „Es waren zumindest mehr als 40“, sagt „Schorsch“, schummelt dabei aber etwas, zählt er doch die Treffer der jeweils erfolgreichsten Spielzeiten beider im 05er-Trikot zusammen.

1969, ein Jahr nach dem Abschied seines Bruders vom Bruchweg, zog es ihn nach Frankreich. Für den FC Metz und den CS Sedan spielte er in der ersten Division, für Olympique Avignon, AS Angoulême und Stade Lavallois in der zweiten Liga. Mehr als 80 Tore­ gelangen ihm in knapp 190 Spielen. Im Trikot des Clubs aus ­Laval wurde er 1975 Torschützenkönig der zweiten Division, ein Jahr später hörte er auf.

Frankreich wurde für Georg Tripp zu einer zweiten Heimat, nach seiner Karriere war er aber zunächst einige Zeit in Deutschland aktiv. Beim Hamburger SV arbeitete er als Jugendtrainer und Scout, als Spielerbeobachter war er unter anderem auch für Hannover 96 unterwegs. 1995 wagte er einen Sprung, ging nach Afrika, trainierte dort verschiedene Clubs, etwa im ­Senegal und in Angola.

Bis 2017 engagierte er sich mehrere Jahre lang in einer vom Deutschen Olympischen Sportbund unterstützen Sportschule in Burkina Faso. „Wir haben pro Jahr 30 Jugendlichen von der Straße die Möglichkeit gegeben, Fußball zu spielen und eine Schulausbildung zu machen“, berichtet der 77-Jährige, der jetzt in der Nähe von Auxerre lebt, nicht ohne Stolz.

Die Brüder haben als Fußballer viel erlebt. Nach Jahrzehnten wieder gemeinsam dort zu stehen, wo für sie alles begann, weckt Emotionen. „Die Erinnerungen an die Zeit hier in Marburg“, sagt „Schorsch“ Tripp beim Blick auf den Platz an der Gisselberger Straße, „sind doch die schönsten. Dieser Ort ist ein ganz besonderer.“

von Stefan Weisbrod