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Saighani wagt den großen Sprung

Profi in Indien Saighani wagt den großen Sprung

Auf vieles hatte sich Masih Saighani eingestellt – aber nicht darauf, wie in Indien Fußball gespielt wird. Der Marburger erlebte auf dem Sportplatz einen Kulturschock.

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In Aktion für den Aizawl FC: Masih Saighani (vorn), hier beim 3:1-Testspielsieg gegen den Chanmari FC, freut sich auf die Saison in der indischen I-League. Foto: Johny Ngurthansanga

Quelle: Johny Ngurthansanga

Aizawl. Es wirkte schon skurril auf ihn, was in seinem ersten Testspiel für den Aizawl FC passierte: „Auf einmal springt der Linksverteidiger vorn links rum und der rechte Abwehrmann im Sturmzentrum“, beschreibt Masih Saighani das „komplette Chaos“ auf dem Fußballplatz. Schnell seien die Spieler bei seinem neuen Club, athletisch und dynamisch auch. „Die haben mit dem Ball schon was drauf“, betont der 31-Jährige. Aber taktisch, da habe es am Verständnis gefehlt. „Das war krass.“

Vor anderthalb Monaten brach Saighani auf, verließ seine hessische Heimat, flog nach Indien. Der Marburger startete in ein Abenteuer: Fußball spielen und Leben in einem Land mit völlig anderer Kultur, auf anderem Entwicklungsstand. Auch mit anderen Sportinteressen der Menschen: Das 1,35-Milliarden-Volk liebt Cricket, auch Hockey steht hoch im Kurs. Und Fußball? Wird zumindest populärer. 10 000 Zuschauer, manchmal auch 15 000, sind in der vergangenen Spielzeit zu den Heimspielen des Aizawl FC ins Rajiv Gandhi Stadium gekommen.

Selbst erlebt hat Saighani die Atmosphäre bislang nicht – die Saison in der I-League beginnt erst in einigen Tagen. Aktuell läuft noch ein Regionalturnier im Bundesstaat Mizoram. Für den Club hat es einen hohen Prestigewert, das Interesse ist dennoch überschaubar: Mal kommen 200 Fans, mal sind‘s 1 000. Zahlen, wie sie der Defensivspieler aus Verbands- und Oberliga-Partien in Deutschland kennt: Als 18-Jähriger debütierte er für den VfB Marburg in Hessens höchster Spielklasse, war später für den SC Waldgirmes, nochmals für die Marburger „Schimmelreiter“, für Eintracht Wetzlar und für die Sportfreunde Siegen aktiv. Mit dem TSV Steinbach stieg er 2015 in die Regionalliga auf. 2016 kickte er je ein halbes Jahr für Eintracht Stadtallendorf und den FC Ederbergland, danach für Türk Gücü Friedberg in der Verbandsliga Süd – näher an seiner Arbeitsstätte am Frankfurter Flughafen.
Jetzt hat er den großen Sprung gewagt, nicht nur geographisch: Erstmals in seiner Laufbahn ist er Fußball-Vollprofi.

Im Trikot Afghanistans Aufmerksamkeit erzeugt

In anderen Ländern zu kicken, das ist allerdings nichts neues für Saighani, der in Kabul geboren wurde und mit seiner Familie als Zweijähriger nach Hessen kam. Im September 2015 debütierte er für die Nationalmannschaft seines Geburtslandes, ist „sehr stolz“ darauf. Er fühle sich in Deutschland zu Hause, betont er, „aber ich bin Afghane, das bleibt in mir“. Auch bei der Südasienmeisterschaft in Indien um den Jahreswechsel 2015/2016 war er dabei und erreichte mit dem afghanischen Team das Endspiel, das gegen den Gastgeber mit 1:2 nach Verlängerung verloren ging. Der Verteidiger erzielte im Turnier zwei Tore, gehörte zu den besten Spielern – und hinterließ damit in Indien einen bleibenden Eindruck.

Ein früheres Angebot eines anderen Clubs hatte er noch abgelehnt, die Vorstellungen hätten zu weit auseinander gelegen. Die Anfrage aus Aizawl war für Saighani deutlich interessanter, auch weil der Verein amtierender Meister der I-League ist. Der Kontakt lief zunächst über seinen Berater, bei den Verhandlungen seien sich beide Seiten schnell einig geworden. „Es war eine Chance, die ich unbedingt ergreifen wollte“, sagt der 31-Jährige. Direkt für zwei Jahre, wie es der Club gern gehabt hätte, wollte er sich jedoch nicht binden. Der Kompromiss: Ein Einjahresvertrag plus Option für den Spieler für eine weitere Saison. „So kann ich erst mal schauen, ob es er mir gefällt und dann entscheiden.“

Masih Saighani (hinten links) im Aizawl-Trikot. Foto: Johny Ngurthansanga

Temperaturen von mehr als 30 Grad sind der Normalfall

Bislang zumindest fühlt er sich wohl in Aizawl, weit im Osten des Landes. In einem eigenen Apartment wurde ihm langweilig, er ist deshalb in eine WG mit mehreren Teamkameraden gezogen und versteht sich gut mit ihnen. „Es kommt vor, dass der Strom auf einmal weg ist und auch erst nach ein paar Stunden wiederkommt“, berichtet er, ansonsten lebe er auf „europäischem Standard“. Bonus: Eine Haushälterin kümmert sich um die Verpflegung der Spieler und die Sauberkeit in der Wohnung. „Wahnsinnig viele neue Eindrücke“ gewinnt Saighani, wenn er in der 290 000-Einwohner-Stadt unterwegs ist, erzählt von einem „ganz anderen Leben“: Vieles sei auf die Religion ausgerichtet, „Bars und Clubs gibt es hier nicht“. Auch das Wetter bedeutet für ihn eine Umstellung. Die Temperaturen steigen tagsüber in der Regel auf mehr als 30 Grad, die Luftfeuchtigkeit ist hoch, obwohl der Hochsommer längst vorbei ist: „Laut den Einheimischen geht es stracks auf den Winter zu.“ Trainiert wird deshalb oft vormittags; „dann sind‘s 22 oder 23 Grad, das ist besser auszuhalten“.

Auf dem Platz, das weiß er, muss er liefern, muss besser sein als die einheimischen Spieler; „sonst hätte mich der Verein ja auch nicht geholt“. Bislang, so sein Eindruck, hat er die hohen Erwartungen erfüllt, nicht nur weil er in einigen Testspielen als Torschütze glänzte. Er hat das Gefühl, seine Rolle im Team gefunden zu haben. Mit dem früheren rumänischen Junioren-Nationalspieler Andrei Ionescu bildet er die Innenverteidigung, bringt sich aufgrund seiner Erfahrung als „Lenker“ ins Spiel ein. Erfolg: „Wir spielen deutlich strukturierter.“

Saighani macht das für die bevorstehende Saison optimistisch. Der Titelgewinn des Aizawl FC in der vergangenen Spielzeit sei zwar eine große Überraschung gewesen, „aber wir wollen zumindest wieder oben mitspielen und uns für die neue Liga qualifizieren“. Denn im nächsten Jahr soll die I-League mit der zweiten Profiliga des Landes, der Indian Super League, zusammengelegt werden. Platz vier ist das Minimalziel.

von Stefan Weisbrod

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